Pflege-Skandal oder Racheakt von gefeuerten Mitarbeitern? Vor dieser Fragestellung laufen Ermittlungen von Kripo Schweinfurt und Bamberger Staatsanwaltschaft gegen die Betreiber der Senioren-Residenz an der Itz an der Grenze der Landkreise Haßberge, Bamberg, Coburg und Lichtenfels.

Aufgrund einer Strafanzeige und Aussagen von Pflegekräften stehen schwerwiegende Anschuldigungen im Raum: Fälschung von Pflege-Protokollen und Dienstzeitzetteln, Verstöße gegen Pflege- und Hygienevorschriften bis hin zu Schlägen für Heimbewohner. Seitens der Aufsichtsbehörden gibt es dazu keinerlei Bestätigung und die Betreiber weisen die Vorwürfe entschieden zurück.

Deswegen hat die Geschäftsführung auch schon Gegenanzeigen gestellt. Ob Anklage erhoben wird, dürfte sich im Oktober klären, wenn alle Beteiligten vernommen sind. Eine Beweisführung fällt nicht leicht, zumal die Vorwürfe in Schriftform sehr pauschal ausfallen.

Was spielt sich hinter den dicken Schlossmauern, in dieser fast ständig verschlossenen Einrichtung wirklich ab? Schwere Vorwürfe gegen die Heimleitung erheben mehrere einstige Beschäftigte der Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf. Es geht um Verstöße gegen Pflege- und Hygienevorschriften, Dokumentenfälschung. Die Kripo in Schweinfurt und die Staatsanwaltschaft in Bamberg ermitteln seit Mitte August. Seitens der Heimaufsicht im Landratsamt wurden keine erheblichen Mängel festgestellt, heißt es dazu auf Anfrage aus Haßfurt.

Die Heimleitung weist sämtliche Vorwürfe zurück und sieht darin einen Rachefeldzug von Beschäftigten, denen zum Teil fristlos gekündigt wurde, weswegen Verhandlungen am Arbeitsgericht schon stattgefunden haben oder anhängig sind.

Um das Betriebsklima scheint es jedenfalls nicht zum besten bestellt zu sein, auch wenn Strandkörbe im Schlosspark ein anderes Bild vermitteln: Die personelle Fluktuation ist hoch, Treffen vor dem Arbeitsrichter keine Seltenheit, wie ein Anwalt unserer Redaktion bestätigt, der zwei Klienten vertrat, die mit den vermeintlichen "Rädelsführern" (so die Heimleitung), die sich bei unserer Zeitung meldeten, nichts zu tun haben.


Drei Kontrollen in 2016

Mit mehreren Beschuldigungen konkret konfrontiert, verweist Heimleiter Peter Uhlig gegenüber unserer Zeitung auf drei Kontrollen von Vertretern des medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MdK) allein in diesem Jahr (im Januar, Februar und zuletzt am 19. August), von denen zwei aufgrund von anonymen Anzeigen erfolgten.

Wie Uhlig erklärt und dazu auszugsweise auch Kopien übermittelt, seien 32 Vorwürfe erhoben und überprüft worden. "Die Überprüfung des MdK hat ergeben, dass die Vorwürfe nicht zutreffen. Wir haben deswegen Anzeige gegen eine von uns entlassene Mitarbeiterin wegen des Verdachts der üblen Nachrede und Verleumdung gestellt."

Keine Unregelmäßigkeiten fielen den Vertretern der Heimaufsicht aus dem Landratsamt auf: "Die Seniorenresidenz Gleusdorf wird regelmäßig einmal im Jahr durch die Heimaufsicht kontrolliert - zuletzt am 1. September. Dabei, wie auch zuvor im August 2015, wurden keine erheblichen Mängel im Pflegebereich festgestellt. Seitens der Heimaufsicht wurden deshalb bislang keine Anordnungen erlassen oder Auflagen verhängt", teilte Behördensprecherin Monika Göhr mit.

"Die baulichen Mängel im Schloss Gleusdorf sind der Heimaufsicht wie auch dem Bauamt bekannt. Der Eigentümer ist aktuell dabei, eine umfassende Instandsetzung des Daches abzuwickeln", ergänzt Göhr.


Millionenschwere Investition

Dazu der Heimleiter und Geschäftsführerin Corinna Zenaty: "Wir würden als Gesellschafter wohl kaum eine Million Euro für Blockheizkraftwerk sowie die Dachsanierung investieren, wenn derartige Missstände in der Einrichtung herrschen würden. Die Gesellschaft hat das Ziel, die Einrichtung langfristig zu betreiben."
Die Kritiker wiederum führen an, dass die Sanierung längst überfällig gewesen sei, da es durch mehrere Zimmer bis ins Erdgeschoss geregnet habe und selbst Teile von Zimmerdecken herabgestürzt seien.

Die offiziellen Stellen halten sich mit Auskünften zurück. Seitens des Landratsamtes wird auf das laufende Strafverfahren wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen bei der Staatsanwaltschaft Bamberg verwiesen. Ebenso verfährt das Hauptzollamt Schweinfurt-Bamberg, das ebenfalls schon vorstellig geworden war. "Bitte wenden Sie sich an die Staatsanwaltschaft. Aus Gründen des Datenschutzes und des Steuergeheimnisses kann ich keine Auskünfte erteilen", ließ Zollamtssprecher Stefan Schramm wissen. Und auf den Datenschutz und die laufenden Ermittlungen beruft sich auch Ruth Wermes vom medizinischen Dienst der Krankenkassen in München, die wiederum an die Arbeitsgemeinschaft der Pflegekassenverbände mit Sitz in Coburg verweist.

