"Baustile sind der Ausdruck einer Zeit", sagte Domkapitular Monsignore Georg Kestel. "Wir sollten aber nicht die Baustile favorisieren, sondern zeigen, dass wir die Kirche aus lebendigen Steinen sind und dort einkehren, um die Frohe Botschaft zu feiern."
Diese Worte gebrauchte der Domkapitular beim Festgottesdienst anlässlich des 50-jährigen Bestehens der neuen St. Ägidiuskirche in Kirchaich. Und: "Als Denkmäler stehen sie (die Baustile, die Red.) jedoch für die Gegenwart Gottes sowie gegen die Gedankenlosigkeit und Gottlosigkeit unserer Zeit."


Feierliche Kirchenparade

Mit einem großen Pfarrfest feierte die Kirchengemeinde Kirchaich dieses Jubiläum, das mit einer feierlichen Kirchenparade vom Dorfplatz zum Gotteshaus eröffnet wurde. Diese führte um die alte Kirche und dann in die neue Kirche, die vom Architekt zu einer Einheit zusammengeführt wurde, entsprechend auch den Aussagen des Konzils, "Bewährtes weiter zu führen, aber sich auch zu öffnen für neue Herausforderungen", betonte Pastoralreferentin Andrea Friedrich bei ihrer Begrüßung der Ehrengäste. Unter ihnen waren MdL Steffen Vogel, Landrat Wilhelm Schneider, Oberaurachs Bürgermeister Thomas Sechser und Bürgermeisterin Maria Beck aus Priesendorf.

Domkapitular Georg Kestel lenkte den Blick zu Beginn seiner Festpredigt auf die Kirche St. Petri im russischen Petersburg, die zu Sowjetzeiten zu einem Hallenbad umgebaut worden war. Ein Mann habe später, als die Kirche wieder im Dienste der Religion stand, ins Gästebuch geschrieben: "Ich bin hier geschwommen, bitte vergebt mir!" Darauf habe der Kirchenvorstand dazu geschrieben: "Das ist ein Denkmal für das, was nicht sein darf". Wenn man heute in Kirchaich das 50. Jubiläum begehe, "dann ist dies auch ein Beispiel für die Kirche und die Religionsfreiheit in unserem Land, aber auch ein Denkmal für etwas, was sein darf und bleiben muss. Es ist ein Denkmal für Glaube und Hoffnung."

Er zitierte hier aus einer Schrift: "Ich möchte nicht in einer Welt leben ohne Kathedralen. Ich brauche diese Schönheit und Erhabenheit gegen die Gottlosigkeit und Gedankenlosigkeit der Welt." Auch die neue Kirche in Kirchaich gleiche einem Zelt Gottes, "in dem wir uns als lebendige Bausteine versammeln."


Spannungsmomente

Georg Kestel ging, ausgehend vom Evangelium, auch auf die Spannungsmomente für das Reich Gottes und die Spannung zwischen Saat und Ernte ein. Vielleicht sei man zu lange die Erfolgsgeschichte gewohnt gewesen, "dass wir mehr ernten könnten als zu säen."

Auch in der Kirche sei die Ernte nicht mehr so leicht und es falle Vieles auf dünnen Boden, auf Felsen oder zwischen Dornen. Trotzdem müsse man nachdenken und für manche Ernte froh und dankbar sein. "Man sollte einfach Undankbarkeit zu einer Todsünde rechnen", zitierte er Peter Handtke. Diese Spannung zwischen Säen und Ernte müsse man aushalten. Das gelte aber nicht nur für das Gottesbild. Wenn Jesus das Reich Gottes mit der Saat verglichen habe, dann habe er auch immer Weizen und Unkraut gleichzeitig genannt.
Ebenso habe man in den Dörfern früher ein geschlossenes Milieu vorgefunden, das aber auch aufgebrochen sei. Nicht jeder würde eben mehr getauft, gehe zur Kommunion oder feiere eine kirchliche Trauung. Man müsse auch hier Geduld haben, nicht alles sei gut oder schlecht, Vieles liege in der Mitte und Gott allein stehe das letzte Urteil zu. Im Blick auf das "Tor zur großen Freiheit" sei niemand fertig im Glauben. Da könne noch mancher Weizen verborgen sein. So wünschte er auch für den Glauben diese Geduld und den Mut des Zupackens.


Bilderausstellung zum Jubiläum

Weiter ging es dann mit Programmpunkten mit dem Kindergartenverein, den Senioren und einer Bilderausstellung, welche Gerhard Steinhäuser und Kreisheimatpfleger Christian Blenk über die Kirchengeschichte und den Neubau zusammengetragen hatten. Die "Aicher Blaskapelle" sorgte für die musikalische Unterhaltung.