Beide sind Rentner und beide sind viel in der Natur unterwegs und beide sehen das gleiche. Besser gesagt: Sie sehen es nicht. Das Wasser ist weg. Auf den ersten Blick klingt das unglaubwürdig: Das Wasser ist weg? Im Maintal? Hier fließt doch der Main und Baggersee reiht sich an Baggersee. Und die Straßen und Grünflächen und die Felder sehen doch feucht aus. Stimmt. Das Wasser, das sie meinen und das fehlt, ist das Grundwasser. Für die Jahreszeit ist es viel zu trocken, schildern Rhein und Ruß. Und jeder von ihnen erzählt dazu ein Beispiel.
Udo Rhein ist Wanderwart der "Fünf-Sterne"-Gemeinden, ferner Wegewart des Steigerwaldclubs und zertifizierter Wanderführer des deutschen Wanderverbandes. Er wollte jüngst im Raum Roßstadt einen Wanderwegweiser neu setzen. Keine Chance. Der alte Pfosten ließ sich aus dem Boden nicht herausnehmen. Viel zu trocken und viel zu hart. Und das Loch für einen neuen Wegweiser-Pfosten ließ sich nicht graben. Viel zu trocken und viel zu hart.

Rudi Ruß ist Winzer, Obmann des Bauernverbandes in Sand und Feldgeschworener. Im Zuge der Erschließung des neuen Wohngebiets in Sand wollten er und seine Siebener-Kollegen Grenzsteine versetzen und neu setzen. Da ist Handarbeit gefragt. Mit dem Pickel ging's ans Werk, schildert Rudi Ruß. Keine Chance: In dem trockenen und harten Boden bewegte sich nichts. Die Feldgeschworenen holten zwei Traktoren. An einen Bulldog wurde der Bohrer angeschlossen und der andere Traktor drückte mit dem Frontlader auf den Bohrer von oben, damit der Bohrer in den Boden drang.

Die Trockenheit lässt sich andernorts sehen. Rudi Ruß führt zum Altmain in Sand. Dort ist der Wasserspiegel einen dreiviertel bis einen ganzen Meter tiefer als üblich. Einen solch niedrigen Wasserstand hat es früher höchstens mal im Sommer gegeben, nicht in der aktuellen Jahreszeit. "Am Altmain ist es auffällig", sagt Udo Rhein.
Er zeigt eine weitere Stelle. Nahe der Wallfahrtskirche bei Limbach fließt ein kleines Bächlein: der Limbach. Das heißt, aktuell fließt hier gar nichts. Das Bachbett ist ausgetrocknet. Das kam früher auch vor, erzählt Udo Rhein, aber nur im Sommer, nicht im Winter. Der kleine Limbach wird von vier Brünnlein gespeist. Das sind laut Rhein gefasste Quellen. Normalerweise laufen die Brünnchen zu dieser Jahreszeit richtig. Aktuell "tropfen sie nur noch".

Rudi Ruß und Udo Rhein haben die Möglichkeit, sich dank der Aufzeichnungen eines Sanders über die Niederschlagsmengen im Ort zu informieren. Daraus geht hervor, dass im Jahr 2016 die Werte erreicht worden sind wie in den Jahren 2012 bis 2014. Der Ausreißer ist das Jahr 2015. Dieses trockene Jahr hat offensichtlich Lücken gerissen, die sich bis heute auswirken.


Reserven aufgebraucht

Die Aufzeichnungen belegen auch, dass es an genügend Tagen 2016 geregnet hat. Aber immer nur geringe Mengen. "Die Häufigkeit wäre in Ordnung; die Mengen sind zu gering", fasst Udo Rhein die Aufzeichnungen zusammen. Rudi Ruß ergänzt: "Eindeutig sind's die Niederschläge, die zu wenig waren." 2015 sei die Grundwasserversorgung aufgebraucht worden, und die kleinen Tagesmengen 2016 hätten die Reserven nicht aufgefüllt, erklärt Rudi Ruß.

Dieses Phänomen bestätigt Wolfgang Thein im Wesentlichen. Er ist der Wassermeister der Knetzgau-Sand-Wonfurt-Gruppe, die die drei Gemeinden mit Trinkwasser, das in Brunnen in Wonfurt und Limbach gewonnen wird, versorgt. "Das Grundwasser ist nicht so, wie wir es uns vorstellen." Die Grundwasser-Neubildung sei "noch nicht so ideal". Auch er sieht die Ursache im trockenen Jahr 2015. Thein: "Von dem heißen Jahr haben wir uns noch nicht erholt."

Gleichwohl gibt es nach seiner Darstellung keine Gefahr für die Versorgung der Menschen mit Wasser. Vor allem im Maintal sind so viele Reserven vorhanden, dass Engpässe nicht zu befürchten sind.
Das bestätigt der Zweckverband der Zeil-Ebelsbach-Gruppe, die die zwei Kommunen mit Trinkwasser versorgt. Der Zweckverband fördert Trinkwasser aus fünf Brunnen im Maintal bei Ebelsbach sowie aus Brunnen bei Neubrunn. Da gibt es keine Probleme. "Bei uns ist alles im grünen Bereich", erklärte Günter Bier vom Zweckverband, dessen Geschäftsführung bei den Zeiler Stadtwerken angesiedelt ist.


Probleme in Rauhenebrach

Wie sieht es abseits des wasserreichen Maintals aus? In der Gemeinde Rauhenebrach zum Beispiel gibt es erste Auswirkungen der Trockenheit. In einem Brunnen bei Fürnbach hat sich der Grundwasserspiegel so abgesenkt, dass das Wasser aus größerer Tiefe gefördert werden muss, wie Bürgermeister Matthias Bäuerlein (FW) auf Anfrage beschrieb. Die Folge: Grenzwerte bei einzelnen Parametern werden überschritten. Die Situation betrifft vor allem die Haushalte in Schindelsee.
Eine Gefahr für die Versorgung sieht Bäuerlein nicht, auch nicht in Schindelsee. Die Gemeinde hat die Möglichkeit, über den Ringschluss innerhalb der Kommune Wasser aus einem Versorgungsbereich in einen anderen umzuleiten. Aber beobachten müsse man die Lage schon, betont der Bürgermeister der Steigerwaldgemeinde.
Zurück nach Sand. Für Udo Rhein und Rudi Ruß ist die aktuelle Trockenphase auch ein Beleg für den Klimawandel, der bisweilen immer noch geleugnet wird. Dieser Klimawandel wirkt sich aus, auch im Landkreis Haßberge, vielleicht etwas anders als an anderen Orten. "Unser Problem sind die Niederschläge, nicht die Temperaturen", sagt Udo Rhein.
Was wäre jetzt nötig, um die Situation zu verbessern? "Wir bräuchten einen schönen Landregen; vier, sechs Wochen lang", meint Udo Rhein. "Aber schön langsam", setzt Rudi Ruß hinzu. Denn die Niederschläge sollen nicht auf Oberflächen abfließen, sondern in das Grundwasser.