An ein normales Leben ist für Mike Muche nicht mehr zu denken, seitdem er im März 2004 einen Mann erschossen hat. Fünfmal drückte der Polizist ab, drei Kugeln trafen das Opfer, drei Tage später starb es im Krankenhaus. Muche tötete aus Notwehr, er und sein Kollege wurden mit einer vermeintlich echten Waffe bedroht. Gegen den heute dienstunfähigen Polizisten wurde ermittelt, das Ergebnis: Muche hat alles richtig gemacht, er ist unschuldig. Er braucht sich also keine Gedanken oder Vorwürfe wegen seiner Tat zu machen. Doch so einfach ist das nicht. Muche leidet. Seine Erlebnisse hat er in dem Buch "Ich habe getötet" zusammengefasst.

In Ihrem Buch sprechen Sie häufig das Thema Angst an, meist in Bezug auf die Folgen ihres Handelns und den damit verbundenen psychischen Belastungen. Hatten Sie denn gar keine Angst davor, dass Sie es mit dem Buch quasi jedem erlauben, sehr tief in ihr Innerstes, in Ihr Seelenleben zu schauen?

Mike Muche: Diese Gedanken macht man sich vorher, ob ich das will oder nicht. In meine Seele können die Leute jetzt reinschauen, das kann jeder lesen. Es hat mir überhaupt nichts ausgemacht. Die ganzen Dinge über meine Fehler, Fremdgehen in der Ehe zum Beispiel, und was ich noch so alles angestellt habe. Ich habe nichts ausgelassen. Auch wenn Leute nun sagen: Schau, der Mike, früher so ne harte Sau und jetzt hat er Angst. Das ist dann eben so. Es gibt sicher viele traumatisierte Polizisten, die sich das nicht eingestehen. Denn das ist der schwierigste Schritt überhaupt: Dass man als alter Hauptmeister, wie ich es damals war, mit 30 Jahren Diensterfahrung, dass man dann sagt: Jetzt geht es alleine nicht mehr weiter. Ich brauche jetzt fachärztliche Behandlung.

Und die Experten sagen einem dann genau, was man machen muss, um wieder klar zu kommen?

Da gibt es keine einheitliche Lösung. Jeder verarbeitet das irgendwie anders. Mein Kollege, der Gustav, der bei dem Einsatz dabei war, macht seinen Dienst nach wie vor im Streifenwagen. Nur in der Nacht danach hat er Albträume gehabt, wie er mir erzählte. Aber sonst hat er keinerlei Beschwerden.

Er hat ja auch nicht den Bruder eines guten Freundes erschossen....

Das spielt natürlich eine Rolle und hat die ganze Situation noch schlimmer gemacht. Das Resultat jedoch ist das Gleiche: tot ist tot. Dennoch: Wenn mir jemand vorher gesagt hätte, dass so ein Fall mein Leben dermaßen verändert, hätte ich gesagt: So ein Schmarrn! Weil: Als Polizist macht man sich im Vorfeld immer Gedanken über gefährliche Einsätze und spielt "Was-wäre-wenn"-Situationen durch. Du überlegst dir oft: Wann würde ich Gebrauch von meiner Schusswaffe machen? Da gibt es etwa den sogenannten Anhalteschuss. Das heißt, man schießt zum Beispiel einem Bankräuber in die Beine und hindert ihn so an der Flucht. Da war mein Gedanke immer: Dazu bist du viel zu aufgeregt, dann triffst du ihn vielleicht am Kopf. Also würde ich vermutlich nicht auf den Flüchtenden schießen, denn ich war überzeugt: Irgendwann kriegen wir ihn sowieso. Aber für den Fall, dass jemand mein Leben mit einer Schusswaffe bedroht, lautete meine Devise klar: Den bläst du einfach weg. Ganz locker. Und dann bist du auf einmal in genau dieser Situation und merkst: Es ist nicht so leicht, auf einen Menschen zu schießen.

Was ist so schwierig daran?

Da steht einer, der ist aus Fleisch und Blut. Und wenn du jetzt gleich abdrückst, kann es sein, dass du ihn umbringst. Von der Theorie zur Praxis, das ist so ein himmelweiter Unterschied.

Glauben Sie, es wäre einfacher zu verarbeiten gewesen, wenn Sie, sagen wir, einen Amokläufer erschossen hätten?

Ein paar Wochen nach meinem Einsatz gab es eine Situation, wo ein Kollege auf einem Bauernhof einen psychisch gestörten Mann erschossen hat. Der hatte seinen Nachbarn attackiert und als die Polizei eintraf, war er gerade dabei, mit der Axt den am Boden liegenden Nachbarn zu schlagen. Daraufhin hat mein Kollege den Angreifer erschossen. Hinterher sagte er: Ich habe das Leben eines anderen gerettet. Von der Sache her ist es das Gleiche, wie bei mir: Er hat ein Leben ausgelöscht. Aber gleichzeitig hat er ein anderes gerettet. Das einzige Leben, das ich gerettet habe, war meins. Jeder Schusswaffengebrauch ist anders.

