Nein, sie sind keine Pfennigfuchser. Denn die Kartschüssela sind üppig voll. Aber weil der gemeine Franke jedweder Form von Veränderung misstrauisch gegenübersteht, besonders wenn's ums Geld geht, glänzen auf dem Karttisch weder Cent noch Euro. Jeden Freitag trifft sich in der Schrolls-Wirtschaft eine Kartrunde uriger Reckendorfer, die ihre Spielschulden noch mit Fünferla, Zehnerla, Fuchzgerla, Markstück und Zwickel begleichen. Nach einem Besuch der lustigen Runde lässt sich das Quartett im Kartenjargon am besten mit dem Adjektiv spitzbübisch beschreiben.

Eine besondere (fränkische?) Mischung aus Nostalgie, Trotz, Bequemlichkeit und dem Vertrauen in die eigene harte Währung waren die Trümpfe, dass die Kartrunde, die sich seit 1978 regelmäßig an nahezu jedem Freitag im Jahr in der Brauereigaststätte neben der Kirche trifft, im Jahr 2002 beschloss: Wir karten weiter in Mark und Pfennig. "Wir waren unseren Tax gewöhnt und wollten uns einfach nicht umstellen und haben deswegen unsere Mark behalten", beschreibt Günter Schneider (59) fränkischen Starrsinn.

"Deshalb haben wir beschlossen, dass jeder 20 Mark in Kleingeld behält, damit wir in gewohnter Form weiterkarten können", ergänzte Klaus Hoffmann (58), im Hauptberuf ausgerechnet Finanzbeamter.

Weil es sich bei dem Quartett um ein geschlossenes System handelt, gehen auch keine Mark und kein Fünferla verloren. Im Gegenteil: "Immer wieder kommen mal Leute vorbei, wenn sie bei sich daheim ein paar Groschen gefunden haben, und werfen sie bei uns auf den Tisch." Und stocken so das Grundkapital der "Schicksalsgemeinschaft" auf. Knapp über 100 D-Mark sind derzeit im Umlauf.


Geschottert wird mit Cent

Und wenn einer der vier Karter an einem Abend seinen Einsatz verspielt, helfen ihm die Gewinner aus und mutieren zu Devisenhändlern: "Der muss dann mit Euros wieder zur D-Mark wechseln."
Der Wirt indes wird in neuer Währung entlohnt: "Geschottert wird nur mit Centstücken." Das funktioniert.

Die Brunzkarter selbst bringen kein Kapital ein, sondern bedienen sich ausschließlich der Münzen des Stammpersonals in den Kartschüsseln.

Die lustige Vierer-Runde spielt einen konventionellen Schafkopf-Stil. Der Berechnungsmodus mit 5 - 10 - 15
(Pfennig) für Ruf, Solo und Durch gilt als moderat und weit verbreitet. "Geschossen wird schon" und auch "rausgelegt" bei Kreuzspiel, womit der Tax (der Spieleinsatz) individuell verdoppelt werden kann. Auch "die Herren" (die Trümpfe) müssen gelöhnt werden.

Aber ansonsten geht's friedlich zu. "Seit 1978 karten wir fast jeden Freitag und machen immer noch Fehler", schmunzelt Rudolf Endrich, mit 64 Lenzen der einzige Rentner in der Runde.


Wichtiges Dokument

Er rechnet in den nächsten Jahren mit "Schicksalgefährten". Seine Mitkarter stehen schließlich auch knapp vor der 60er-Marke.

Und fürs Altenteil haben die vier Schlawiner schon vorgesorgt: Schon 1983 haben sie einen rechtskräftigen Vertrag aufgesetzt, wonach sie im Ruhestand jeweils dienstags, mittwochs und freitags ab 13 Uhr zum Karten dürfen.

"Des ist wie ein Freibrief, aber unsere Frauen haben alle mit unterschrieben", grinst Georg Wolfschmidt (59), seines Zeichens Techniker bei FTE in Ebern.

Obwohl es keines Beweises bedurft hätte, zückt Günter Schneider das Dokument und träumt schon von der Zeit, da er nicht mehr täglich "in die Greiff" muss, stattdessen seinem Lieblings-Hobby frönen darf. Im Übrigen heißt es in dem Schriftstück, dass "die vorstehenden Regelungen entfallen, wenn einer geistig nicht mehr auf der Höhe ist".


Jedes Jahr eine neue Sitzordnung

Deswegen strengen sie ihre Köpfe schon noch an, wenn es um Bettel, Tout oder Wenz geht.
Nicht jedes Spiel wird zu Ende geführt. "Schenken" ruft einer und die anderen strecken die Waffen. Schon nach zwei Stichen wissen sie, dass sie keine Chance haben, das Spiel zu gewinnen. "Wir spielen so um die 200 Partien am Abend, da kennt man sich und weiß , je nachdem wie die Farben fallen, wie der Hase läuft", erklärt der Finanzer.

Und doch werden immer Täuschungsmanöver unternommen. Sei's verbal, oder optisch. "Keiner von uns steckt die Karten nach den Farben auf, oder die Trümpfe zusammen. Weil dann wüssten die anderen sofort, welches Blatt er hat." So gut kennen sie mittlerweile des anderen Strategie.

Für Abwechslung am Karttisch, der schon einige Umbauten im Schroll überdauert hat, sorgen nicht nur diverse Brunzkarter und Zaungäste, sondern auch jede Jahreswende. "Die Sitzordnung wird jedes Jahr neu ausgelost" - und damit auch die Konstellation für die Über-Kreuz-Spiele.