Jetzt wissen alle Bescheid. Selina wird übel. Ihr Handy fliegt in eine Zimmerecke. Ping-Ping-Ping. Eine Nachricht nach der anderen ploppt auf dem Display auf. Erst nach der zweiten Zigarette traut sie sich, die Kommentare zu lesen. 32 Bilder hatte sie bisher auf ihrer Instagram-Seite gepostet. Doch dieses Foto ist anders als alle anderen zuvor.

Selina ist schon immer ein Außenseiter. Zumindest fühlt es sich seit ihrer Kindheit so an. Seit August vergangenen Jahres weiß die 22-Jährige endlich, woher das bedrückende Gefühl kommt, anders zu sein. Diagnose: Borderline-Persönlichkeitsstörung. Für die gelernte Schreinerin, die in Ebern eine zusätzliche Ausbildung zur Kfz-Lackiererin macht, hat der Befund etwas Beruhigendes.

Borderline: von einem Extrem ins andere

"Von jetzt auf gleich von einem Höhenflug in ein tiefes Loch zu fallen und nicht mit den eigenen Gefühlen klarzukommen - das macht einen Borderliner aus", beschreibt Selina den Zwiespalt, als sie an ihrem Esstisch Platz nimmt. Die langen braunen Locken sind zu einem Zopf geflochten, eine dicke schwarze Brille sitzt auf ihrer Nase. "Ich habe mich nirgends integrieren können, war für mich alleine und habe gemerkt: Irgendwas passt da nicht." In der Schule grenzt sich Selina immer mehr aus, ihre Noten verschlechtern sich. Bis ihre Lehrer sie dazu ermutigen, sich Hilfe zu suchen. Das war 2010. Vier Jahre lang ist sie anschließend bei der Caritas in Behandlung, nimmt an Gesprächstherapien teil.

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Doch erst ein dreimonatiger stationärer Klinikaufenthalt in Werneck schafft Klarheit. "Ich habe mich die ganze Zeit wie von einem anderen Planeten gefühlt. Und dann war da plötzlich ein Hafen für mich", erklärt Selina. "Mit dem Begriff ,Borderline‘ fühlte ich mich nicht mehr hilflos, sondern war angekommen. Seitdem kämpfe ich nicht mehr gegen mich, sondern nur noch gegen die Krankheit an."

Auf Instagram vor Hunderten offenbart

Nun hat sich Selina auf der Foto-Plattform Instagram geoutet. Rund 870 Personen verfolgen dort regelmäßig ihre Posts: Selina im weißen Flatter-Kleid und mit Blumenkranz im Haar, Selina in BH und schwarzer Lederjacke. Die 22-Jährige modelt seit mehreren Jahren nebenbei. Ein Model mit Depressionen: Was auf den ersten Blick paradox erscheint, ist für Selina ein Stück Therapie. "Ich hasse meinen Körper. Aber wenn ich vor der Kamera stehe und danach die Bilder sehe, erkenne ich endlich mal, was andere in mir sehen. Dann finde ich mich selbst schön. Die Bilder geben mir seelische Kraft."

Entdeckt wurde sie ganz zufällig beim Passfoto-Schießen. Zu dieser Zeit hatte sie bereits begonnen, Antidepressiva zu nehmen. "Dadurch habe ich 15 Kilo zugenommen und mich sehr unwohl gefühlt", erinnert sich Selina. "Aber als ich mich dann auf den Bildern gesehen habe, habe ich mich auch mit 15 Kilo mehr gemocht." Überhaupt erst vor die Kamera zu treten, kostete Selina allerdings viel Überwindung. Doch von da an wurde das Modeln zum Selbstläufer: Andere Fotografen sahen ihre Bilder und luden sie zu Shootings ein. "Ich bin dann in meiner glücklichen, kleinen Seifenblase für den Moment."

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Bis die Blase platzt. Und die bösen Stimmen wieder lauter werden. "Abschaum. Schlampe. Missgeburt." Für ihr Instagram-Foto hat Selina all die schrecklichen Beleidigungen, die in ihrem Kopf herumschwirren, auf gelbe Zettel gebannt und um ihren Spiegel herum geklebt. Im dazugehörigen Text spricht die gebürtige Brambergerin offen über ihre Persönlichkeitsstörung und Depressionen. "Ich möchte den Leuten die Angst davor nehmen, darüber zu reden. Egal, ob es um Selbstverletzung oder Suizidgedanken geht. Das Thema ist einfach wichtig, genau wie jede andere Krankheit."

Offene Worte, positive Reaktionen

Sobald sie das Foto veröffentlicht hatte, geriet Selina in Panik. Bis eine positive Nachricht nach der anderen eintraf. "Ich habe sehr viele nette Worte bekommen. Das zeigt mir, dass ich den richtigen Schritt gemacht habe. Und es bestärkt mich umso mehr, wenn ich lese, dass ich jemanden dazu gebracht habe, sich nicht mehr so hilflos und alleine zu fühlen."