Als Sie bei der Polizei angefangen hatten, haben Sie bei einem Einsatz zwei Personen aus dem Hochwasser gerettet und wurden dafür mit der Lebensrettermedaille ausgezeichnet. Kann man das irgendwie miteinander aufwiegen?

Nein, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Als ich den Mann erschossen habe, habe ich nichts falsch gemacht: Ich habe nur um mein Leben gekämpft und nichts anderes. Ich hätte aber viel eher schießen müssen, denn wenn er wirklich eine scharfe Waffe gehabt hätte, ich bin sicher, er hätte meinen Kollegen oder mich erschossen.

Als sich herausstellte, dass sie Verbindungen zur Familie des Toten hatten, wie haben Sie reagiert?


Der Bruder des Getöteten war ja ein guter Freund von mir. Mit ihm hatte ich drei Monate nach dem Vorfall ein sehr gutes Gespräch. Mit den Eltern allerdings, der Vater ist mittlerweile leider verstorben, hatte ich diese Möglichkeit nicht. Anfangs war sicher der Schmerz zu groß, da verstehe ich das voll und ganz, dass es nicht dazu kam. Ich würde der Mutter aber sehr gerne in einem persönlichen Gespräch erklären, was damals passiert ist und warum. Dazu wird es vermutlich nie kommen, denn die Mutter wird mich für immer verachten, ich habe ihren Sohn umgebracht. Die Ärzte meinen, ich müsse das akzeptieren. Aber ich kann das nicht. Ich sehe sie ja hin und wieder, sie wohnt in Schweinfurt. Und jedes Mal, wenn ich ihr begegne, muss ich weg, ich kann nicht in ihrer Nähe bleiben, sie frisst mich mit ihren Augen förmlich auf.

Rücken die schrecklichen Erinnerungen an die Tat ein Stück weiter weg, je mehr Zeit vergeht?

Die Gedanken daran sind weniger geworden, als unmittelbar danach. Schlafstörungen und Albträume sind jetzt nicht mehr so häufig. Aber dennoch vergeht kein einziger Tag, an dem ich nicht daran denken müsste. Ich versuche eher, es von mir fernzuhalten, um ein einigermaßen normales Leben führen zu können. Das schaffe ich, indem ich meinen Tag gut durchstrukturiere, so dass eine gewisse Routine einkehrt. Man lernt in der Therapie, sich abzulenken, damit man nicht in die falsche Richtung gleitet. Wenn ich durch Schweinfurt fahre, mache ich zum Beispiel einen großen Bogen um die Straße, in der das damals passiert ist. Ich kann da nicht mehr hin, das geht überhaupt nicht. Ich dachte immer: Die Zeit heilt alle Wunden. Aber das stimmt nicht.

Verursachte das Trauma auch physische Beschwerden?

Ja, ich stehe seit jener Nacht unter enormer Anspannung. Das führte dazu, dass mein Blutdruck enorm stieg. Ich hatte deswegen zwei Herzinfarkte. Die Herzkrankheit wurde als Folge meines Dienstvorfalls anerkannt. Die Schlafstörungen sind nicht mehr ganz so schlimm, aber eine ganze Nacht durchschlafen kann ich immer noch nicht. Immerhin kann ich mittlerweile wieder einschlafen, nachdem ich aufgewacht bin, früher ging das nicht. Da gehen dir ständig Dinge durch den Kopf. Das war dermaßen belastend für den Körper, denn man hat keinen erholsamen Schlaf. Da geht der Akku immer weiter runter. Dein ganzes Wesen verändert sich, du wirst grantig, du wirst schlecht gelaunt. Das ist zum Glück jetzt besser.

Kümmert sich die bayerische Polizei um Sie?

Was viele nicht begreifen ist, dass es für mich auch nach acht Jahren noch nicht vorbei ist. Da kamen schon Aussagen wie: Das muss doch irgendwann mal gut sein. Dass es gut ist, wünsche ich mir doch selber! Nur habe ich keinen Einfluss darauf. Und wenn ich Unterstützung brauche, läuft das, behördentypisch, alles sehr bürokratisch ab. Angenommen, es käme jetzt zu einem Bruch in meinem Befinden und ich würde sagen, ich brauche wieder einen stationären Aufenthalt in einer Klinik, dann muss ich Anträge stellen, viel rumtelefonieren und warten, bis es durch alle Instanzen geht. Es ist insgesamt ein recht komplizierter Prozess. Das ärgert mich, ich komme mir so vor, als müsste ich um jede Zuwendung betteln.

Wie gehen Sie mit dem Medieninteresse an ihrer Geschichte um?

Ich habe mehrere Interviews gegeben zum Thema posttraumatische Belastungsstörung. Aber es gibt Grenzen. Zum Beispiel hat mich eine Redakteurin von Jauchs "Stern TV" gefragt, ob ich für den Dreh eine Schreckschusswaffe zuhause hätte. Da war es aus für mich. Sie sagt, sie hätte mein Buch gelesen, darin habe ich geschrieben, dass ich solche Sachen nicht mehr haben kann. Ich habe einen Mann erschossen, der mich mit einer Schreckschusswaffe bedroht hatte. Und da soll ich so eine Waffe daheim haben? Ich war sauer und habe abgesagt. Wenn das jemand so reißerisch aufmachen will, werde ich verrückt.

