So mancher wird sich gestern nach dem Aufstehen die Augen ein zweites Mal gerieben haben: Donald Trump wird der neue Präsident der USA. Einer, von dem viele den Eindruck hatten, dass er nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Wie jetzt? Hillary Clinton lag doch bis zuletzt vorne in den Umfragen und Prognosen! Na gut, erstmal klarkommen und Kaffee trinken.

Derweilen hat der Fränkische Tag mit einem Amerikaner aus Reutersbrunn gesprochen, der die Aufregung nicht so ganz verstehen kann. Eine deutsche Auswanderin dagegen, die es 2007 in die USA verschlagen hat, ist entsetzt über den Ausgang der Wahl. Politiker aus dem Landkreis Haßberge dagegen versuchen sich in Gelassenheit, wenngleich sie ziemlich überrascht sind von Trumps Triumph.

Für Robert Quicksall ist klar: Gewählt ist gewählt, jetzt heißt es erstmal "abwarten". Er sei weit davon entfernt, die Weltuntergangsstimmung mancher Zeitungs- oder Fernsehkommentatoren zu teilen. Angst brauche man nicht zu haben vor Trump, "der macht jetzt keinen Weltkrieg", sagt der 76-Jährige.


Mitreden und mitentscheiden

Quicksall kam 1968 mit der US-Armee nach Deutschland, entschied sich zu bleiben. Seit 1974 wohnt er im Eberner Stadtteil Reutersbrunn. Seine Heimat, wie er sagt. Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika ist er trotzdem noch. Und natürlich liebt er sein "Country". Er hat also darüber mitentschieden, wer Präsident der USA wird. Schon vor einem Vierteljahr habe er die Briefwahl-Unterlagen ausgefüllt. Wie er abgestimmt hat, darüber will er nicht weiter sprechen ("Am liebsten hätte ich keinen von beiden gewählt"), über Politik dagegen schon. Die US-Wahl betreffe ihn selbst zwar weniger, "aber meine ganze Verwandtschaft lebt ja noch dort", sagt er. Quicksall stammt aus der Nähe von Seattle im Bundesstaat Washington.

Wochenlang war der US-Wahlkampf ein mediales Großereignis, auch in Deutschland zwar, aber nicht in dem Ausmaß wie in Quicksalls Heimat. Das wirke mitunter bizarr, was sich da abspielt, sagt er. "Das war eine reine Schlammschlacht. Ich bin froh, dass es vorbei ist." Reichlich Übertreibung war im Spiel: "Er hat viele Dinge gesagt, wie zum Beispiel die Mauer nach Mexiko. Das ist Schwachsinn und das weiß jeder", sagt Quicksall über Trumps - wortwörtlich - grenzwertige Ideen. Aber er habe das Thema illegale Einwanderung genutzt und damit viele Leute in den USA angesprochen. Innerhalb seiner Familie seien Trumps Auftritte auch sehr kontrovers diskutiert worden, da gab es Befürworter und Gegner des künftigen Präsidenten, aber zu familiären Verwerfungen sei es deswegen nicht gekommen.


Trumps verstörende Auftritte

Für Birgit Lindgren (47) ist der Wahlausgang "erschreckend". Unerklärlich sei, wie ein Mann Präsident werden könne, der offenkundig zum Beispiel Frauen, Ausländer und Moslems pauschal beleidigt. Lindgren ist Deutsche und stammt aus Gräfenholz bei Rentweinsdorf. Sie ist mit einem Amerikaner verheiratet und wohnt seit 2007 in Chicago, Illinois. "Ich habe Nachrichten von meinen Freunden bekommen, ich solle sie adoptieren, damit sie nach Deutschland auswandern können", sagt sie zur Stimmung in ihrem Bekanntenkreis. Viele Amerikaner hätten wohl kaum damit gerechnet, dass ein solcher Rabauke das Weiße Haus zu erobern vermag.

Offenkundig gibt es aber auch viele Amerikaner, die mit Trump auf Linie sind. Lindgren hofft darauf, "dass es gut geht" und Trump als Präsident gute Berater hat, "Leute mit gesundem Menschenverstand". Sonst wird es schwierig: "Er hat ja nie einen Plan gehabt, er hat immer nur gesagt, er sei der Beste", könne alles regeln und Amerika wieder "great" machen. Aber wie nur?

