"Oft bekommt man nicht mit, dass eine Demokratiebildung und -beteiligung stattfinden, wenn beispielsweise Menschen sich über ein Thema unterhalten", so Anja Güll vom Landratsamt Haßberge. Die Bildungskoordinatorin verspricht sich von dem Bundesprogramm "Demokratie leben!" unter anderem, dass "das Thema rund um die Demokratie in die Öffentlichkeit und in das Bewusstsein der Bürger rückt. Es geht darum, dass Menschen miteinander reden, gemeinsam handeln, einen Konsens finden und auch Verständnis füreinander schaffen. Kern der Demokratiebildung ist, eine Einstellung für Offenheit, Diskussionsbereitschaft und Meinungsbildung zu bilden."

Rassistische und menschenfeindliche Äußerungen und Handlungen gefährden die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Daher unterstützt das Bundesfamilienministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit dem Bundesprogramm "Demokratie leben!" seit 2015 Initiativen und Vereine, die sich für Demokratie und gegen Menschenfeindlichkeit einsetzen. Das deutschlandweite Programm fördert mehr als 600 Projekte mit kommunalen, regionalen und überregionalen Schwerpunkten, die sich für ein vielfältiges, gewaltfreies und demokratisches Miteinander einsetzen. Im Mai 2018 verkündete Bundesfamilienministerin Franziska Giffey die Entfristung des Bundesprogramms. Die Fördersumme für das Jahr 2019 beträgt insgesamt 115,5 Millionen Euro.

Der Landkreis Haßberge hat sich für die lokale "Partnerschaft für Demokratie", eines von insgesamt zehn Modellprojekten, beworben und jetzt den Zuschlag erhalten. Ziel ist, sich mit konkreten Maßnahmen vor Ort für Vielfalt und Demokratie stark zu machen. Um insbesondere Jugendliche für ein Engagement zu gewinnen, können sie in einem Jugendforum eigene Projekte gestalten. Die "Partnerschaften für Demokratie" bestehen aus vier Säulen:

1.) Das Landratsamt Haßberge übernimmt als federführendes Amt die zielgerichtete Zusammenarbeit aller vor Ort relevanten Akteure für Aktivitäten gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit. Die einbezogenen Akteure sollen aus allen relevanten staatlichen und demokratischen nicht-staatlichen Organisationen und Institutionen auf lokaler und regionaler Ebene kommen, die ihre jeweils spezifischen Kompetenzen und Möglichkeiten einbringen sollen. Neben der Verwaltung und der Politik sind beispielsweise Kirchen, Vereine, Verbände, Polizei, Migrantenorganisationen, Schulen und Wirtschaft im Fokus. Die Entwicklung eines demokratischen Gemeinwesens unter aktiver Beteiligung der Bürger steht im Vordergrund. Das Ziel ist eine nachhaltige Entwicklung lokaler und regionaler Bündnisse und die Weiterentwicklung einer lebendigen und vielfältigen Demokratie vor Ort. Nicht zu vergessen eine Kultur der Kooperation, des respektvollen Miteinanders und die gegenseitige Anerkennung und Unterstützung.

2.) Das Mehrgenerationenhaus (MGH) Haßfurt ist als Koordinierungs- und Fachstelle für die Umsetzung der lokalen "Partnerschaften für Demokratie" im Kreis Haßbergen zuständig. Als Erstansprechpartner bei Problemlagen koordiniert Theresa Krapf vom Haßfurter MGH die inhaltlich-fachliche Beratung von Projektträgern und die Arbeit des Begleitausschusses. Neben der Begleitung der Einzelmaßnahmen und der Vernetzungsarbeit berät und unterstützt das MGH die Bürger, die sich in diesem Themenfeld engagieren möchten. "Unter Demokratie versteht man sehr viel. Ein großer Begriff, der sich sehr vielfältig zeigen kann. Doch es beginnt schon in den Kleinigkeiten, bei dem Engagement jeder oder jedes Einzelnen. Hier setzt das Bundesprogramm an. Mit dem Slogan des Bundesprogramms "wer, wenn nicht wir" trifft es die Idee ganz gut, weil wir es selbst in der Hand haben, unsere Demokratie zu leben und zu gestalten", so Krapf vom MGH.

3.) Der Begleitausschuss als wesentliches Element wird neben Vertreter aus möglichst allen relevanten Ressorts der kommunalen Verwaltung und anderer staatlicher Institutionen mehrheitlich mit lokalen und regionalen Handlungsträgern aus der Zivilgesellschaft besetzt. In seinen Sitzungen entscheidet der Begleitausschuss dann über die eingereichten Projekte. Zudem legen die Mitglieder die Eckpunkte der Gesamtstrategie der lokalen "Partnerschaft für Demokratie" fest.

4.) Zur Stärkung der Beteiligung von jungen Menschen an der "Partnerschaft für Demokratie" wird ein Jugendforum eingerichtet, das sich eigenständig von den Jugendlichen selbst organisiert und geleitet wird. Unterschiedliche lokale Jugendszenen, die den zivilgesellschaftlichen Normen verpflichtet sind, sollen repräsentativ vertreten sein.

