Er herrschte helle Aufruhr im Landratsamt, als gegen 10 Uhr die Rundmail kursierte, wonach Teile der Behörde geräumt werden müssen, da möglicherweise eine Briefbombe eingegangen ist. Der Brief war im Postfach des Amtes gelandet und vom Boten abgeholt worden.

Als eine junge Bedienstete der Poststelle den Brief, der nur ans Landratsamt, nicht an eine Person oder Abteilung adressiert gewesen war, gegen 9.30 Uhr öffnete, fand sie neben mehreren Schriftstücken und auch kleines silbernes Päckchen, das ihr verdächtig vorkam. Sie verständigte sofort den zuständigen Leiter des Ordnungsamtes im Hause, Uli Nembach.

Die alarmierte Polizei sperrte den Haupteingang des Landratsamtes weiträumig und ließ mehrere Büro räumen. Das Gerücht, das im Amt kursierte, wonach auf dem Briefkuvert auch arabische Schriftzeichen zu erkennen gewesen seien, bestätigte die Sprecherin des Polizeipräsidiums Unterfranken, Kathrin Reinhardt, nicht.

Die Ermittlungen nahmen Kripobeamte aus Schweinfurt und Würzburg auf, per Polizeihubschrauber wurden zwei Experten der technischen Sondergruppe des Landeskriminalamtes eingeflogen, die mit ihrer speziellen Ausrüstung um 12.15 Uhr am Landratsamt vorfuhren und schon eine halbe Stunde später Entwarnung gaben. Haßfurts Polizeichef Kurt Förg schickte die wartenden Sanitäter nach Hause und entfernte eigenhändig die Absperrung in Richtung Zulassungsstelle.

Die Experten hatten festgestellten, dass der Inhalt des silbernen Päckchens nicht geeignet war, eine ernsthafte Gefährdung zu verursachen. Mit Rücksicht auf die andauernden Ermittlungen machte das Polizeipräsidium aus taktischen Gründen keine näheren Angaben zum genauen Inhalt des Briefes. Die Kriminalpolizei geht davon aus, dass der Absender des Briefes den Eindruck einer Gefährdung erwecken wollte. Wer dahinter steckt, ist aber noch ebenso unklar wie das Motiv des Absenders.

Neben den vielen Bediensteten des Landratsamtes, die von weiter entfernteren Büros aus durch die Fenster die Entwicklungen verfolgten, informierte sich auch Landrat Rudolf Handwerker ständig über den Fortgang der Dinge und harrte im Foyer gleich neben der Poststelle aus. "Mit solchen Idioten musst Du immer rechnen", schimpfte eine höherer Beamter. "Erst fackeln sie uns den Hausbriefkasten ab - und jetzt so etwas", verwies er auf einen Anschlag mit Altöl vor mehreren Monaten. "Aber wenn Du zu Baader-Meinhof-Zeiten sechs Jahre beim Bundesgrenzschutz warst, bist Du Schlimmeres gewöhnt."

Trotz des massiven Polizeiaufgebots nahm das hektische Innenstadtleben von Haßfurt kaum Notiz von der bislang einmaligen Aktion vor und im Landratsamt, obgleich der Parteiverkehr mit Ausnahme der Zulassungsstelle (mit Nebeneingang) komplett ausgesperrt blieb.

Sichtlich mitgenommen von den turbulenten Ereignissen war die junge Mitarbeiterin, die von ihren Kolleginnen getröstet wurde. "Und das passiert ausgerechnet an einem Tag, an dem ich frei habe." Und auch sie bekam den Rest des Tages frei.

"Die Kollegen haben hervorragend reagiert", lobte Personalchef Horst Hofmann seine Mitarbeiter. Seit dem Vorfall mit dem Altöl im Briefkasten seien alle "sehr sensibilisiert", und dennoch könne "so etwas immer wieder passieren". Hofmann: "Wir werden uns intern aber mit Sicherheit mit dem Vorfall beschäftigten und über weitere Vorkehrungen nachdenken."