Eine alte Dame im Rollstuhl, zuvor in sich versunken und schlafend, blickt mit großen Augen, geröteten Wangen und einem breiten Lachen in die Runde. Eine andere Seniorin lässt es sich nicht nehmen, Lars Ruppel ein Küsschen auf die Backe zu drücken. Der Poetry-Slammer Lars Ruppel besuchte mit seinem Projekt "Weckworte" die Berufsfachschule für Altenpflege in Hofheim.
Früher hatte er sein Projekt "Alzpoetry" nach einem amerikanischen Vorbild genannt. Das ist ein Wort, das nicht im Duden steht, das noch niemand bei Wikipedia definiert hat, das vergleichsweise wenig Treffer bei Google ausspuckt.
Zusammengesetzt aus "Alzheimer" und "Poetry" steht aber dennoch ein großartiges Projekt hinter diesem Begriff. Denn Lars Ruppel versucht die Inspiration, er versucht, bei dementen Menschen durch das Mitsprechen von Texten und das Dabeisein bei der Entstehung von Gedichten Erinnerungsprozesse in Gang zu setzen, ihnen eine gute Zeit zu bieten und sie so aus ihrer Demenzkrankheit heraus aufzuwecken.
In Deutschland ist der Poetry Slammer Lars Ruppel mit diesem Projekt unterwegs. Vor einigen Tagen besuchte er die Berufsfachschule für Altenpflege in Hofheim.
In Hofheim wagten sich die Auszubildenden der Berufsfachschule für Altenpflege daran, mit Lars Ruppels Hilfe pflegebedürftigen Menschen Gedichte vorzutragen: "Das Reh springt hoch, das Reh springt weit. Warum auch nicht, es hat ja Zeit!" klingt, getragen vom monotonen Gemurmel 20 demenzkranker Senioren und ebenso vielen Auszubildenden durch den Wohnraum einer Hausgemeinschaft von St. Anna in Hofheim.
Alle Anwesenden fassen sich an den Händen und wiegen ihren Körper zum Rhythmus der Worte. Gesprochen werden diese Worte von Lars Ruppel, einem beeindruckenden jungen Mann, der sich ganz dem Poetryslam hingibt. Seit vier Jahren hat er sich außerdem noch dem Projekt "Alzpoetry" des amerikanischen Schriftstellers Gary Glanzer verschrieben und daraus inzwischen seine "Weckworte" gemacht. Bei diesem Projekt geht es nicht darum, Menschen zu heilen, sondern ihnen eine gute Zeit zu geben. "Wir arbeiten für den Moment, in dem die Leute lachen. Das allein lohnt sich", sagt Lars Ruppel.

Ein Lachen geht hin und her

Auf Betreiben des Schülers Christian Sauer organisierte Lehrer Matthias Beck, unterstützt von Schulleitung und Schulträger, diesen Workshop. Am Vormittag wurden die Auszubildenden des zweiten Lehrjahrs in die Techniken des Gedichtvortrags eingewiesen. Diese sehr lustige Unterweisung entfachte das Feuer in den Auszubildenden: Sie lockerten ihre Gesichtsmuskeln durch allerlei Grimassen, sie warfen ein Lachen hin und her und übten sich in rhythmischen Wortdarbietungen. Und dabei sprachen sie auch schon Texte von Joseph von Eichendorff, Joachim Ringelnatz, Heinz Erhardt und Eduard Mörike - voller Energie. Jedes mutige Tun wurde mit einem kräftigen Applaus bedacht.
Für die Verköstigung sorgte Lehrerin Karin Albrecht, und zu dieser gemütlichen Runde gesellte sich dann noch Thomas Göbel, der Leiter von St. Anna in Hofheim, der sich sofort bereit erklärte hatte, dieses außergewöhnliche Projekt mitzutragen.
Lars Ruppel legt sehr großen Wert darauf, dass die Schüler alle Senioren persönlich und per Handschlag begrüßen. Innerhalb kürzester Zeit entsteht so eine entspannte Atmosphäre, und die Senioren spüren, dass sie der Gastgeber sind.
Die Freude ist in jedem Gesicht zu erkennen, ein Lachen huscht über das Gesicht, wenn unmittelbarer Kontakt aufgenommen wird, Reime werden mitgesprochen, Bewegungen begeistert aufgegriffen. Nach über einer Stunde verabschieden sich Schüler und Moderator Ruppel von ihren Gastgebern.
Zurück in der Schule reflektierten die Schüler mit dem Referenten diesen Tag. Die Begeisterung war allen anzumerken.
So äußerte eine Schülerin ihre ganz persönliche Bilanz: "Lars, da hast du eine ganz schöne Welle losgetreten!"