Die Dimensionen sind gewaltig: Die Nord-Süd-Achse Australiens entspricht in etwa der Entfernung von Madrid nach Moskau. Das sechstgrößte Land der Erde wartet mit einer kompakten Landmasse auf. Mitten drin: Das berühmt-berüchtigte Outback mit seinem steppenartigen Charakter. Auf seiner jüngsten Tour hat sich der Königsberger Manfred Wagner auf diese Herausforderung eingelassen. Nur mit dem Fahrrad. Wie immer auf seinen Touren.

Auf den Spuren des Urahns

Einer von Wagners Vorfahren zog im 19. Jahrhundert als Goldgräber nach "down under". Die Lust am Abenteuer liegt dem 57-jährigen Radler aus Holzhausen offenbar im Blut. Er startete ganz im Norden in Darwin. Sieben Wochen später erreichte der Weltenbummler sein Ziel: Melbourne. Dazwischen liegen viertausend Kilometer. Die Fahrt durch das unfruchtbare und menschenleere Outback im Zentrum Australiens kann man nicht mit dem Begriff "Genuss-Radeln" abhaken.

Über weite Strecken fehlt dort die Infrastruktur. Kein Dorf, keine Imbissbude, kein Truckerstopp. "Was man die nächsten zwei- oder dreihundert Kilometer an Verpflegung und Wasser braucht, muss man mitschleppen." Wagners vollbepacktes "Push-Bike" wog gut 50 Kilo. Es herrschte australischer Winter mit fröstelnden Temperaturen in der Nacht und über 30 Grad am Nachmittag.

Naturwunder und Road-Trains

In der Tageshitze erhielt der Biker regelmäßig unerwünschten Besuch: australische Buschfliegen. "Die stechen oder beißen zwar nicht, aber nervtötend sind sie doch." Sie kriechen unablässig in alle offensichtlichen Körperöffnungen wie Nase, Ohren, Augen und auf die Lippen. Nachts stellten sich andere Gäste ein und sorgten für ein beklommenes Gefühl: Unter dem Kreuz des Südens schlichen die hundeähnlichen, scheuen und mageren Dingos lautlos um sein Zelt - immer auf der Suche nach Fressbarem.

"Ein Kapitel für sich" waren für Manfred Wagner die "Riesen-LKW", auch Road-Trains genannt. Mit drei oder vier gigantischen Anhängern haben sie eine Länge von über 50 Metern. Da heißt es, aufs Bankett auszuweichen, sobald sich solch ein Ungetüm von hinten nähert. Faszinierende Naturwunder entschädigten den 57-Jährigen für die Strapazen.

Dass der Teufel mit ziemlich großen Murmeln spielt, sah der Traveller bei den "Devil´s Marbles". Dabei handelt es sich um eine Ansammlung von im Laufe von Jahrmillionen kugelförmig geschliffenen Basalt-"Bollern", wie man im Fränkischen sagen würde. Karlu, karlu heißt diese heilige Stätte bei den Aborigines. In ihrem Glauben handelt es sich um die Eier der Regenbogenschlange.

Scheinbar unendliche Klippen

Der grandiose Kings-Canyon braucht den Vergleich mit dem amerikanischen Grand Canyon nicht zu scheuen. Und der abgeschiedene, aber gigantische Monolith Uluru, auch als Ayers Rock bekannt, ist einfach umwerfend. Von weitem sieht es so aus, als liege ein riesiger Steinblock in der Landschaft herum. Die wahren Dimensionen erkannte Manfred Wagner erst, als er unmittelbar davor stand: Steile Felsklippen, die fast senkrecht scheinbar unendlich in den Himmel ragen. "Der Mensch wirkt da ganz klein und verloren wie eine Ameise." Da es an diesem Vormittag regnete, konnte der staunende Königsberger zahlreiche Wasserfälle beobachten, die an dem Steinriesen herunter sausten.

Kürzlich kehrte der Rad-Freak wohlbehalten in die Heimat zurück - im Gegensatz zu seinem Urahn. Der schrieb in einem Brief, genug Gold gefunden zu haben. Er versprach, bald zurückzukehren und blieb dann spurlos verschollen.