War der Auffahrunfall, der sich 3. November 2011 auf der A 70 ereignet hatte, auf eine Übermüdung des Fahrers zurückzuführen? Diese Frage konnte im Laufe der der Verhandlung am Haßfurter Amtsgericht am Freitag nicht mit hundertprozentiger Sicherheit beantwortet werden. Deshalb wurde das Verfahren gegen den Unfallverursacher mit der Auflage eingestellt, dass er an den Unfallgegner eine (Teil-)Wiedergutmachung von 1500 Euro leistet.

Etwa gegen fünf Uhr in der Früh war an diesem Tag der 22-jährige Angeklagte in Sonneberg gestartet. Auf dem Beifahrersitz seines Kleinbusses saß sein befreundeter Arbeitskollege, und auf der Rücksitzbank nahm sein Vater Platz. Alle drei wollten als Montagearbeiter zu ihrer Arbeitsstelle nach Frankfurt am Main fahren.

Zunächst war alles normal

Die Fahrt verlief zunächst völlig normal. Gegen 6.45 Uhr näherte sich der Kleinbus, ein Mercedes Vario, der Ausfahrt bei Theres. Rechts schräg vor dem Kleinbus war ein Golf-Fahrer aus dem Haßbergekreis gerade dabei, seinen Wagen zu beschleunigen, um auf die Fahrspur der Autobahn wechseln zu können. Eigentlich eine "Allerwelt-Situation", wie sie sich alltäglich zigtausend Mal auf Deutschlands Fernverkehrsstraßen abspielt.
Was passierte dann? Um den Unfallhergang aufzuklären, hatte das Gericht einen Sachverständigen beauftragt, ein Gutachten anzufertigen. Anhand der Reifenspuren, der Unfallschäden und der Aussagen der Beteiligten konnte der Unfall rekonstruiert werden. Demnach betrug der Abstand zwischen dem auf die Fahrbahn einscherenden VW Golf und dem auf eben dieser Spur fahrenden Transporter 30 Meter.

Einschätzungen

Dadurch, dass so kurz vor ihm ein Auto auf seine Fahrbahn einbog, wurde der Mercedes-Fahrer behindert, bewertete der Gutachter diesen Vorgang. Allerdings hätte ein aufmerksamer Fahrer den Aufprall leicht verhindern können - indem er kräftig bremst oder nach links auf die freie Überholspur ausweicht.
Der Angeklagte aber reagierte nach den Worten des Spezialisten "atypisch": Er fuhr leicht nach rechts und rammte mit seinem linken Kotflügel den Golf an der rechten Heckseite.

Die Geschwindigkeiten

Zum Zeitpunkt des Aufpralls fuhr der Golf 96 Stundenkilometer, der auffahrende Mercedes etwa 30 Stundenkilometer schneller. Das von hinten gerammte Fahrzeug wurde so heftig gegen die Mittelleitplanke geschleudert, dass sogar Fahrzeugteile auf die gegenüberliegende Fahrbahn flogen. Beide Unfallwagen hatten danach nur noch Schrottwert, und einige andere Autos auf der anderen Fahrbahnseite wurden ebenfalls erheblich beschädigt.

Die Frage, ob der Unfallverursacher übermüdet oder lediglich gedankenversunken und unaufmerksam war, ließ sich im Gerichtssaal nicht hundertprozentig klären. Zudem trifft den einscherenden Fahrer zumindest eine geringe Mitschuld. Von daher willigte auch Staatsanwalt Matthias Kröner ein, das Verfahren gegen eine Auflage einzustellen. Als (Teil-)Wiedergutmachung muss der Angeklagte an den Golf-Fahrer 1500 Euro zahlen. "Alle hatten ein wahnsinniges Glück", meinte Richter Roland Wiltschka, dass - abgesehen von einigen Prellungen und Schürfwunden - nur Sachschaden beim Unfall entstand.