In dem Prozess wegen Schwarzfahrens vor dem Amtsgericht in Haßfurt war am Ende der Beweisaufnahme nur eines klar: Irgendeiner der Zeugen hat gelogen. Da die Juristen nicht feststellen konnten, wer das war, sprach die Amtsrichterin Ilona Conver einen 35-jährigen Mann aus dem Steigerwald frei. In ihrer Urteilsbegründung meinte die Gerichtsvorsitzende halb zerknirscht und halb resigniert: "Nirgendwo wird so oft gelogen wie im Gerichtssaal."

Bei der Verhandlung ging es darum, ob der Angeklagte am 6. Juni des vergangenen Jahres abends um viertel zehn mit seinem Auto durch sein Heimatdorf gefahren war oder nicht. Bereits vor wenigen Wochen tagte das Gericht in dieser Angelegenheit. Damals entlasteten sowohl die Mutter als auch die getrennt lebende Ehefrau den Angeklagten. Ein Nachbar aber hatte behauptet, ihn mehrfach hinterm Steuer gesehen zu haben, wobei er jedoch kein genaues Datum angeben konnte.

Die Aussage der Frau

Sodann war die Beweisaufnahme unterbrochen worden, um in einem neuen Termin die Frau, die mit ihrer Anzeige alles ins Rollen gebracht hatte, als Zeugin zu hören. Dieser Fortsetzungstermin fand nun statt. Wie zu erwarten, stand die Aussage der Hausfrau (48 Jahre) im Mittelpunkt des Verfahrens. Und diese Aussage war alles andere als eindeutig.

Einerseits, betonte die Frau im Zeugenstand, könne sie heute "nicht mehr beschwören", dass sie den 35-Jährigen genau an diesem Junitag um die besagte Uhrzeit gesehen habe. Andererseits aber, unterstrich sie im Brustton der Überzeugung, sei das, was sie damals bei der Anzeige dem Polizisten gesagt habe, ganz sicher richtig gewesen. Sie fügte hinzu, dass sie sich keine schriftlichen Notizen über den Vorfall gemacht habe. Diese Erklärung aber stand in Widerspruch zu dem, was damals der Beamte protokolliert hatte, fand der Verteidiger Bernhard Langer heraus.

Dies war für den Rechtsanwalt einer der Gründe, warum er die Zeugin für wenig glaubwürdig hielt. Er vermutete als Motiv der damaligen Anzeige einen persönlichen Racheakt. "Man wollte meinem Mandanten offensichtlich etwas anhängen", mutmaßte der Advokat. Der Schuldvorwurf, argumentierte er weiter, sei nicht haltbar und der Tatbeweis nicht erbracht. Nach dem Grundsatz "In dubio pro reo" - auf Deutsch: im Zweifel für den Angeklagten - forderte er einen Freispruch.

Für eine Bewährungsstrafe

Seitens der Anklage bewertete Ilker Özalp den Sachverhalt gänzlich anders. Er hielt den zweifach vorbestraften Angeklagten für schuldig. Er erinnerte daran, dass erst im Januar letzten Jahres der Beschuldigte wegen Fahrens trotz Fahrverbots zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Vor diesem Hintergrund plädierte er für eine zweimonatige Bewährungsstrafe.

Mit dem Richterspruch setzte sich schließlich die Rechtsauffassung des Verteidigers durch. Es könne wohl sein, meinte die Strafrichterin in der mündlichen Begründung, dass der Mann mehrmals im ersten Halbjahr 2014 gefahren sei. Ein wichtiger Grundsatz deutschen Rechtsverständnisses sei aber, dass es in einer Verhandlung nur darum gehen dürfe, was in der Anklageschrift stehe. Ob die Staatsanwaltschaft gegen dieses - aus ihrer Sicht sicherlich unbefriedigende - Urteil Berufung beim Bamberger Landesgericht einlegen wird, blieb offen.