Für den Bürgermeister der Gemeinde Kirchlauter dauert das Unwetter, das am Pfingstwochenende über den Landkreis Haßberge zog, bis heute an. Im übertragenen Sinne, versteht sich: Den Bereich Kirchlauter hat es am schlimmsten erwischt, und Jochen Steppert (CSU) ist seitdem kaum zur Ruhe gekommen.

An der Paßmühle, die genau an der Grenze zur Gemeinde Breitbrunn liegt, ist ein zerstörerischer Sturzbach niedergegangen, der große Schäden an Haus und Hof des Anwohners angerichtet hat. Nach Einschätzungen des Wasserwirtschaftsamtes Bad Kissingen und des Landratsamtes in Haßfurt handelte es sich bei dem Ereignis um einen Jahrhundertregen.

So etwas kommt im Durchschnitt weniger als einmal in 100 Jahren vor: Es gehen solche Wassermassen nieder, dass ein Schaden nicht zu vermeiden ist. In so einem Fall würden auch keine weitere Schutzmaßnahmen wie Regenauffangbecken greifen, erklärt Frank Pilhofer vom Wasserwirtschaftsamt. "Das ist alles runter gelaufen auf einer Fläche von einem Quadratkilometer", sagt er. 30 Liter Wasser pro Quadratmeter in 20 Minuten seien an der nächstgelegenen Niederschlagsmessstation in Lohr (Gemeinde Pfarrweisach) gemessen worden. Pilhofer geht davon aus, dass es an der Paßmühle noch höhere Werte gab.

Gemeinde muss Bachbett richten

Für einen Großteil der Wiederinstandsetzung des Bachbettes (darin fließt ein Rinnsal, das am Wochenende zu einem reißenden Fluss anschwoll) ist Kirchlauter zuständig, weil es sich um ein Gewässer dritter Ordnung handelt. Das Wasserwirtschaftsamt wird nur beratend tätig und unterstützt die Gemeinden bei der Schadensabwicklung.

Aber: "Solange die Hallen stehen, können wir im Bach nichts machen", sagt Bürgermeister Steppert. Gemeint sind zwei genutzte landwirtschaftliche scheunen artige Gebäude, die einzustürzen drohen: Der Sturzbach hat das Erdreich unterhalb der Hallen so weit ausgespült, dass ein großer Teil des Untergrunds einfach abgesackt ist. Die Hallen stehen jetzt direkt am Abgrund, das Landratsamt in Haßfurt hat am Dienstag ein mündliches Nutzungsverbot ausgesprochen.

Möglicherweise werden die Hallen nun abgerissen, bevor sie in den Bach stürzen und die Aufräumarbeiten noch komplizierter werden. Jochen Steppert jedenfalls würde in der jetzigen Situation keinen Arbeiter ins Bachbett schicken: "Da geht nur ein Lebensmüder rein."

Friedhofsmauer abgesackt

Kirchlauter hat weitere Schäden zu verzeichnen: In der Ortschaft Neubrunn wurde von den Wassermassen im hinteren Bereich des Friedhofs die meterhohe Friedhofsmauer weggedrückt. Sie liegt jetzt zerborsten auf zwei Grundstücken verteilt unterhalb des Gottesackers, jede Menge Erde und Schutt zeigen auch dort ein Bild der Verwüstung.

Am etwas höher gelegenen Friedhof wurde das Erdreich notdürftig aufgefüllt und abgestützt, damit nicht ein nahe gelegenes Grab abrutscht. Unten ist die Mauer auf der einen Seite in das Grundstück von Heinrich Derra gestürzt und hat einen Geflügelstall zur Hälfte plattgemacht. Vier Hühner und drei frisch geschlüpfte Enten sind dabei ums Leben gekommen. Über das Unwetter, das gegen 16.30 Uhr über Neubrunn hereinbrach sagt Derra: "Das war Chaos. Es ist finster geworden. Du hast Licht gebraucht im Haus."

"Richtiges Katastrophengebiet"

Seit Anfang der Woche laufen nach Auskunft Jochen Stepperts Gespräche mit anderen Behörden, wie es nach dem Unwetter nun weitergehen soll. Seine Gemeinde, Breitbrunn, das Landratsamt und das Wasserwirtschaftsamt in Bad Kissingen suchten derzeit nach Lösungen. "Es geht nur zusammen vorwärts", sagt Steppert. Das sei keine 08/15-Baustelle, "das ist ein richtiges Katastrophengebiet", erklärt der Bürgermeister vor allem in Bezug auf die Verwüstungen bei der Paßmühle.

Landrat Rudolf Handwerker (CSU) erklärte auf Anfrage des Fränkischen Tages, dass das Landratsamt zwei Lkw des Kreisbauhofes zur Verfügung gestellt hat, um Schlamm, Schutt und Geröll an der Paßmühle abzustransportieren. Seitens der Gemeinden wurde ein Bagger geordert.

Bei diesen Sofortmaßnahmen geht es laut Handwerker darum, Durchgänge im Bereich der Paßmühle wieder freizuräumen. Auch über einen Entschädigungsfonds haben die beteiligten Behörden nachgedacht, allerdings steht die genaue Schadenssumme noch nicht fest. Erst, wenn die ermittelt ist, erklärt Handwerker, könne man Näheres zu einem Fond sagen.

Schätzungen zufolge dürften die Unwetterschäden im Bereich um die 150   000 Euro liegen, hinzu kommen weitere 50   000 Euro an Straßenschäden im Kreisgebiet, davon allein 30   000 Euro an Kreisstraßen. Nach Auskunft des Landrats könne man sich darüber aber erst im Laufe der kommenden Wochen klar sein. Auch für den mit langjähriger Erfahrung gewappneten Kreis-Chef Handwerker ist die Situation neu, wie er sagt: "Ich habe sowas in meiner Laufbahn noch nicht erlebt."

Bei dem Unwetter am Pfingstsonntag ist es am späten Nachmittag im gesamten Landkreis zu heftigen Regenfällen mit starkem Wind gekommen. In etlichen Ortschaften ist dabei Schaden entstanden. Keller und Straßen wurden mit Schlamm und Wasser vollgespült. Rund 500 Feuerwehrleute, weitere Rettungskräfte und zahlreiche freiwillige Helfer hatten die gröbsten Schäden bis zum Pfingstmontag beseitigt.