60 Tote und rund 2800 Verletzte. Die Massenproteste im Gazastreifen und deren blutige Niederschlagung haben den Tag der Einweihung der US-Botschaft in Jerusalem Mitte Mai zum blutigsten im Nahost-Konflikt seit Jahren gemacht. Im 70. Jahr seit der Gründung des Staates Israel droht die Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern neuerlich zu eskalieren. Statt dem Frieden, etwa in Form einer international angestrebten Zwei-Staaten-Lösung näherzukommen, scheint die Region eher vor einer dritten Intifada zu stehen. Erst recht seit der neuesten politischen Kehrtwende durch die amerikanische Trump-Regierung.

Der brenzligen Situation ist sich Karl-Heinz Stenzel aus Ebern bewusst, der die scheinbar ausweglose Situation mit künstlerischen Mitteln zu verarbeiten sucht. Dem schwierigen Weg zum Frieden in Nahost hat der Eberner eine Skulptur aus Walnuss- und Waldlindenholz gewidmet hat.


Sehnen nach Friede und Freiheit

Immer wieder hat sich der Hobbykünstler, der seine Werkstatt im heimischen Keller eingerichtet hat, bei seinen Werkstücken von politischen Entwicklungen inspirieren lassen. Der Deutschen Wiedervereinigung beispielsweise widmete er eine Trilogie mit Arbeiten zum Thema Freiheit.
"Nahost" betitelt er die Arbeit , zu der ihn Erlebnisse bei einer Reise mit der Volkshochschule Ebern nach Israel inspiriert haben. Wenn sie auch bereits einige Jahre zurückdatieren, wird der Pensionär diese Eindrücke nie vergessen.

Als die Eberner in Palästina ankamen, war dort gerade eine Bombe hochgegangen, sodass die Reisegruppe unmittelbar in die Schrecken des Konflikts hineingerissen wurde. "Ich wäre nie auf die Idee gekommen, etwas zu diesem Thema zu machen, wenn ich das nicht selbst erlebt hätte", sagt Stenzel angesichts eines Kunstwerks von offenbar zeitloser Aktualität.

Gebietsansprüche und Grausamkeit auf beiden Seiten, Hamas-Terror hier und Unbarmherzigkeit israelischen Militärs dort, dazu erneute Feindseligkeiten mit dem Iran und eine gesamte Region neuerlich in Flammen. Das Wort Frieden hat in Nahost seit mindestens 100 Jahren einen faden Beigeschmack.


Die Liebe zum Holz

Der langjährige Polizist Stenzel hat einst Maschinenschlosser gelernt, doch seine eigentliche Liebe gehörte schon von Kindesbeinen an dem Werkstoff Holz. Ihm ist er von ersten Schnitzarbeiten im Knabenalter an treu geblieben, bis Handbeschwerden den inzwischen 78-Jährigen zwangen, das Schnitzmesser endgültig beiseite zu legen.

Seine etwa 40 Zentimeter hohe Arbeit aus dem Wurzelholz eines Eberner Walnussbaums lebt von der gewachsenen Struktur. Die Maserung hat er behutsam verfeinert. Man darf sich das Ganze wie einen Berg vorstellen, an dessen Gipfel auf einer Plattform eine Taube aus Lindenholz lockt, in zwei Körper getrennt und doch am Kopfe vereint. "Die Teilung der Taube bedeutet", erklärt Stenzel dazu, "dass sich jede Partei den Frieden nach ihrer Lesart wünscht", doch seien diese Vorstellungen bis heute grundverschieden.

Die Taube(n) hat der gebürtige Breslauer aus hellem Holz geschnitzt, als Symbol des Friedens, den alle über einen mühevollen Anstieg zu erreichen trachten: Wunschdenken der Menschen im Nahen Osten und der gesamten zivilisierten Welt.

Die Zerrissenheit des Pulverfasses Nahost indessen verdeutlicht eine dunkle, naturgewachsene Einkerbung, die Stenzel als Trennlinie deutet, wie sie im Konfliktgebiet der Fluss Jordan darstellt. Aus dem Holz hat der Bildhauer mehrere Absätze, steile Anstiege, aber auch eine kleine Treppe herausgearbeitet.