Von dort aus landet unsere Anfrage wiederum in München in der AOK-Zentrale, wo Pressesprecher Michael Leonhart nach Rücksprache mit seinen Justiziaren ebenfalls keine Stellungnahme abgibt. "Wegen des laufenden Prüfverfahrens." Er schiebt aber wenig später eine weitere Nachricht nach: "Wir haben großes Interesse an der Aufdeckung möglicher Missstände. Die Gesundheit der Pflegebedürftigen steht an oberster Stelle. Deshalb nehmen wir alle Beschwerden sehr ernst und gehen ihnen umfassend nach, zum Beispiel mit zusätzlichen Qualitätsprüfungen. "

Mauern die Aufsichtsbehörden? Nicht ganz. Von der AOK stammt beispielsweise der Pflege-Navigator, mit dem Pflegeeinrichtungen in ganz Deutschland bewertet werden (siehe die Tabelle für Heime im 30-km-Umkreis von Ebern), ergänzt durch einen sogenannten Transparenz-Bericht. Darin hat die Senioren-Residenz in Gleusdorf bei der (Anlass bezogenen) Kontrolle im Februar 2016 in der Sparte Pflege und medizinische Versorgung die Note 2,6 (befriedigend) bekommen.


Verbesserungspotenzial

Im Prüfbericht vom Besuch im Januar heißt es beispielsweise, dass "hinsichtlich des sachgerechten Umgangs mit Medikamenten in fünf von neun Fällen ein deutliches Verbesserungspotenzial festgestellt" wurde.

Ein Kritikpunkt, den die einstigen Pflegekräfte aus den Landkreisen Bamberg, Coburg, Kronach und Haßberge immer wieder ansprechen. Demnach seien den Heimbewohnern "blaue Tabletten" ohne ärztliche Verordnung ins Essen beigemischt oder ausgetauscht geworden, um sie ruhig zu stellen. Ein Vorwurf, dem Heimleiter Uhlig vehement widerspricht. Alle Medikamente würden vom Hausarzt, der wöchentlich Visite abhält, und vom betreuenden Arzt des Bezirksklinikums Werneck verordnet. "Die Medikation wird nach dem Rezept von einer Apotheke verblistert und versiegelt angeliefert."

Unzutreffend sei auch die Behauptung, dass Sondenspritzen für die künstliche Ernährung mehrfach verwendet würden, wozu sie im Geschirrspüler gereinigt werden. Diesem schlimmen Vorwurf entgegnet Uhlig , dass "unsere Einrichtung nur Flaschen verwendet, die nach der Leerung entsorgt werden". Uhlig: "Es macht überhaupt keinen Sinn, diese Flaschen zu reinigen und mehrfach zu verwenden, denn es werden immer volle Flaschen geliefert."


Zeigen Fotos die Hautkrätze?

Ulhig weist auch die Vorwürfe zurück, wonach nicht ausreichend Hygiene-Handschuhe vorhanden seien, während die Pflegerinnen behaupten, dass sie "mit blanken Händen Hintern abputzen mussten". In einem Fall habe sich eine Helferin mit einer Hautkrankheit angesteckt. "Der Arzt des Heimbewohners hat festgestellt, dass es sich bei seinem Patienten um keine Hautkrätze handelte", relativiert Uhlig die Aussagekraft vorliegender Fotos.

Dass Heimbewohner als "Bestien" beleidigt, Essen vom Boden löffeln mussten und sogar geschlagen wurden, haben die Inspekteure des MdK bei ihrem Besuch im August zwar klären wollen, scheiterten aber: Entweder waren die vermeintlichen "Opfer" im Krankenhaus, zwischenzeitlich verstorben oder der vom Gericht eingesetzte Betreuer nicht greifbar.


Geschenke ins Versteck

Auch steht der Vorwurf im Raum, dass den Schutzbefohlenen Geld und Geschenke abgenommen würden. "Wir führen für die Sozialhilfeempfänger gesonderte Konten, die Kontoauszüge werden von deren Betreuern kontrolliert und dem Amtsgericht zur Prüfung vorgelegt", erklärt Uhlig dazu.

Ein Eberner, der mit den Anzeigeerstattern gar nichts zu tun hat, berichtet aber, dass er bei regelmäßigen Besuchen eines früheren Arbeitskollegen seine Geschenke auf dessen Geheiß stets verstecken musste. "Sie wurden ihm trotzdem abgenommen." Keinerlei Informationen über irgendwelche Missstände sind bislang im Untermerzbacher Rathaus angekommen. Bürgermeister Helmut Dietz (SPD): "Ich war erst zur Kirchweih in Gleusdorf, da hätte man mir doch etwas gesagt."

Auch Oberstaatsanwalt Otto Heyder warnt vor Vorverurteilungen. "Wir hatten einen ähnlichen Fall im westlichen Landkreis Bamberg im letzten Jahr, Der verlief wie der Sturm im Wasserglas."