Ein Strafprozess wegen Nötigung im Straßenverkehr, der am Amtsgericht in Haßfurt stattfand, erinnerte stark an Szenen aus dem königlich-bayerischen Amtsgericht, in dem es öfter etwas lauter zuging.

Lieblingsworte:"Komplett gelogen"

Auf der Anklagebank saß ein 57-jähriger Mann aus dem Landkreis Bamberg, der seine Lieblingsworte "komplett gelogen" immer dann fast schon inflationär gebrauchte, wenn ein Zeuge eine andere Tatversion schilderte, als er es selbst zuvor getan hatte und so die Stimmung im Saal immer explosiver werden ließ. Mitgebracht hatte der Angeklagte seine kleine Enkeltochter, die im Verlauf des Strafprozesses selbst für einen Anstieg des Lärmpegels sorgen sollte.

Laut Anklage hatte der Angeklagte am 1. Oktober vergangenen Jahres einen 36-Jährigen in einer Ortsdurchfahrt in der Gemeinde Oberaurach nachmittags fast überfahren. Der 36-Jährige stand dabei auf der Fahrbahn, um einen rückwärts fahrenden Rentner aus seinem Grundstück heraus zu lotsen.

Mit Sprung zur Seite gerettet

In diesem Moment soll der Angeklagte, ohne sein Tempo zu drosseln, auf den 36-Jährigen zugefahren sein. Nur durch einen Sprung auf die Seite habe sich der 36-Jährige retten können. Er konnte sich noch das Kennzeichen des Autos merken und erstattete Anzeige wegen Nötigung.

In der Folge erhielt der mutmaßliche Verkehrssünder einen Strafbefehl über 400 Euro und - was ihm viel mehr wehtat - ein dreimonatiges Fahrverbot. Er legte Einspruch ein, so dass es zur Verhandlung kam, bei der er sich verantworten musste.

"Komplett gelogen" waren seine ersten Worte vor Gericht, nachdem er die Anklageschrift gehört hatte. Das angebliche Opfer habe auf dem Gehsteig gestanden und sei dann auf die Fahrbahn gesprungen, um auf sein Auto loszugehen, schilderte der Beschuldigte. Um eine Kollision zu vermeiden, habe er ausweichen müssen und sei fast auf die gegenüberliegende Mauer gefahren. "Er nötigte mich, nicht umgekehrt", kehrte er vor Gericht den Spieß um. Als er danach anhielt, habe ihn der 36-Jährige angeschrien und gegen sein Auto getreten, gab er zu Protokoll.

Uneinsichtig und nicht entschuldigt

Der 36-Jährige wiederholte im Zeugenstand seine Schilderung, wie sie in der Anklage stand. Er habe den Älteren mit dem eigenen Auto verfolgt und ihn zur Rede gestellt. Da der sich nicht entschuldigte und uneinsichtig war, habe er ihn angezeigt.

Als der Angeklagte daraufhin seine Lieblingsworte wiederholte und dem vermeintlichen Opfer lautstark empfahl, "bei der Wahrheit (zu) bleiben", wurde auch die Vorsitzende, Richterin Ilona Conver, laut: "Sie verkaufen sich hier beide nicht gut. Sie sind wie zwei Kleinkinder. Wegen so was gleich zur Polizei zu rennen. Wir haben hier Wichtigeres zu tun", ermahnte sie die Streithähne und empfahl ihnen, sich gütlich zu einigen - ohne Urteil. Doch dazu kam es nicht.

Denn der Anklagevertreter wollte zunächst zwei weitere Zeugen hören, die beide die Version des Geschädigten untermauerten. Der 36-Jährige sei "fix und fertig" und schneeweiß im Gesicht gewesen, sagte der ausparkende Rentner. "Total abgesprochen. Ich glaub nix mehr", lautete der Kommentar des Angeklagten, für den sich der Prozess dann doch noch zum Positiven wendete.

Geldbuße von 30 Euro

Denn sowohl der Anklagevertreter als auch die Richterin waren der Überzeugung, dass der 36-Jährige nichts auf der Straße zu suchen hatte. Eine Nötigung habe nicht vorgelegen, sondern nur eine Gefährdung durch die "rücksichtslose Fahrweise", weshalb der Angeklagte, der bislang ein straffreies Leben führte, nur zu einer Geldbuße in Höhe von 30 Euro verurteilt wurde. Seinen Führerschein erhält er zurück.

Ilker Özalp, der Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft, bezeichnete das Auftreten des Angeklagten als "unterirdisch". "Ich hoffe, Sie hier nie mehr zu sehen", gab er dem 57-Jährigen mit auf den Heimweg.

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