Der letzte Strafprozess im alten Amtsgericht in Haßfurt (vor dem Umzug ins neue Gebäude) war wohl auch gleichzeitig einer der kuriosesten: Denn normalerweise muss ein Angeklagter nach dem Urteilsspruch in den Knast. Diesmal war es umgekehrt. Der 24-jährige Angeklagte aus dem nordöstlichen Landkreis, der sich wegen Verkehrsdelikten verantworten musste und von zwei Polizeibeamten aus der Justizvollzugsanstalt Kronach vorgeführt wurde, konnte nach dem Urteil das Gericht als freier Mann verlassen.

Aber der Reihe nach: Am 11. Februar vergangenen Jahres um kurz vor sieben Uhr morgens hatte ein Streifenpolizist in Ebern nach eigener Aussage vor Gericht eine "Eingebung". Er stoppte den Angeklagten, als er in seinem Auto über den Marktplatz in Ebern fuhr, und landete einen Volltreffer. 1,3 Promille Alkohol hatte der Fahrer intus. Der Führerschein war weg.

Sechs Tage später war der Angeklagte wieder mit seinem Auto unterwegs und wurde von der Polizei erwischt. Dies beeindruckte den Schwarzfahrer offenbar immer noch nicht. Denn nur zwei Tage später saß er wieder am Steuer, mit diesmal fatalen Folgen. Er übersah in Reckendorf gegen ein Uhr nachts ein Stoppschild und rammte einen Wagen, der auf der vorfahrtsberechtigten Hauptstraße fuhr. Dabei wurden die beiden Insassen verletzt. Deren Auto im Wert von 6800 Euro war schrottreif.

Der Angeklagte machte die Palette der Verkehrsdelikte voll, indem er auch noch mit seinem beschädigten Auto Fahrerflucht beging. Die Polizei fand seinen Wagen auf einer Wiese und nahm den 24-Jährigen am Vormittag fest. Um 12.37 Uhr hatte er noch einen Alkoholpegel von 0,19 Promille. Zum Tatzeitpunkt hatte er rund 1,2 Promille, ergab ein medizinisches Gutachten.

Jetzt musste der 24-Jährige auf der Anklagebank Platz nehmen, wo ihm die Staatsanwältin fahrlässige Trunkenheit im Verkehr, Fahren ohne Fahrerlaubnis, Straßenverkehrsgefährdung, fahrlässige Körperverletzung und unerlaubtes Entfernen vom Unfallort vorwarf. "Stimmt alles so", räumte der Angeklagte seine Schuld ein. Er habe im letzten Jahr alles verloren. Er habe die Wohnung räumen müssen, weil er die erhöhte Miete nicht mehr zahlen konnte. Seine Oma habe nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen und er sei obdachlos geworden. Seine Eltern seien bereits vor einigen Jahren verstorben. Mittlerweile habe er zusammen mit seiner Freundin ein Dach über dem Kopf und er wolle ab September sein Abitur nachmachen.

Die geschädigte Autofahrerin gab im Zeugenstand an, dass sie eine Schulterprellung und ein Schleudertrauma erlitten habe und vier Wochen lang krank geschrieben war. Ihr Ehemann, der auch im Auto saß, habe ebenfalls ein Schleudertrauma erlitten und sei drei Wochen arbeitsunfähig gewesen. 1200 Euro Schmerzensgeld habe sie erhalten. Als der Angeklagte sich bei ihr entschuldigen wollte, nahm sie die Entschuldigung nicht an. "Nach einem Jahr muss ich das nicht mehr tun", sagte sie.

Ein Unbekannter ist der Angeklagte vor Gericht nicht. Zwei Diebstähle und eine Trunkenheitsfahrt stehen in seinem Sündenregister. Für seinen letzten Diebstahl wurde er im vergangenen Jahr zu einer Geldstrafe in Höhe von 40 Tagessätzen zu 15 Euro verurteilt, die er nicht zahlen konnte. Stattdessen trat er eine "Ersatzfreiheitsstrafe" an, wegen der er eigentlich noch bis zum 20. April in Haft bleiben müsste. Eigentlich. Denn das Gericht bildete aus der damaligen Verurteilung und dem jetzt vorliegenden Fall eine Gesamtstrafe in Form einer siebenmonatigen Bewährungsstrafe. Das heißt: Die derzeitige Ersatzfreiheitsstrafe wurde hinfällig, weil sie in die Bewährungsstrafe mit einbezogen wurde. Kein Wunder, dass der Verurteilte noch im Gerichtssaal Rechtsmittelverzicht erklärte - ebenso wie die Staatsanwältin, die zuvor aufgrund der "Dreistigkeit" des Angeklagten eine einjährige Bewährungsstrafe gefordert hatte. So konnte der Verkehrssünder als freier Mann das Gerichtsgebäude verlassen. "Da derfst heut abend a Kerzla anzünd", beglückwünschte ihn einer der beiden Polizeibeamten, die ihn wieder zurück in die Justizvollzugsanstalt fuhren - diesmal nur, damit er seine Sachen abholen kann. Übrigens: Seinen Führerschein kann er frühestens nach einem Jahr neu beantragen. Doch darüber dachte der Freigelassene im Gericht wohl keine Sekunde nach.