"Erbärmlich, asozial, hässlich." In der Klinik hat Selina gelernt, mit diesen Gedanken umzugehen. Ein Gummiband am Handgelenk, Brause im Mund, Memory, Mandalas, Massagebälle: Solche Achtsamkeitsübungen sollen sie ablenken und ihre Sinne stärken; die Gesprächstherapie setzt sie auch nach dem Klinikaufenthalt fort.

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Doch lange Zeit war ihr Ventil ein schmerzhaftes. "Ich habe mich selbst verletzt und mache es immer noch", gibt Selina zu. "Ich will dadurch keine Aufmerksamkeit, sondern Druck abbauen: Du empfindest nichts und willst dich in die wahre Welt zurückholen. In dem Moment bist du wie im Rausch." Vor einem Shooting klärt sie die Fotografen über ihre Narben auf. "Und entweder nehmen sie mich damit oder eben nicht", sagt die 22-Jährige und schenkt sich ein weiteres Glas Tee ein. "Aber ich bin dankbar für Photoshop, sonst sähe man auf den Fotos sehr viele Narben." Bald möchte sie jedoch von einer befreundeten Fotografin Bilder machen lassen, auf denen ihre Narben zu erkennen sind.

Anfang des Jahres nahm Selina ihren Mut zusammen und meldete sich bei einem Wettbewerb für den jährlichen Handwerker-Kalender an. Mit Erfolg: Nun ziert ihr Bild den Monat Januar. Im weiteren Rennen um den Titel "Miss Handwerk 2020" ist Selina jedoch nicht mehr dabei. Die Selbstvorwürfe nagen noch immer an ihr: "Ich war natürlich darauf vorbereitet, aber trotzdem ist es wie ein freier Fall ins Nichts." Dass sie ihren Beruf nun zumindest im Kalender repräsentieren darf, erfülle sie aber mit Stolz.

In guten wie in schweren Tagen

Ihre Arbeitskollegen in Ebern wissen von Selinas Persönlichkeitsstörung. "Wenn ich einen schlechten Tag habe, respektieren sie, dass ich einfach meine Ruhe brauche. Ich habe eigentlich ganz viele Papas um mich herum, die sich um mich kümmern", sagt Selina und muss lachen. Freunden und Familienangehörigen von Betroffenen empfiehlt sie vor allem eines: Füreinander da zu sein. "Egal, ob man demjenigen gegenübersitzt oder per Nachricht erreichbar ist. Nur dass jemand da ist, das reicht eigentlich schon."

2,7 Prozent der erwachsenen Gesamtbevölkerung leiden dem "Deutschen Ärzteblatt" zufolge an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.

78 Prozent der Betroffenen entwickeln zusätzlich eine substanzbezogene Störung, beispielsweise in Form einer Drogen- oder Alkoholsucht.

Was steckt hinter der Borderline-Persönlichkeitsstörung?

Definition Die emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ wird auch kurz Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) oder Borderline-Syndrom genannt. Betroffene leiden an starken , nicht kontrollierbaren Stimmungsschwankungen, impulsivem Verhalten und oftmals einem geringen Selbstwertgefühl. Als Schwarz-Weiß-Denken mit nichts dazwischen, beschreibt Selina Lassmann die Krankheit.

Krankheitsbild Um emotionalen Spannungszuständen und dem Gefühl innerer Leere entgegenzuwirken, verletzen sich Betroffene oftmals selbst. Zusätzlich können Depressionen, Suchterkrankungen oder Essstörungen auftreten. Häufig verspüren Borderline-Patienten intensive Schuld- und Schamgefühle für ihr Verhalten. Auch zwischenmenschliche Beziehungen und der Arbeitsalltag können unter der Erkrankung leiden: "Du versuchst, Menschen an dich zu binden, aber willst sie gleichzeitig abstoßen. Du magst irgendwas sehr gerne, willst es aber gleichzeitig wieder von dir wegschieben, weil du Angst hast, dass es dich zu sehr verletzt", erklärt Selina die emotionale Zerrissenheit. Das Ausmaß der Symptome variiert bei einzelnen Patienten.

Ursachen Die Auslöser für eine Borderline-Persönlichkeitsstörung sind komplex, häufig mussten die Betroffenen schon in der Kindheit Vernachlässigung, Gewalt, Missbrauch oder andere traumatische Erlebnisse erfahren. Bei Selina konnte eine fehlerhafte Ausschüttung des sogenannten "Glückshormons" Serotonin festgestellt werden, weshalb sie mit Antidepressiva behandelt wird.

Unterstützung Die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe am Landratsamt gibt unter www.selbsthilfe-hassberge.de oder unter der Telefonnummer 09521/27-313 Auskunft zu passenden Selbsthilfegruppen. Auch die Caritas ist Anlaufstelle für Betroffene und deren Angehörige: beispielsweise bei der Haßfurter Beratungsstelle für Familien (Erziehungsberatung) unter der Telefonnummer 09521/691-0 oder beim Team des Sozialpsychiatrischen Dienstes unter der 09521/926-550.