Manchem möglichen Weg fehlt der Einstieg, im übertragenen Sinn also der politische Ansatzpunkt; andere wiederum muten auf den ersten Blick wie leicht zu bewältigende Routen nach oben an, enden jedoch im Nichts, was laut Stenzel für all die fehlgeschlagenen Friedensbemühungen der letzten Jahrzehnte steht. Damit drückt der Eberner aus, "dass es zu einem Frieden zwischen Israel und den Palästinensern nur einen schweren Weg gibt, auf dem jeder Partei viel Mühe und Ausdauer abverlangt werden."


Das Hoffen bleibt

Ob diese Hoffnung je Wirklichkeit wird? Karl-Heinz Stenzel ist skeptisch, insbesondere, wenn er die Politik des heutigen amerikanischen Präsidenten betrachtet: "Trump macht mehr kaputt, als er gut macht", sagt der Hobbykünstler. Zudem verfolgten etliche Großmächte im Nahen Osten ihre eigenen Interessen. Dennoch wird Karl-Heinz Stenzel den Wunsch nach Frieden immer hochhalten - und wenn es nur mit den bescheidenen Mitteln des bildenden Künstlers ist.

Dokumentation:
Der scheinbar endlose Konflikt in Nahost 
Die Auseinandersetzung um die Region Palästina schwelt mindestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Seinen Ursprung hat der Konflikt jedoch bereits in der Antike, als im Jahr 70 die Römer den Tempel in Jerusalem zerstörten und die Juden vertrieben. Das Volk Israel war seiner Wurzel beraubt. Weltweit verstreut lebend, wurden Juden über Jahrhunderte hinweg angefeindet und verfolgt. Gleichzeitig wuchs der Wunsch nach einem eigenen Staat in Palästina.

Nach dem Ersten Weltkrieg verwaltete Großbritannien die Region im Nahen Osten und förderte die Einwanderung der Juden nach Palästina. Holocaust und Zweiter Weltkrieg ließen Hunderttausende Juden aus aller Welt nach Palästina emigrieren. Doch die Region hatten längst mehrheitlich Araber besiedelt. Um den Gebietskonflikt friedlich zu lösen, beschlossen die Vereinten Nationen die Teilung Palästinas in zwei Staaten.

Als am 14. Mai 1948 die britische Verwaltung endete und der Staat Israel ausgerufen wurde, erfüllte sich für die Juden der Traum vom eigenen Staat Israel, doch die arabische Welt griff zu den Waffen und leistete Widerstand. In sieben Kriegen seither behielt Israel die Oberhand, konnte das eigene Territorium sogar vergrößern. Hunderttausende Palästinenser flohen in arabische Nachbarländer, den Gazastreifen und das Westjordanland.


Ein Pulverfass

Diese Regionen, die Golanhöhen und die Sinai-Halbinsel kamen nie mehr zur Ruhe. Umzäunte jüdische Siedlungen zerstückelten das Territorium der Palästinenser. Immer wieder kommt es zu Terroranschlägen, beispielsweise durch radikale palästinensische Vereinigungen wie die Hamas, die 2005 die Macht im Gaza-Streifen ergriff, und zu israelischen Militäreinsätzen.

Weiterer Fokus des Konflikts: Jerusalem, wo die Amerikaner jetzt offiziell ihre Botschaft für Israel eingerichtet haben. Das Stadtgebiet wird zwar vollständig von Israel kontrolliert, doch den Osten der Stadt mit seinen historischen Stätten beansprucht bislang auch Palästina als Hauptstadt.

Die Situation ist hoch explosiv: Der Bau weiterer israelischer Wohnsiedlungen im Westjordanland und Planungen für eine Seesperre zum Gazastreifen wurden in den vergangenen Tagen angekündigt. Erst gestern wieder kam es zur neuen Eskalation und beiderseitigen Bombardements in Gaza. eki