Erst flog eine Handgranate, dann fielen Schüsse. Ein fahnentreuer, deutscher Offizier wollte in Kirchlauter das Deutsche Reich retten. Der Donnerstag nach dem Weißen Sonntag des Jahres 1945 sollte als blutiger Tag X in die Geschichte des Dorfes eingehen.

Beim Einmarsch der US-Truppen am frühen Morgen des 12. April vor 70 Jahren war ihnen ein Einheimischer entgegen gelaufen und hatte erklärt, dass der Ort frei von Soldaten sei. Noch in der Nacht hatte man die eben erst aufgebauten Panzersperren wieder abgerissen.

Was der "Hebamms Gaber" zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: In dieser Nacht hatten sich deutsche Soldaten in der unteren Wirtschaft einquartiert. "Sie befanden sich auf dem Rückzug von Ebern her, es waren Versprengte und Fahnenflüchtige im Dorf", erzählte Altbürgermeister Peter Kirchner am Donnerstag beim monatlichen Seniorentreffen im Oskar-Kandler-Zentrum, zu dem auch 24 Zeitzeugen gekommen waren, die das Kriegsende in Kirchlauter hautnah miterlebt hatten und denen bei ihren Erzählungen bisweilen die Stimme stockte oder die Tränen kamen. Mit dabei auch Hilda Weidner, damals 25 Jahre alt.

Stunden unter Beschuss

Sie alle waren froh, mit dem Leben davon gekommen zu sein. Denn für einige Stunden tobte eine Schlacht um Kirchlauter, bei der 20 Soldaten den Tod gefunden haben.

Das erste Opfer war ein US-Infanterist, der arglos auf einem Panzer saß und von einem Heckenschützen heruntergeschossen und dann vom Panzer überrollt wurde. "Der hatte seinen Helm im Genick und sein Gewehr locker über den Beinen liegen gehabt", wusste eine Augenzeugin.

Weitere Zielscheiben der Heckenschützen waren ein US-Soldat sowie der Schlossverwalter Peter Laubender gewesen, der das Schloss militärfrei übergeben wollte.

Nach dem Tod der beiden Kameraden zogen sich die amerikanischen Truppen, die von Köslau her über Pettstadt vorgerückt waren, zunächst zurück, um danach ganz Kirchlauter mit zwölf Panzern stundenlang unter Dauerbeschuss zu nehmen.

Grete Rottmund, eine geborene Baum, die damals in der unteren Wirtschaft lebte, wollte die deutschen Soldaten noch zur Flucht überreden ("noch könnt' Ihr Euch retten"), wurde von einem Leutnant angeheischt: "Sei ruhig, sonst erschieß' ich dich."

Nicht zu Ende rasiert

Die Zeitzeugin weiter: "Der hatte sich noch nicht zu Ende zu rasiert, da rollten die Panzer an und er schnappte die Handgranate." Andere Wehrmachtssoldaten suchten in einer nahen Scheune Unterschlupf und zogen das Holztor zu.

"Dann hielten die Panzer drauf, das Scheunentor wurde durchsiebt und die Schreie der getroffenen Landser höre ich heute noch", erzählte die damals 20-jährige Grete.

Edeltraud Laubender (damals 13 Jahre) erzählte, wie ihr Vater das Schloss übergeben wollte, er aber auch angeschossen wurde. "Wir flüchteten in den Schüttboden und waren mit den Kindern 21 Leute. Mit dabei war auch ein Säugling, der uns das Leben gerettet hat. Denn als die Amis hörten, dass ein Kind quiekt, waren sie gleich freundlicher."

Dennoch standen die Zivilisten Todesängste aus. "Wir mussten uns in Reih und Glied aufstellen und dachten, jetzt werden wir erschossen", erzählten die Frauen beim Seniorenkreis. "Wir haben die Panzer gesehen, die mit Toten und Verletzten darauf Richtung Pettstadt fuhren. Da lief das Blut nur so runter."

Fast jedes Haus getroffen

Durch den Beschuss wurden 80 Prozent der Häuser mehr oder weniger zerstört, auch der Kirchturm und das Schloss. Zwei Häuser brannten total aus. Ludwina Heckelmann (damals Baum und 14 Jahre alt) harrte in einem Keller an der Lauterquelle mit vielen anderen Leuten auf das Ende. "Als wir uns aufstellen mussten, dachten wir alle: Ach Gott, jetzt erschießen sie uns."

Der Beschuss begann um 7.30 Uhr und endete um 10.30 Uhr. "Diese Uhrzeit zeigte unser Wecker an, der von unserem Haus bis vor den Keller geflogen war", erinnerte sich Ludwina

Einige der deutschen Soldaten setzten sich in die Wälder ringsum ab. Und Lothar Hofmann aus Neubrunn erinnerte sich, dass er mehrere Tage lang deutsche Soldaten im Pettstadter Knock mit Essen versorgte. "Eines Tages hingen ihre Gewehre an den Bäumen und sie waren weg."

Bis zu 200 deutsche Soldaten wurden in den nächsten Tagen in einem Gefangenenlager im Krebs'n-Garten festgehalten. "Für uns war es ein schwacher Trost, dass kein Kirchlauterer ums Leben gekommen ist", fand Peter Kirchner als Moderator.

Die Zeitzeugen bescheinigten der Besatzertruppe ein ordentliches Benehmen. "Nur die Soldatenbilder haben sie zammgeschlagen." Sowie Schnaps und die Ziehharmonika vom Schlereths Luitpold, dem Dorfmusiker, mitgenommen.