Innerhalb von nur vier Tagen will der Landkreis Haßberge 200 Flüchtlinge, die ab heute in Haßfurt erwartet werden, umverteilen. So der Plan. Freilich kann es auch sein, sagte Landrat Wilhelm Schneider (CSU) gestern, dass man umplanen müsse, sollte es "nicht reibungslos ablaufen". Ansonsten lautet die Vorgabe: Keine Zeit verlieren! "Wir hoffen, dass wir bis Freitag die Hallen wieder leer haben und dann die Flüchtlinge dezentral untergebracht sind", sagte Wilhelm Schneider. Von dort aus würden sie dann nach Quote gegebenenfalls auch auf andere Bundesländer verteilt, der Landkreis Haßberge muss nach diesem Schlüssel derzeit 18 Flüchtlinge pro Woche unterbringen.

Jedenfalls fühlt sich das Landratsamt gut vorbereitet auf die Situation, nachdem die Regierung von Unterfranken den Notfallplan für die Unterbringung von Flüchtlingen auch für den Landkreis aktiviert hat. Kurzfristig muss hierbei eine bestimmte Anzahl von Asylsuchenden in sogenannten Notfall-Unterkünften aufgenommen werden. Der nicht abreißende Flüchtlingsstrom aus Krisengebieten wie im Nahen Osten oder verschiedenen Ländern Afrikas macht das nötig. In Haßfurt werden diese Woche überwiegend Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland Syrien erwartet.


Kurzfristig und telefonisch

Genaueres erfährt das Landratsamt selbst erst sehr kurzfristig und meist nur telefonisch, wie Dieter Sauer vom Sozialamt erklärte. So war gestern Nachmittag noch nicht bekannt, welche Personen ab heute Mittag mit Bussen im Dürerweg in Haßfurt ankommen werden. Bekannt war lediglich, dass es 100 Flüchtlinge sein werden, weitere 100 werden dann am Donnerstag erwartet.

Die hier aufgenommenen Menschen sollen laut Notfallplan im besten Fall nur einige Tage, höchstens aber sechs Wochen in einer solchen Unterkunft wohnen. Wobei von wohnen kaum die Rede sein kann, denn es geht darum, das Nötigste bereitzuhalten: Schlafplätze, Nahrungsmittel, gegebenenfalls Kleidung und eine finanzielle Unterstützung ("Taschengeld") nach den Vorgaben der Leistungssätze für Asylbewerber (in Bayern derzeit 143 Euro monatlich für alleinstehende Leistungsberechtigte). Außerdem stehen medizinische Untersuchungen an, darunter Röntgenaufnahmen im Klinikum Haßfurt (röntgen ist nach Auskunft des Landratsamtes und des Roten Kreuzes notwendig, um etwa Akutfälle von Krankheiten wie Tuberkulose oder anderen Lungenkrankheiten zu erkennen).

Mitarbeiter des Landratsamtes hatten gestern Pressevertreter nach Haßfurt in den Dürerweg eingeladen, wo zwei Hallen (Turnhallen West und Ost) als Notfallunterkünfte genutzt werden können. Läuft es nach Plan, wird nur die Turnhalle West benötigt. Dort haben das Technische Hilfswerk und das Rote Kreuz die vergangenen Tage 60 Feldbetten aufgebaut und einen provisorischen Fußboden verlegt. Von den 100 Flüchtlingen, die am heutigen Dienstagmittag erwartet werden, sollen noch am selben Tag 40 nach Sand und Breitbrunn gebracht werden (als weitere Notfall-Standorte stünden noch Wonfurt und Gleisenau bereit). Von Sand und Breitbrunn aus ließen sich aufgrund der kurzen Distanz nach Haßfurt die ersten Maßnahmen nach der Aufnahme ebenso bewerkstelligen, Fahrten in die Kreisstadt mit Kleinbussen könnten organisiert werden, erklärte der Landrat.

Bis Donnerstag sollen dann auch die in Haßfurt verbliebenen Flüchtlinge dezentral im Landkreis untergebracht sein. Dann wiederholt sich das Prozedere, wenn die nächsten Busse mit wiederum rund 100 Flüchtlingen erwartet werden. Ob das wirklich klappt, bis Freitag die Halle wieder leer zu bekommen? Einen Puffer hat das Landratsamt freilich eingebaut: "Wir haben auf jeden Fall bis Sonntag geplant", sagte Dieter Sauer. So lange jedenfalls werde das Rote Kreuz in der Halle präsent sein.

Sicherheitsbedenken ob der Zahl von 60 Flüchtlingen auf engstem Raum hat das Landratsamt nicht. "Ich glaube nicht, dass es Probleme gibt", sagte Landrat Schneider. Deswegen sei auch kein Nachtdienst an der Turnhalle vorgesehen. Die Polizei sei über die Belegung als Notfall-Unterkunft informiert und werde den Dürerweg bei ihren Streifenfahrten entsprechend berücksichtigen. Warum auch sollte man auf die Neuankömmlinge gesondert aufpassen? Die Flüchtlinge würden hier versorgt und bekämen eine Broschüre zur Hand, die in mehreren Sprachen über örtliche Gegebenheiten und Ansprechpartner informiert, erklärte dazu Dieter Sauer. Tagsüber sei zudem das Rote Kreuz zur Unterstützung da.


Syrerin als Dolmetscher

Zusätzlich ist mit Siza Zaby eine Mitarbeiterin des Landratsamtes vor Ort, die arabisch spricht. Die 53-Jährige ist armenischer Abstammung, in Syrien aufgewachsen und lebt seit 25 Jahren in Deutschland (sie ist hier verheiratet). Früher hat sie als Dolmetscherin gearbeitet, weshalb sie neben arabisch, deutsch und armenisch auch französisch, englisch und spanisch spricht.

Sie hat bereits in anderen Flüchtlingseinrichtungen im Landkreis mit den Bewohnern gesprochen und ihnen erste Schritte erklärt. Dass es für sie selbst jedesmal eine Konfrontation mit der eigenen Familiengeschichte ist, wenn sie mit syrischen Flüchtlingen spricht, liegt auf der Hand: Zaby hat Verwandte, die in Homs und in Damaskus leben. Kontakt übers Internet gelingt nur sporadisch, da in Syrien derzeit nicht durchgehend Strom zur Verfügung steht, seitdem das Land im Bürgerkriegschaos versinkt. Seit fünf Jahren war sie nicht mehr dort, "zu gefährlich", sagt sie. Jeden, der von dort flüchtet, um in Sicherheit zu leben, könne sie verstehen.Ihrer Familie gelang die Flucht bislang nicht.