Plötzlich stehen sie auf der Fahrbahn: Fuchs, Reh oder Wildschwein. Gerade im Herbst steigt die Gefahr von Wildunfällen. Und nicht immer gehen diese Kollisionen für die Menschen glimpflich aus.

Die Tage werden kürzer, viele Tiere aktiver: Im Herbst steigt die Gefahr von Wildunfällen. Die Polizei in Bayern nimmt inzwischen gut 63 000 Wildunfälle im Jahr auf, das sind 15 000 oder fast ein Viertel mehr als vor zehn Jahren. Die Sachschäden gehen in die Millionen.

Michael Zimmer, Pressesprecher im unterfränkischen Polizeipräsidium in Würzburg, erklärt auf Anfrage unserer Zeitung, dass die Fallzahlen auch in Unterfranken steigen. Von Januar bis August 2015 nahm die Polizei 5050 Wildunfälle auf; dabei wurden 38 Personen verletzt. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es noch 4471 Wildunfälle in Unterfranken. Allerdings gab es mehr Verletzte (45).


Die Zahlen steigen

Besonders der Kreis Haßberge ist von den Wildunfällen betroffen. In den ersten neun Monaten des Jahres 2015 (Januar bis September) nahm die Polizei im Landkreis 629 Wildunfälle auf. Das ist ein Rekordwert. In den vorangegangen vier Jahren gab es folgende Wildunfallzahlen jeweils für die ersten neun Monate des Jahres: 2011 waren es 513 Wildunfälle, 2013 waren es 517 Auto-Tier-Kollisionen, 2013 gab es 442 Wildunfälle und 2014 dann 468. Im Vergleich von 2014 auf 2015 (629) haben die Unfälle mit Tieren im Landkreis Haßberge um etwa ein Drittel zugenommen, wie aus der Polizeistatistik hervorgeht, die Werner Rottmann von der Inspektion in Haßfurt unserer Zeitung zur Verfügung stellte.

Insbesondere in der Morgen- und der Abenddämmerung sowie im Frühjahr und im Herbst besteht laut Polizei eine erhöhte Gefahr für Wildunfälle. Das höchste Risiko besteht statistisch gesehen von 5 bis 7 Uhr und von 21 bis 23 Uhr. Zu diesen Zeiten passieren laut den Zahlen des bayerischen Innenministeriums über 37 Prozent der gesamten Wildunfälle. Vorsicht sei besonders an Stellen geboten, an denen oft Wildwechsel stattfindet - wie beispielsweise Waldränder oder auch Stellen auf Landstraßen, die durch Naturschutzgebiete führen. "Dort sollte man besonders bremsbereit sein und am besten langsamer fahren. Auch auf einen ausreichenden Sicherheitsabstand zu dem vorausfahrenden Fahrzeug sollte geachtet werden", mahnt Polizeisprecherin Anne Höfer vom Polizeipräsidium Oberfranken (Bayreuth).


Population um 25 Prozent gestiegen

Für bayerische Forstwissenschaftler ist die immense Zahl der Rehwild-Unfälle der Beleg dafür, dass in den Wäldern so viele Rehe leben wie seit langem nicht mehr. Deren Population sei binnen zehn Jahren sicher um durchschnittlich 25 Prozent angestiegen, heißt es dazu in diversen Veröffentlichungen der Fachleute.

Auch der Präsident des Jagdverbands, Jürgen Vocke, sagt, dass es immer mehr Rehe gibt. Aber dies sei gewiss nicht der einzige Grund dafür, warum die Zahl der Wildunfälle ansteigt. Für Vocke spielen auch das immer dichtere Straßennetz, der immer stärkere Verkehr und der hohe Freizeitdruck auf die Wälder eine wichtige Rolle. Sein Fazit: "Unser Wild hat kaum noch Räume, in denen es Ruhe hat."

Sogar die Zeitumstellung kann zu Problemen führen. Denn Tiere haben eine innere Uhr und stellen sich auf die Hauptverkehrszeiten ein. Verändern sich diese wegen der Uhrenumstellung, gerät der Rhythmus des Wildes aus dem Takt.

Auch die Brunftzeit führt dazu, dass Reh-, Damwild und Co. vermehrt die Verkehrswege der Menschen queren. Von jetzt bis Dezember finden vielerorts Ernte- und Drückjagden statt, bei denen das Wild zusätzlich in Bewegung gebracht wird.

Die Polizei in Haßfurt hat eine weitere Ursache für die vielen Wildunfälle 2015 ausgemacht. In einem Gespräch mit Jagd- und Forstexperten hat sich herausgestellt, dass der trockene Sommer eine Mitschuld an den rasant gestiegenen Wildunfällen hat, wie Stefan Scherrer (Haßfurt), Verkehrsexperte der Polizei für den Landkreis, erklärt. Da viele Futterplätze vertrocknet sind, gingen die Tiere verstärkt auf Wanderschaft.


Brennpunkte

Ungeachtet dessen ignorieren viele Autofahrer die Warnungen vor Wildwechsel. Auf dem Weg zur Arbeit sind viele mit viel zu hohem Tempo unterwegs. Die Polizei hat in den vergangenen Jahren an den Brennpunkten besonders große Wildwechsel-Schilder aufgestellt.

