Barrierefrei zu bauen ist eine Sache, "Inklusion zu bauen" eine ganz andere Herausforderung. Das erklärte am Freitagmittag Helmut Stahl, Architekt an den beiden neuen Standorten der Rummelsberger Wohnstätten in Zeil und Ebelsbach. Nach zwei Jahren Bauzeit sind die beiden "Geschwister"-Gebäude fertig, nicht identisch, aber sehr ähnlich soll das Wohnprojekt einen weiteren Schritt der Inklusion - des aufeinander Zugehens und des miteinander Seins - bewältigen.

Jeder Mensch hat Wünsche

Von einem Leben im Schloss haben sie sich verabschiedet, ein Alltag mitten im Ortsgeschehen steht ihnen bevor: 48 Menschen mit Behinderung sind in diesem Jahr von Schloss Ditterswind bei Maroldsweisach nach Zeil und Ebelsbach gezogen.

"Aus den Ditterswindern werden jetzt Rummelsberger im Landkreis Haßberge", sagte Erwin Dotzel (CSU), der Bezirkstagspräsident von Unterfranken. Insgesamt elf Ehrengäste waren zur offiziellen Einweihung nach Ebelsbach gekommen. Nachdem die Festredner ihre guten Wünsche überbracht hatten, stellten die Bewohner ihre ganz eigenen Vorstellungen und Hoffnungen vor.

Mundharmonika spielen, alleine einkaufen gehen, Freunde finden, Besuch bekommen, Sonnenschein, Schokolade, Ausflüge machen, Eis essen gehen... Zwei Wünsche konnte Ebelsbachs Bürgermeister Walter Ziegler (Bürgernahe Liste) mit seinem Mitbringsel auf einmal erfüllen: ein Gutschein für einen Besuch in einer Ebelsbacher Eisdiele für jeden der Bewohner.

Sicher kalkuliert

Je 24 Einzelappartements mit eigener Nasszelle, mit eigener Terrasse oder Balkon und Anschlussmöglichkeiten für eine kleine Küchenzeile wurden im Wohnkomplex errichtet. Daneben im Haus, sozusagen über den Hof drüber, finden sich dann die gemeinschaftlichen Wohnanlagen, in denen die Wohngruppen ihren Alltag gestalten können und täglich so gegen neun Uhr gemeinsam starten. Durch diese Aufteilung bekommt jeder Bewohner Privatsphäre und Gemeinschaft auf einmal geboten.

Insgesamt circa 11,5 Millionen Euro brutto wurden für die Baukosten in die Hand genommen. "Wenn ich die Zahlen gehört habe, was das Ganze gekostet hat, kann ich sagen, dass das Grundstück ein Schnäppchen war", sagte Bürgermeister Ziegler mit einem Augenzwinkern.

Die endgültige Schlussabrechnung stehe zwar noch aus, so ein Mitarbeiter der Rummelsberger Diakonie, doch der Projektsteuerer Philipp Ratajczak konnte schon am Freitag sagen: "Der Termin und die Kosten wurden eingehalten." Insgesamt mit circa 946 000 Euro für Wohnheim und Tagesstruktur vor Ort fördert der Bezirk die beiden Wohnheim-Projekte, von der Regierung von Unterfranken kommen zusätzlich noch einmal circa 4,7 Millionen Euro dazu.

Inklusion ist auch Kopfsache

Mit dem Pflegeleistungsgesetz sind vom Bund insgesamt fünf Milliarden Euro zur Mitfinanzierung vorgesehen, zehn Millionen sollen davon in Unterfranken für die Betreuung ausgegeben werden. Soweit zumindest die Zielvorgaben. Abgesehen von der finanziellen Förderbereitschaft geht es aber noch um etwas ganz anderes: "Auch Menschen ohne Behinderung geht Inklusion an", sagte Erwin Dotzel und forderte im nächsten Zug: "Jeder muss seine innere Haltung infrage stellen."

Um die Begegnung möglichst ungezwungen zu gestalten und wirklich die Menschen kennen zu lernen, erlebte der Zeiler Bürgermeister Thomas Stadelmann (SPD) für einen halben Tag den Alltag mit den Bewohnern gemeinsam - damals noch in Ditterswind. Auch sein Kollege Walter Ziegler findet: "Wichtig sind nicht die Gebäude, wichtig sind vor allem die neuen Ebelsbacher."

Studie vor dem Umzug

Getreu diesem Ansatz entschied sich die Rummelsberger Diakonie auch dafür, während des Planungsgeschehens eine wissenschaftliche Studie in Auftrag zu geben, die herausfinden sollte: Was sind die Bedürfnisse, die Hoffnungen und Wohnvorstellungen der Mitbewohner selbst?
Denn auch ein Mensch, der mit einer geistigen und/oder körperlichen Einschränkung zurechtkommen muss, kann sein eigener Experte sein. Diesen Ansatz griff auch noch einmal Diakon Günter Schubert von der Rummelsberger Regionalleitung Unterfranken auf. Manchmal sind es Urkunden, ein eigener Sessel, die Lieblings-Bettwäsche, Fotoalben und ganz oft Kuscheltiere und ein eigener Fernseher auf dem Zimmer - scheinbar banale Kleinigkeiten, die den Lebensraum der Bewohner aber eben erst zu einem Zuhause machen.
Die Ergebnisse der Studie vom Lehrstuhl für Sonderpädagogik und Pädagogik bei Geistiger Behinderung an der Julius-Maximilian-Universität Würzburg konnten wohl so gut wie alle umgesetzt werden. "Wir haben einen Treffer gelandet", sagte Matthias Grundmann (Rummelsberger Diakonie), die Wünsche an die Wohnplätze in Zeil und Ebelsbach konnten realisiert werden. An den selber gemachten Plakaten, die an den Eingangstüren der Wohngruppen hängen, sieht man schon: Es hat funktioniert. Die Idee, der entscheidende Gedanke, zu fragen: "Was willst du, dass ich für dich tue?" - und nicht: "Ich weiß, was gut für dich ist."