Neuerdings ist Galanterie in der Inspektion angesagt. Man(n) hält einander jetzt öfter mal die Türen auf und statt Pfefferspray sprüht der Charme. Durch die "Männergesellschaft" bei der Polizei in Ebern weht seit Monatsbeginn frischer Wind. Der Grund ist blond, attraktiv und 25 Jahre alt.
Scharf ist ihr Name, Vanessa Scharf. Die Polizeiobermeisterin aus Priesendorf im Landkreis Bamberg ist die erste Beamtin überhaupt, die in der Inspektion Ebern Dienst leistet.
"Die neue Zeit ist jetzt auch bei uns angebrochen", freut sich Polizeikommissar Jürgen Watzlawek, der seit dem Frühjahr die "PI 35" leitet. Das ist eine Polizeiinspektion, die auf eine "Mannstärke" von 35 angelegt ist. Wie viele Männer genau dort aktuell Dienst tun, will der Polizeichef nicht verraten. Seit 20 Jahren sind weibliche Kolleginnen gang und gäbe unter den Ordnungshütern in Bayern; auch in Haßfurt hat die Emanzipation längst die Polizeiuniform übergestreift.

91 neue Kräfte

"Wir freuen uns über die Unterstützung", sagt Watzlawek. Sonst werde das Novum nicht viel ändern, außer, dass die neue Kraft anders aussieht, "in diesem Fall sogar sehr gut."
"Die Frauenquote liegt bei knapp einem Viertel," hatte Polizeipräsidentin Liliane Matthes Anfang August bei der Begrüßung der neuen Kollegen für die unterfränkische Polizei im großen Hörsaal der Bereitschaftspolizei in Würzburg gesagt. 91 zusätzliche Beamte wurden 25 verschiedenen Dienststellen im Bezirk zugewiesen, 69 Männer und 22 Frauen. Vanessa Scharf ist eine davon. In Ebern hatte Not am Mann geherrscht, oder eben "Not an der Frau".
Die Neue in der Inspektion wundert sich über ihre Pionierrolle : "Ich glaub', Ebern war die einzige Dienststelle in ganz Bayern, in der es nur Männer gab." Jetzt hat auch die Polizei in der Stadt in den Haßbergen endlich so etwas wie eine Frauenquote.
Freilich, weibliche Bürokräfte und Auszubildende hat es schon wiederholt gegeben, doch eine verbeamtete Kollegin auf Augenhöhe gab es hier noch nie.

Wunschziel Ebern

Ebern sei ihr Wunschziel gewesen, bekennt die Oberfränkin, die nach der zweieinhalbjährigen Ausbildung bei der Bereitschaftspolizei in Würzburg sechs Jahre lang in Oberbayern eingesetzt war, zuerst in Dachau, dann in der Landeshauptstadt.Jetzt ist sie froh, zurück nach Franken gekommen zu sein, denn dort lebt auch ihr Freund, der im Raum Nürnberg im gleichen Beruf für Recht und Ordnung sorgt. "Für mich war immer klar, dass ich nach Franken zurückkomme," sagt die jungePolizeiobermeisterin. In Ebern ist sie heimatnah untergekommen.
Weder Miss Marple noch die "Tatort"-Kommissarin Lena Odenthal haben sie zur Polizei gebracht. Krimis kann die 25-Jährige ohnehin nicht leiden. Wie Fälle dort aufgeklärt werden, habe mit der Realität meist wenig zu tun. Viel mehr waren es pragmatische Aspekte, die Vanessa Scharfs Berufswahl prägten. "Man ist zu 99 Prozent sicher, dass man seinen Job nicht verliert und hat gute Aufstiegschancen".
Sicherheit also als Grund für einen Beruf, den man landläufig mit Gefahr verbindet? "Bei uns hier auf dem Land ist das ja alles nicht so schlimm," beschwichtigt die Polizeiobermeisterin, die bisher auch in München von wirklich gefährlichen Einsätzen verschont geblieben ist. Ihre Waffe zum Beispiel musste sie noch nie einsetzen. "Zum Glück", sagt sie, auch wenn sie eine gute Schützin sei. "Eine gewisse Routine" helfe dabei , Einsätze bei Unfällen zu verdauen, die einem sensiblen Menschen durchaus an die Nieren gehen können. "Das muss man wegstecken können in diesem Beruf."

Kein Vergleich zu München

Von einem "ruhigeren Arbeitsplatz" will Vanessa Scharf nicht sprechen, die Aufgaben hier seien einfach anders gelagert. Und auch die Menschen könne man nicht vergleichen.
In München kam sie immer wieder mal mit Prominenz wie Bundeskanzlerin Angela Merkel oder dem bayerischen Ministerpräsidenten in Berührung. Damit ist hier in der Peripherie nicht so leicht zu rechnen.
In ihrer neuen Dienststelle ist die "unkomplizierte" und "rundum sympathische junge Beamtin", wie sie ihre Kollegen beschreiben, offen aufgenommen worden. "Die Kollegen sind alle sehr nett und hilfsbereit, das Arbeitsklima finde ich sehr angenehm," sagt Vanessa Scharf. Und die Inspektion sei prima ausgestattet, besser als ihr bisheriger Arbeitsbereich. Als einzige Frau unter lauter Männern genießt sie zum Beispiel einen Umkleideraum und eine eigene Dusche ganz für sich allein. "Perfekt", grinst die Beamtin und schwingt sich ins Dienstauto. Streifenfahrt. Der neue Inspektionsbezirk will schließlich ausgiebig erkundet werden.