Zaghaft lugt ein kleines Mädchen aus der Tür heraus. Guckt in die Gesichter, schaut, wer da kommt. Und erkennt Maria Löhlein. "Guten Morgen, Susu", sagt Maria Löhlein. Die patente Stettfelderin mit den rostroten Haaren und dem passenden Lippenstift redet laut und deutlich, während sie die Stufen zur Wohnung im Pfarrhaus hinaufgeht. Die kleine Susu lächelt und huscht in die Wohnung.


Drei Familien in vier Zimmern

Seit vier Wochen kennen sich die 60-jährige Stettfelderin und das zweijährige Mädchen aus Syrien. Susu, ihr voller Name ist Sihami, ist mit Vater Kadri, ihrer schwangeren Mutter Lamia, Tante Dima und Oma Siham aus der syrische Hauptstadt Aleppo geflüchtet. Rund drei Wochen haben sie gebraucht, bis sie in Stettfeld angekommen sind. Von der zerstörten syrischen Großstadt mitten im Kriegsgebiet hinein in das beschauliche 1200 Seelendorf im Landkreis Haßberge.

"Da unser Pfarrhaus leer steht, haben wir das beim Landratsamt gemeldet", erklärt Löhlein, die auch Mitglied im Pfarrgemeinderat ist. Und kurze Zeit später stand ein Bus vor der Tür. "Wir hatten alles für die neun uns zugewiesenen Flüchtlinge vorbereitet", erinnert sich Christiane Kiontke, Stettfelderin und ehrenamtlich in der Pfarrei aktiv. Neun Betten, neun Kissen, neun Decken, neun Stühle. Doch aus dem Bus kamen 13 Personen. "Zum Glück kamen gleich ein Paar Stettfelder und haben Betten und Decken vorbeigebracht", sagt Löhlein.


Hilfsbereitschaft ist groß

Und so ist das bisher bei allem gewesen. "Ich werde ständig von Leuten angesprochen, ob sie noch helfen können", sagt Löhlein. Egal ob Fahrdienste oder Spenden, fast alle im Ort leisten ihren Beitrag. Auch Thomas Heidenreich von der Caritas Asylberatung Haßberge bestätigt. "Wir müssen keine öffentlichen Aufrufe für Spenden machen." Denn meistens würde man vor Ort im Handumdrehen die fehlende Spende finden.

So auch mit Dulkvans Schultüte und dem Schulranzen. Der achtjährige Dulkvan, der mit seinen Eltern und seiner zweijährigen Schwester ein anderes der vier Zimmer im Stettfelder Pfarrhaus bewohnt, ist vergangene Woche eingeschult worden. "Erfahren haben seine Eltern und wir davon einen Tag vor Schulbeginn", erzählt Löhlein. Die Schultüte besorgte Löhlein kurzer Hand, den Inhalt steuerte Bürgermeister Alfons Hartlieb bei. Im Kindergarten hängte Löhlein einen Zettel wegen eines Schulranzens aus. "Keine zwei Stunden später hatten wir für Dulkvan eine Büchertasche", sagt Löhlein.

Und der erste Schultag konnte kommen, samt Gottesdienst am Morgen. "Also saß die ganze syrische Familie in der katholischen Kirche", sagt Maria Löhlein, lacht und zuckt mit den Schultern: "Und? War auch nix dabei. Des tut ja schließlich net weh!"

Genau weil es nicht wehtut, machen Löhlein, Kiontke und die vielen anderen Helfer damit weiter. "Ich habe alle drei Familien schon zu mir zum Essen eingeladen", erzählt Kiontke. Sie gehen zusammen zum Fußballplatz oder zum Spielplatz. Gelebte Integration eben.


Kommentar von Friederike Stark

Dezentrale Unterbringung ist gelebte Integration

Integration ist ein Schlüsselwort in der derzeitigen Flüchtlingskrise. Doch wie integriert man Menschen, die zu hunderten in einer Turnhalle schlafen, in Zelten übernachten oder in Flüchtlingsheimen ohne Kontakt zu Einheimischen leben? Es ist eine schwer zu lösende Mammutaufgabe. Ein Glücksfall sind da die sogenannten dezentralen Unterbringungen - also Wohnungen statt Sammelunterkünfte. Sie sind ursprünglich aus der Not geboren, da viele Landkreise keine Objekte für Sammelquartiere haben. Und ja, die dezentrale Unterbringung kostet die Landratsämter mehr.

Doch sind diese Kosten eine Investition in die Zukunft. Die Zukunft der Flüchtlinge und die Zukunft der deutschen Gesellschaft, in der gut integrierte Ausländer das Miteinander bereichern. Denn in den dezentralen Unterkünften knüpfen Asylbewerber nicht nur schneller Kontakt zu den Einheimischen. Sie lernen auch, auf eigenen Beinen zu stehen, sich selbst zu versorgen und sich in der neuen Kultur zurecht zu finden.