Was haben Sie jetzt für ein Verhältnis zu Waffen? Sie haben ja sogar noch kurz Dienst geschoben...

Mit Waffen, da geht nichts mehr. Am Anfang war es sogar so, dass ich bei Filmszenen mit Waffen Panik bekommen habe. Das hat sich gebessert. Aber dass ich jemals wieder normal mit dem Thema umgehe, das schließe ich aus. Und im Polizeidienst arbeiten, das geht nicht mehr. Ich dachte zunächst, es würde funktionieren. Aber da gab es viele Situationen, die mich nervös gemacht haben. Wenn etwa jemand die Hände in den Hosentaschen hatte, hat mich das total verunsichert. Oder wenn aus der Zentrale der Auftrag kam, zu einem Familienstreit zu fahren, eigentlich ein alltäglicher Einsatz, bekam ich es mit der Angst zu tun. Und wenn du als Hauptmeister einen jungen Kollegen mit im Auto sitzen hast und du hast Angst vor dem Einsatz - das geht nicht. Du bist eine Gefahr für dich selbst und für deinen Kollegen.

Inwiefern wird man als Polizist überhaupt auf eine solche Extremsituation, wie Sie sie erlebt haben, vorbereitet?

Man trainiert gefährliche Situationen. Es mag helfen, bei einer Bedrohung schnell das richtige Verhaltensmuster abrufen zu können. Es gibt einige realistische Szenarien, wo zum Beispiel eine Kneipe nachgebaut wird mit Gästen und allem drum und dran. Aber wie will ich denn eine Situation wie meine trainieren? In einem nachgestellten Szenario hast du ja immer die Gewissheit: Mir passiert nichts. Da kommen Farbkugeln, und wenn du getroffen wirst, spürst du ein bisschen Druck, das war's. Doch es gibt Momente, da hilft alles Üben nichts. Mir ging das so, denn ich hatte Todesangst und die hat mein Verhalten stark beeinflusst. Und Todesangst kann man nicht trainieren.

Als Sie geschossen haben, war Ihnen da sofort klar: Jetzt habe ich jemanden getötet?

Nein, bei meinem ersten Schuss war er ja zwei, drei Meter entfernt. Und er hat überhaupt keine Reaktion gezeigt. Auf dem Boden lag Gustav, mein Kollege. Ich stand hinter dem Kaminsims und vor mir der Mann, der mir eine Waffe entgegenstreckt. Da hat sich meine ganze Wahrnehmung stark verändert. Von dem Drumherum habe ich gar nichts mehr gesehen. Nur noch diese Mündung. Ich dachte, ich sei so gut wie tot. Weil er hatte ja schon Gustav erschossen. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht, dass Gustav in eine Schockstarre verfallen war, nachdem er einen Schuss abgegeben hatte. Also glaubte ich: ich bin der nächste. Nachdem ich also das erste Mal geschossen hatte, rechnete ich damit, dass der Mann umfällt, oder seine Waffe wegfliegt, aber da kam überhaupt keine Reaktion. Das gibt's doch gar nicht. Du schießt doch aus der Entfernung nicht daneben. Ich war am verzweifeln, schoss noch einmal und es kam immer noch keine Reaktion. Dabei wollte ich doch nur, dass ich nicht mehr in diese Mündung reinschauen muss. Beim dritten Schuss hat er dann das Wanken angefangen, aber die Knarre hat er mir immer noch entgegen gehalten. Bis zu meinem fünften Schuss. In so einer Situation zittert dir der ganze Körper.

Haben alle fünf Schüsse getroffen?

Nein, nur drei. Zwei haben ihn aus dieser Entfernung tatsächlich verfehlt. Ich habe nur Weichteile getroffen, deswegen ist er auch nicht umgefallen. Hätte ich einen Knochen getroffen, wäre er vermutlich eher gefallen. So aber habe ich nach meinem ersten Schuss gesehen, dass sich nichts getan hat, er stand immer noch da und zielte auf mich. Also muss ich solange weiter schießen, bis ich nicht mehr bedroht werde. Der Leiter meiner Selbsthilfegruppe hat erzählt, dass du in so einer Situation so hochgepusht bist, dass es quasi normal ist, wenn du das ganze Magazin leerschießt. Denn du hast Panik und Todesangst, und willst einfach nur leben und ballerst deswegen immer weiter. Die Kollegen vom Landeskriminalamt rekonstruieren aber ganz genau wie, wann und wie oft du geschossen hast, und dann bekommt man noch etwas angehängt, weil man weitergeschossen hat, obwohl das Opfer bereits kampfunfähig war. Ich habe ja nach dem fünften Schuss aufgehört. Damit habe ich wohl alles richtig gemacht. Aber was nützt es mir?