Horst M. (Name von der Redaktion geändert) lebt, wenn man es ein wenig überspitzt formulieren will, den Traum aller unartigen Kinder: Immer, wenn er etwas angestellt hat, ist sein eineiiger Zwillingsbruder Schuld.

Weil sich die beiden Männer aus dem Landkreis Haßberge zum Verwechseln ähnlich sehen und sich nicht beweisen ließ, wer denn nun der Missetäter war, blieb dem Amtsrichter Roland Wiltschka nichts anderes übrig, als ein Verfahren wegen Beleidigung gegen den Angeklagten einzustellen.

Am 18. Oktober 2012 gegen 15 Uhr soll Horst M. mit seinem Wagen einem Wohnmobil die Fahrt durch die Haßfurter Ringstraße versperrt haben, indem er mehrere parkende Autos auf seiner Seite ignorierte und in die verengte Fahrbahn fuhr.

Mann gegen Mann

Doch der Fahrer des Reisemobils beharrte auf seinem Vorfahrtsrecht. So standen sich die beiden Kontrahenten schließlich Stoßstange an Stoßstange gegenüber. "Na guter Mann", will der 66-Jährige aus Schleswig-Holstein da aus dem Fenster seines Wohnmobils gerufen haben.

Horst M. reagierte weniger gelassen. "Du verdammtes A...lo...", soll er gebrüllt haben.
Vor Gericht konnte sich der Zeuge aus Norddeutschland nicht mehr genau daran erinnern, ob er ein "verdammtes" oder ein "großes" A... geschimpft wurde. "Ist ja egal", entgegnete Richter Wiltschka: "Das A... ist geblieben."

"Nicht alle Tassen im Schrank"

Immerhin blieben Handgreiflichkeiten aus, Horst M. legte schließlich den Rückwärtsgang ein. Allerdings brachte er sein Auto anschließend so ungünstig zum Stehen, dass das 2,70 Meter breite Wohnmobil wieder nicht vorbei passte. "Da ist er noch einmal ausgestiegen und hat ,Der hat doch nicht alle Tassen im Schrank‘ geschrien", erklärte der Zeuge vor Gericht.

Zurück in Norddeutschland, erstattete der 66-jährige Tourist Anzeige gegen den cholerischen Unterfranken. Als Beweis legte er sogar ein Video von der Begegnung vor. Darauf wäre der Angeklagte einwandfrei zu identifizieren.

Gäbe es nicht einen Mann, der genauso aussieht wie er. Die Frage, ob der anwesende 68-Jährige oder sein Zwillingsbruder ihn beleidigt hätten, konnte der Zeuge nun wirklich nicht beantworten. So war die Verhandlung schnell wieder zu Ende: Dem einen Bruder konnte man nichts beweisen. Den anderen brauchte man gar nicht vorladen. Als Angehöriger braucht er keine Aussage zu machen.