Für Landrat Wilhelm Schneider (CSU) ist die Wahl Trumps vor allem Ungewissheit. Der politisch unerfahrene Unternehmer Trump plötzlich an den Schalthebeln der Macht: Wie ernst hat er das gemeint, was er im Wahlkampf gesagt hat über Ausländer (sind alle abzuschieben), Klimawandel (hält er für einen Schwindel) oder Frauen (hält er für Objekte)? Schneider geht zwar davon aus, dass vieles Wahlkampf-Kalkül war, aber zunächst müsse man die Äußerungen ernst nehmen. "Bei uns wäre so eine Person gar nicht wählbar", sagt der Landrat. Aber der Ton und das Auftreten Trumps könnten sich ändern. "Die Erfahrung zeigt, dass nicht alles so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird."


Vogel rät zu Gelassenheit

Der CSU-Landtagsabgeordnete Steffen Vogel will ebenfalls erst einmal abwarten, was nach der Wahl aus dem forschen Wahlsieger wird: "Ich hoffe, dass Trump die Kraft zur Weitsicht und zum Ausgleich findet", erklärt Vogel.

"Wir haben einen weltweiten Klimawandel und die USA sind der größte CO2 -Produzent, wir haben weltweite Fluchtbewegungen und militärische Auseinandersetzungen sowie den islamistischen Terror." Dem amerikanischen Präsidenten komme da eine Führungsrolle zu.

Vogel hat die Wahl im Landtag verfolgt, wo das "Amerikahaus" eine Wahlnacht organisiert hatte. Auch dort waren erst mal die Gesichter lang ob des Wahlergebnisses. Vogel schildert: "Ich selbst und mit Sicherheit die ganz überwiegende Mehrheit der Kollegen im Landtag hätten sich Hillary Clinton als erste Präsidentin der USA gewünscht." Sie wäre "berechenbarer gewesen, da sie den Kurs von Obama mit Sicherheit fortgesetzt hätte." Beim "Politikneuling" und "Poltergeist" Trump stünden viele Fragezeichen, wie und welche Politik er macht. "Ich mahne trotzdem zu mehr Gelassenheit", sagt Vogel.


Wörtliche Stellungnahme der Bundestagsabgeordneten Dorothee Bär (CSU)

Das schreibt Dorothee Bär zum Trump-Sieg: "Die amerikanischen Wählerinnen und Wähler hinterlassen uns mit der Wahl Donald Trumps zu ihrem neuen Präsidenten ein Ergebnis, das uns ratlos, schockiert und gewissermaßen auch ein wenig fassungslos vor vollendete Tatsachen stellt. Viele Menschen in Deutschland und Europa erlebten in den frühen Morgenstunden ein nicht nur sprichwörtliches böses Erwachen.

Und dennoch: Die US-Bürgerinnen und Bürger haben ihren Präsidenten gewählt, sie haben ihn gewählt, weil sie glauben, ihm die Verantwortung für ihr Land übertragen zu können, weil sie glauben, dass er der bessere der beiden Kandidaten sei. Und sie konnten ihre Stimme für diesen Kandidaten abgeben, weil sie Teil dessen sind, das wir zurecht gerade in diesen Tagen besonders hoch halten und gegen viele Seiten verteidigen wollen: Sie sind Teil des demokratischen Prozesses.

Den Ausgang dieses Prozesses, diesen höchsten der demokratischen Akte, haben wir zu akzeptieren und zu respektieren. Und dennoch: Natürlich dürfen, natürlich müssen wir uns sogar Gedanken darüber machen, was dieses Ergebnis für uns und für die Welt außerhalb der USA bedeutet.

Und ich finde: Wir müssen dies sogar auch kommentieren und diskutieren - mit Respekt, aber doch in aller Ehrlichkeit. Nicht, weil wir glauben, die besseren Demokratinnen und Demokraten zu sein, sondern, weil man das so macht unter Freunden und weil uns dies - die Freundschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika - wichtig ist. Sie ist es schließlich, worauf wir auch in Deutschland stolz sind: Eine tiefe, weil über Jahrzehnte gewachsene enge Verbindung, die unsere Geschichte und damit unsere gesamte Gesellschaft mittelbar wie unmittelbar geprägt hat und deren vergangene und heute umso lebendigeren Spuren man an allen Ecken Berlins und anderen Orten unseres Landes sehr deutlich wahrnehmen kann.

