Der Raum ist riesig: hohe Fenster, ein roter Steinboden, über den Sonnenstrahlen tanzen und eine Treppe, die zu einer Galerie hinaufführt.Überall stehen und liegen geflochtene Kunstwerke - Möbel, Körbe, künstlerische Objekte.

Die Werkstatt von Stefan Rippstein am Ortsrand von Sand gleicht mehr einem Atelier als einem Arbeitsraum. Hier ist es licht und ruhig und schön. Nur irgendetwas stört, will nicht ins Bild passen. Was ist das nur?
Der Sander Korbmacher-Meister steht neben einem Berg Weidenruten und flicht mit flinken Fingern einen Gartenstecken - also einen Holzpfahl mit einer geflochtenen Kugel als Zierde für den Garten. Zehn Minuten dauert es, dann ist der Handwerker fertig. "Man muss gut sein und schnell, die Qualität darf nicht leiden. Wenn ich schlaf', wird das ja nix", erklärt der 44-Jährige. Seine Handarbeit ist eine einzige fließende Bewegung.

Die Kraft und die Fertigkeit, die dahinter stecken, erkennt man spätestens dann, wenn man selbst Hand anlegt. Es ist gar nicht so einfach, eine Weide so zu biegen, wie man es möchte - und dann bricht das blöde Ding auch noch ab. "Es braucht Technik und Schnelligkeit", schmunzelt der Vater von vier Kindern. Also noch einmal von vorne: drunter und drüber, Über - und Unterbindung... Rippstein hat Erfahrung mit Anfängern. Er bietet Kurse "für Menschen, die kreativ sein wollen" an.

Werkstatt ohne Werk-Zeug

Für eine Werkstatt gibt es bei Stefan Rippstein erstaunlich wenig Werkzeug. Eine Holzlatte mit Löchern, in die Rippstein die kräftigen Weiden stellt, die das Gerüst für einen Raumteiler bilden, den er mittlerweile bearbeitet. Eine Zange, mit der er die überstehenden Enden abschneidet und ein Messer. Das war`s. "Für das Flechten braucht man keine Nägel, keinen Kleber, nur die Hände, Platz und elektrisches Licht, wenn es dunkel wird", schwärmt Stefan Rippstein.

Er liebt es, zuhause zu arbeiten. Das Haus der Familie mit den roten Holzbalken steht mitten im Grünen. Den Garten umgibt - natürlich - ein Weidenzaun. Auf dem kurzen Trampelpfad hinter dem Haus steht eine imposante Korkenzieherweide. Hier baut Stefan Rippstein auf 1200 Quadratmetern acht unterschiedliche Weidensorten an. Noch sind die Pflanzen kaum eine Handbreit hoch. Doch bis Ende des Jahres werden manche von ihnen bis zu vier Meter hoch in die Luft schießen.

Ein Idyll mit Schattenseiten

Auch wenn der Handwerker mitten in und mit der Natur tätig ist: Es ist harte Arbeit. "Ich arbeite 50, 60 Stunden die Woche", sagt er. Darum trifft es ihn, wenn Marktbesucher ihn auf sein "Hobby" ansprechen. Etwa jedes zweite Wochenende belädt der Familienvater sein Auto mit Korbwaren und verkauft sie auf Märkten in der Umgebung.

"In Sand gab es früher bestimmt 500 Korbmacher. Jeder Landwirt, Metzger oder Bäcker transportierte seine Waren in Körben. Der Korbmacher war und ist ein kreativer und ernst zu nehmender Beruf", findet er. Stefan Rippstein hat 1988 seinen Gesellenbrief an der Korbmacherschule in Lichtenfels bekommen und 1993 den Meistertitel abgelegt. Mittlerweile braucht man diesen nicht mehr, um sich als Korbmacher selbständig zu machen und auch die Berufbezeichnung hat sich geändert. "Flechtwerkgestalter heißt es heute", findet er.

Um sich gegenüber der Konkurrenz aus Nah-Ost zu behaupten, hat Rippstein seine Arbeit den Kundenwünschen angepasst. So hat er beispielsweise schon des öfteren mit Architekten zusammengearbeitet und Räume gestaltet. "Ein Korb aus China kostet fünf Euro. Ein schöner geflochtener 100 Euro. Die verkaufe ich nur noch selten", sagt er. Doch der Zeitgeist kommt seinem Handwerk entgegen. "Immer mehr Menschen achten darauf, ob die Produkte aus der Region kommen und naturbelassen sind." Jetzt wird auch klar, was die Idylle in dem lichtdurchfluteten Atelier stört: Es ist der Geruch! Der scharfe, leicht beißende Geruch der Weiden. "Die meisten mögen ihn", sagt Rippstein. Man kann`s eben nicht jedem recht machen.