Trotzdem achten Autofahrer nicht darauf. Ein bisschen weniger Tempo kann schon helfen, dass ein Wildunfall vermieden wird. Das Verhalten der Autofahrer habe sich nicht geändert, bedauert die Polizei. Kommt dann noch ein Faktor wie der heiße Sommer hinzu, steigen die Zahlen. "Wir kommen keinen Tag ohne Wildunfall aus", beschreibt Scherrer die aktuelle Situation.

Das Problem: Häufig werden Wildunfälle unterschätzt. Ein 20 Kilogramm schweres Reh besitzt bei einer Kollision mit Tempo 100 ein Aufschlaggewicht von fast einer halben Tonne, unterstreicht der Deutsche Jagdverband (DJV) in einem Ratgeber.


Fünf Verhaltenstipps für Autofahrer im Herbst

1. Wie vermeiden Sie einen Wildunfall?
Der einzig gute Unfall ist der, der nicht passiert. Darum sind besonders bei widrigen Verhältnissen in der kalten Jahreszeit erhöhte Aufmerksamkeit, eine vorausschauende Fahrweise und eine niedrigere Geschwindigkeit wichtig. Der TÜV Süd empfiehlt den Autofahrern außerdem: "Behalten Sie die Fahrbahnränder im Auge und halten Sie einen Sicherheitsabstand zum rechten Fahrbahnrand." Außerdem treten die Tiere meist in einer Gruppe auf und verlassen nicht immer die Fahrbahn, wenn ein Auto erscheint.

2. Wie reagieren Sie richtig, wenn ein Tier vor Ihnen auftaucht?
Die Verkehrsexperten von TÜV, des Deutschen Jagdverbandes (DJV) und ADAC sind sich einig: Abblenden, Bremsen und Hupen sind die einzig wirkungsvollen Maßnahmen, um eine Kollision zu vermeiden. Dennoch steht immer das Leben der Menschen im Vordergrund. Autofahrer sollten nie ihr Leben oder das anderer Verkehrsteilnehmer aufs Spiel setzen. "Um einen Zusammenstoß mit einem größeren Wild zu vermeiden, sollten dennoch keine riskanten Ausweichmanöver stattfinden, insbesondere wenn Gefahr für den Gegenverkehr besteht oder für einen selbst, die Kontrolle zu verlieren und beispielsweise gegen einen Baum zu prallen. Oftmals entstehen gravierendere Verletzungen bei einem Unfall durch das Ausweichen vom Wild als bei einer Kollision. Eine Vollbremsung auch nur dann durchführen, wenn keine Fahrzeuge nachfolgen", rät Anne Höfer vom Polizeipräsidium Oberfranken. Experten des DJV ergänzen: "Lässt sich ein Zusammenprall mit dem Wild nicht vermeiden, Lenkrad gut festhalten und weiterfahren."

3. Worauf müssen Sie nach einem Zusammenprall achten?
Nach einem Wildunfall sollten sich Autofahrer zuerst wie nach jeder anderen Kollision verhalten: "Nach Wildunfällen sollten Autofahrer das Warnblinklicht einschalten, eine Warnweste anziehen und die Unfallstelle mit Warndreieck sichern," schreiben die Fachleute des ADAC. Gibt es Verletzte, müssen diese versorgt werden, gegebenenfalls einen Krankenwagen rufen.

4. Was passiert nun mit dem Tier?
Der DJV empfiehlt, tote Tiere umgehend an den Fahrbahnrand zu schaffen. So sei die Gefahr für den nachfolgenden Verkehr am geringsten. Ist das Tier tot, dürfen Autofahrer den Kadaver auf keinen Fall mitnehmen. "Die Mitnahme von überfahrenem Wild erfüllt laut Strafgesetzbuch den Straftatbestand der Jagdwilderei", so Höfer vom Polizeipräsidium in Bayreuth. In jedem Fall müssen Autofahrer die Polizei und die jeweilige Forstdienststelle verständigen und den Schaden melden. Nur die Behörden können den Unfall korrekt aufnehmen und eine Bescheinigung dafür ausstellen - und die ist notwendig für die Versicherung des Fahrers. Ist das Tier angefahren und flieht, muss zudem der für das Revier zuständige Jäger benachrichtigt werden, rät der Jagdverband. Er würde dann gegebenenfalls das Tier verfolgen und wenn nötig von seinem Leid erlösen.
5. Wann zahlt die Versicherung den Schaden am Auto?
Kathrin Jarosch vom GDV (Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft) weist darauf hin, dass die Teilkaskoversicherung Schäden am eigenen Fahrzeug zahlt, die durch Haarwild wie Rehe und Wildschweine verursacht werden. "Da in der Vollkaskoversicherung jeder Unfallschaden versichert ist, reguliert diese Versicherung ebenfalls Schäden nach einem Wildunfall", sagt Jarosch. Ein Tipp von der Versicherungsexpertin: Fotos vom Unfallort, vom Tier und vom Fahrzeug beschleunigen die Abwicklung des Schadens deutlich, dienen außerdem als Gedächtnisstütze für die Geschädigten, die sich nach einem Unfall ohnehin meist in einer Stresssituation befänden. pg