Ein Zeichen, bitte! Der Schrei durchdringt die geschlossene Flügeltür zum Flur vor dem Kreißsaal. Es folgt ein zweiter. Großer Schmerz? Hört sich zumindest so an. Großes Glück? Aber ja: Wenig später erblickt ein gesunder Bub die Welt. Einer, der später einmal sagen können wird: "Ich bin in Haßfurt geboren!" Oder, in Anlehnung an einen berühmten Song von Bruce Springsteen: "Born in the Haßfurt-Klinik".

Aber übertreiben wollen wir nicht, denn tatsächlich ist es ein ernstes Thema. Die Geburtenstation der Haßberg-Kliniken im Haus Haßfurt steht nämlich vor dem Aus, wie Anfang der Woche bekannt wurde. Zehn Hebammen sind dort beschäftigt und die waren natürlich geschockt, als sie die Nachricht erhielten. Zwei der Hebammen, Annette Storkan und Anne Bedruna, hat der Fränkische Tag zum Wochenende erneut zum Gespräch getroffen, denn ihre Woche hatte es in sich: Interviewanfragen der lokalen Zeitungen sowie auch überregionaler Medien (Funk und TV), dann eine Facebookgruppe, die innerhalb kürzester Zeit über 6000 Mitglieder gewann und noch weiter wächst und eine Online-Petition mit über 4000 Unterschriften, ebenfalls weiter ansteigend. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit sowie der Politiker und Entscheider ist geweckt. "Es ist in aller Munde, wir werden überall angesprochen", sagt Anne Bedruna.


Hin und her gerissen

Storkan, Bedruna und ihre Kolleginnen sind in diesen Tagen hin und her gerissen zwischen Bestürzung ob des drohenden Verlusts der Geburtenstation und großer Dankbarkeit und Freude ob der enormen Unterstützung aus der Bevölkerung. Eigentlich war auch ein Fototermin mit den beiden im Kreißsaal geplant, aber der war belegt: Eingangs erwähnter Bub kam da gerade auf die Welt. "Wir haben im Moment noch drei weitere werdende Mütter hier", sagt Annette Storkan und lacht. Da ist ja das Zeichen! Vier Frauen, die just dann in Haßfurt ein Kind zur Welt bringen, als darüber gesprochen wird, dass die zwischen 350 und 400 Geburten pro Jahr nicht ausreichen, um die Station weiter finanzieren zu können.


Über 200 Geburten mehr pro Jahr

Denn, wie Klinik-Verwaltungschef Stephan Kolck erklärt: Die Geburtshilfe hat "in dieser Größenordnung" kaum eine Chance zu bestehen. Etwa 600 Geburten pro Jahr wären notwendig, um eine finanziell tragbare Lösung zu finden, sagt er. Allein die 24-Stunden-Bereitschaft der Ärzte verursache jährliche eine halbe Millionen Euro Verlust, hinzu kommen weitere Kosten für Personal und Betrieb. Allerdings: Wenn sich nach Angaben von Kolck die Geburtenzahlen seit 2008 relativ konstant bewegen (im Schnitt etwa eine Geburt pro Tag), warum hat man dann die Geburtshilfe-Station im Jahr 2011 noch ausgebaut? Damals war die Gesamtsituation der Haßberg-Kliniken noch eine andere, erklärt Kolck. Da gab es noch aus anderen Bereichen Deckungsbeiträge, "mit denen wir die Geburtshilfe querfinanzieren konnten". 2009 und 2010 etwa schrieben die Kliniken mit den drei Standorten Haßfurt, Hofheim und Ebern noch schwarze Zahlen, ehe 2011 die Gewinne einbrachen. Für 2015 steht schließlich ein Gesamtdefizit von rund drei Millionen Euro im Raum. Sparmaßnahmen sind da laut Kolck notwendig.

Ließe sich denn eventuell Geld über Sicherstellungszuschläge (grob: vom Staat geförderte Subventionen für unterversorgte Regionen) bekommen? Kolck bezweifelt das. Das Kliniknetz im Umkreis ist relativ dicht, eine Erreichbarkeit innerhalb von 30 Minuten der umliegenden Krankenhäuser sei in der Regel gegeben. Sicherstellungszuschläge gibt es nur, wenn dies nicht der Fall ist.


Vogel sieht eine Chance

Gibt es trotzdem eine Chance für die Haßfurter Station? Ja, sagt Steffen Vogel, der CSU-Landtagsabgeordnete für den Stimmkreis Haßberge/Rhön-Grabfeld. "Die große, engagierte Diskussion in der Öffentlichkeit und den sozialen Medien kann als Chance für eine Zukunft der Geburtshilfe gesehen werden." Noch nie hätten Mütter öffentlich deutlich gemacht, wie gut betreut und umsorgt sie ihr Kind in Haßfurt zur Welt bringen konnten, erklärt der Politiker. "Dies ist die beste Werbung für unsere Geburtsstation." Dieser Schwung und die drohende Schließung könne dazu führen, dass mehr werdende Mütter sich nun bewusst dafür entscheiden, "eben nicht nach Coburg, Bamberg oder Schweinfurt zu gehen, sondern in Haßfurt zu entbinden." Noch in den 90er Jahren haben laut Vogel jährlich bis zu 1000 Frauen aus dem Landkreis Haßberge ein Kind bekommen, 70 Prozent davon brachten es in Haßfurt zur Welt. "In den letzten Jahren sank die Zahl der Frauen aus dem Landkreis, die Kinder bekommen haben, auf unter 700", erläutert er weiter. Allerdings entscheiden sich nur rund die Hälfte dieser Frauen für die Geburtssation Haßfurt. Gelänge es, diesen Trend wieder umzukehren, hätte die Geburtshilfe Haßfurt eine Chance.

Für die Hebammen wäre das eine große Sache. "Wir wollen auch nicht die großen Kliniken schlecht machen", sagt Anne Bedruna. Die leisteten sehr wohl gute Arbeit. Jedoch gerieten auch die Kollegen dort an ihre Belastungsgrenzen und müssten in weniger Zeit mehr werdende Mütter betreuen. Wenn kleine Stationen wegfallen, steige die Belastung in den großen Häusern weiter an. Das sei auch gerade der Pluspunkt in Haßfurt: "Das Familäre. Hier ist man keine Nummer", sagt Bedruna.