Es ist eine Mischung aus Sorge und der damit verbundenen Unsicherheit, die uns befällt, wenn wir daran denken, was die Präsidentschaft Donald Trumps nach einem Wahlkampf bedeuten werde, der als der schmutzigste seiner Art in die Annalen der amerikanischen Politik eingehen dürfte. Und natürlich macht es betroffen, dass ein solcher Stil zum Erfolg führt - in einem Land, das uns einst entscheidend dabei geholfen hat, Wut, Hass, Hetze und Niedertracht zu überwinden. Aber auch hier gilt, sich genau anzusehen, warum die Menschen gewählt haben, wie sie gewählt haben, anstatt einen Empörungspost nach dem anderen in die Timelines dieser Welt zu tippen.

Denn offensichtlich ist es so, dass eine wahlentscheidende Mehrheit der Menschen so stark enttäuscht ist vom sogenannten Establishment, dass sie jemanden an der Spitze ihres Landes sehen möchten, der vermeintlich alles ganz anders macht als die Etablierten und der dem Gewohnten absagt, jemand, der die immer komplizierter anmutende Welt wieder vereinfacht. Die Menschen streben gewissermaßen nach einer Re-Simplifizierung der politischen Gegebenheiten, einem sich Zurückziehen in den eigenen Vorgarten. Es ist das "Not in my backyard" in Reinform - versehen mit einem dicken Zaun mit trumpschen Vorhängeschloss, das ultimative Sicherheit garantiert - oder eher suggeriert, wie sich beim genaueren Hinsehen herausstellt.

Integrität, wohlüberlegte und abwägende Tonalität und Etikette, ja vielleicht sogar die Moral, wie wir sie zu kennen glauben, spielen keine Rolle mehr oder nicht mehr die, wie wir sie bisher verstanden haben. Das stimmt bedenklich und erklärt die teilweise fatalistischen Reaktionen zum Ausgang der US-Wahl hierzulande und in der weltweiten Presse.

Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten entlässt uns aber nicht aus unserer demokratischen Verantwortung, sondern verpflichtet uns vielleicht sogar in ganz besonderem Maße: Denn wenn man davon überzeugt ist, dass ein Freund einen Fehler begeht, oder es ihm nicht gut geht, dann wendet man sich nicht von ihm ab.

Und deshalb müssen wir klarstellen: Unsere Werte der Freiheit, der Würde des Menschen, Gleichberechtigung, die Freiheit der Religion und der sexuellen Orientierung sind nie und durch niemandem verhandelbar. Das muss und das wird auch ein Präsident Trump lernen und annehmen müssen, so wie wir nun nicht die beleidigten Besserwisser sein dürfen, sondern ihn als den vermutlich mächtigsten Mann der Welt annehmen müssen.

Menschliche Größe besteht nicht darin, jemandem den Handschlag zu verweigern, sondern ihm in die Augen zu blicken und zu sagen, wofür man steht - ohne zu verletzen, ohne Arroganz und ohne Überheblichkeit. Die USA sind eine der mächtigsten Nationen der Welt und Deutschland als eine der stärksten Nationen Europas muss daran interessiert sein, das nicht aufzukündigen, was viele große Männer und Frauen auf amerikanischer und deutscher Seite so mühsam und über eine so lange Zeit gemeinsam aufgebaut haben: eine unerschütterliche Freundschaft, die sich durch Hass und schlechten Stil ebenso wenig kaputt machen lassen darf wie durch Arroganz und Hybris.

Trump ist nicht unser Wunschpräsident, aber er ist Präsident. Wir sollten ihm auf Augenhöhe begegnen aber nicht von oben herab. Denn dank des besten politischen Systems der Welt, der Demokratie, steht Trump nicht für Trump, sondern für Millionen von amerikanischen Bürgerinnen und Bürgern. Sie sind unsere Freunde und werden unsere Freunde bleiben."