Das Projekt wird erst einmal bis Dezember 2019 gefördert. Sowohl der Begleitausschuss als auch das Jugendforum werden in den nächsten Wochen errichtet. Dann können die ersten Projektanträge eingereicht werden, über die dann der Begleitausschuss abstimmt. Im ersten Quartal 2019 wird es die erste Demokratiekonferenz geben, an der die Öffentlichkeit teilnehmen kann und sollte. Der genaue Termin wird noch bekanntgegeben.

Für den Polizeioberrat und Dienststellenleiter der Polizeiinspektion Haßfurt, Norbert Mohr, sind die Demokratiebildung und -förderung "immens wichtig und bedingen ein hohes Maß an Anstrengung für eine ordentliche Bildung, an der Vermittlung unserer im Grundgesetz festgeschriebener Werte und Grundrechte. Bildung ist die beste Voraussetzung, Schubladendenken zu verhindern, und die beste Vorbeugung gegen rechtsradikale Gesinnung." Außerdem verbindet Mohr mit dem Slogan "Demokratie leben!" insbesondere, dass man auf "die Würde des Menschen achten muss. Gerade im Umgang mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen oder die sich in einem Ausnahmezustand befinden. Demokratie leben heißt für mich persönlich und als Polizeibeamter auch, Vorbild zu sein, zu diskutieren, andere Meinungen zu akzeptieren, den eigenen Standpunkt zu vertreten, ohne aggressiv zu missionieren."

Für den Haßfurter Kaplan Nicolas Kehl hat die Kirche unter anderem die Aufgabe, "den Menschen nach dem christlichen Werteverständnis zu leiten und zu führen, dadurch geschieht auch Gesellschafts- und Demokratiebildung. Der christliche Wertekatalog ist ein wichtiger Grundstock für die Demokratie, und dazu gehört, Menschen aufzufangen und leben zu lassen."

Die beiden MGH-Bildungspatinnen Katharina Volk (19 Jahre) aus Dampfach und Julia Sterlings (19) aus Gädheim studieren gemeinsam Pädagogik an der Universität Bamberg. Für Volk ist die Integration ein wichtiger Bestandteil der Demokratie, weil "wenn es keine Integration gibt, dann bilden sich Gruppierungen, welches das Zusammenleben erschwert". Sie weiß aber auch, dass "die Integration in den ländlichen Regionen einfacher ist als in den Großstädten." Für Sterlings ist es auch "sehr wichtig, dass jeder gleich behandelt wird. Das MGH-Sprachcafé ist eine tolle Möglichkeit, mit Menschen aus verschiedenen Ländern ins Gespräch zu kommen. Man bekommt zum Beispiel einen besseren Einblick, wie die Realität in den Kriegsgebieten ist, was dort falsch läuft, und kann so auch verständnisvoller das Schicksal der Flüchtlinge nachvollziehen."

Die beiden Patenkinder der freiwillig engagierten Studentinnen sind Mahdi Husseini (19) aus Zeil und Ali Sajed Moradi (17) aus Haßfurt. Seit zwei Monaten kommen die Migranten ins MGH. "Man lernt viele verschiedene Leute kennen. Die Philosophie hier - nimmst du Hilfe, gibst du Hilfe - ist wunderbar. Wir kochen, backen und basteln zusammen, das ist Demokratie, das ist Entscheidungsfreiheit. Ich fühle mich sehr wohl in Haßfurt", so Husseini. Auch für Moradi ist der Kontakt zu "Mitmenschen, egal ob Einheimische oder Zuwanderer", einer der wichtigsten Bausteine für eine erfolgreiche Integration, und zwar "von beiden Seiten."

Für die Politikwissenschaftsstudentin Sose Baghumyan (26) aus Erlangen bedeutet Demokratie "einfach Freiheit." Die gebürtige Iranerin flüchtete mit ihrer Familie im Jahre 2000 aus Afghanistan und kam später in den Kreis Haßberge. "Wenn man frei und offen ist, kann man sich gut integrieren. Das Mehrgenerationenhaus hat mir dabei sehr geholfen, und so standen mir viele Türen offen, ich bin dafür sehr dankbar." Neben Tanzschulgruppenleitung im MGH bekam die ehemalige Schülersprecherin auch ein Schülerstipendium für begabte Zuwanderer in Bayern. Demokratiebildung in den Schulen ist schon immer auf der Agenda.

"Es ist besonders wichtig, deutlich über den Lehrplan hinauszugehen. Denn die Frage von Demokratie ist eine Werteerziehungsfrage, die nicht nur auf dem Papier stehen darf", meint der Rektor der Realschule Haßfurt, Hartmut Hopperdietzel. Für den Schulleiter ist die Schülermitverantwortung (SMV) ein stark ausgebauter Schritt für die Demokratie im realen Schulleben. Zahlreiche Projekte der SMV kommen verschiedenen Vereinen in der Gesellschaft zugute. "Die Schüler machen was, damit bei anderen etwas ankommt und somit zur Gemeinschaft beiträgt. Es werden Werte umgesetzt und somit auch die Demokratie gelebt", erklärt Hopperdietzel.