Am 10. Dezember 1948 verabschiedeten die Vereinten Nationen die allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Urs Fiechtner, Sprecher von Amnesty International, bezeichnet deren 30 Artikel als "die 30 Bausteine eines Gebäudes". Einige Zahlen findet er allerdings alarmierend: Gerade einmal zehn Prozent der Deutschen könnten das Dokument benennen, in dem die Menschenrechte festgehalten wurden, viele seien der Überzeugung, die Menschenrechte seien nie schriftlich festgehalten worden. Nicht einmal die Hälfte der Deutschen könne in Umfragen ein Menschenrecht benennen, so Fiechtner. "Und das, obwohl sich das Grundgesetz in Artikel 1 direkt darauf bezieht."
Mit einem Vortrag eröffnete Urs Fiechtner am Donnerstagabend im Zeiler Hexenturm die Ausstellung "Die Würde des Menschen ist unantastbar." In Zusammenarbeit mit dem Koordinierungszentrum Bürgerschaftliches Engagement holte die Volkshochschule diese Wanderausstellung in den Heimatkreis. Die von Amnesty Ulm gestalteten Schautafeln beschäftigen sich mit Ursachen, Formen und Folgen von Folter. In seinem Vortrag sprach Urs Fiechtner noch weitere erschreckende Umfrageergebnisse aus Deutschland an. Demnach seien, je nachdem, wie die Fragestellung formuliert ist, über 50 Prozent der Deutschen bereit, Ausnahmen von einem Folterverbot zuzulassen. Gerade die Nennung des Begriffs "Terrorismus" führe oft dazu, dass Menschen auch die Anwendung von Folter akzeptieren oder befürworten würden.


Angriff auf die Menschenwürde

Wer die Ausstellung besucht, sollte aber nicht damit rechnen, harte Bilder von brutalen Foltermethoden zu sehen. Den Grund dafür, dass die Tafeln vor allem auf Text setzen, erklärte Urs Fiechtner in seinem Vortrag. "Es heißt ja: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Und das ist leider auch wahr." Doch das Schlimmste an Folter seien nicht die Qualen, die dem Opfer zugefügt werden, sondern vielmehr die maximale Demütigung, die ein Opfer dadurch erfahre. Denn Folter sei ein direkter Angriff auf die Menschenwürde. "Man sagt dem Opfer damit: Du bist kein Mensch." Daraus erkläre sich auch die Textlastigkeit der Ausstellung, die Spötter als "an die Wand genageltes Buch" bezeichnen könnten: "Bilder von Folteropfern zu zeigen, würde sie ein zweites Mal demütigen."
Außerdem betonte Fiechtner, wie wichtig es sei, gegen Menschenrechtsverletzungen anzukämpfen, auch wenn sie nicht im eigenen direkten Umfeld geschehen. Mit einem Zitat von Immanuel Kant bekräftigte er, der Bürger müsse zu einem "Weltbürger" werden, "der erkennt, dass auch seine Rechte angegriffen sind, wenn auf der anderen Seite der Welt gefoltert wird".
Verbrechen in anderen Teilen der Welt sollten also auch die Deutschen interessieren, obwohl sie in einem Staat leben, in dem "die Menschenrechte weitgehend durchgesetzt sind". Allerdings seien auch diese oft mühsam erkämpft worden. Als Beispiel nannte Fiechtner die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die mit der Einführung des Frauenwahlrechts 1918 noch lange nicht erreicht gewesen sei. So wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg die Gleichberechtigung offiziell in die Verfassung geschrieben und selbst danach dauerte es noch Jahrzehnte, bis Frauen nicht mehr die Erlaubnis ihres Ehemannes brauchten, um einen Beruf auszuüben oder ein Bankkonto zu eröffnen.
Ein großes Thema seiner Ausführungen war die Flüchtlingssituation. Denn auch von ihnen seien viele vor Folter geflohen. Auch bei der Frage nach deren Aufnahme und Versorgung in einem Gastland spielten die Menschenrechte eine Rolle. Der Amnesty-Sprecher machte keinen Hehl draus, dass er in der AfD eine verfassungsfeindliche Partei sieht und sprach im Hinblick auf Wahlumfragen von einem "rechtsradikalen Bodensatz", dessen Größe besorgniserregend sei. Kritik äußerte er auch am bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Nach dem Zweiten Weltkrieg hätte Deutschland zwölf Millionen Flüchtlinge aufgenommen, doch Herrmann bestehe darauf, dass es eine Beleidigung dieser Vertriebenen sei, sie mit heutigen Flüchtlingen zu vergleichen. Fiechtner bezeichnete die Flüchtlinge mit einem Zitat von Bertolt Brecht als Menschen, "die Geschichten über die Grenze tragen". Außerdem beschrieb er, wie er oft Studenten bei Vorträgen an Universitäten vor Augen führe, wie alt viele Vorurteile bereits seien. So lege er ihnen oft Texte von Menschen vor, die sich vehement gegen eine Aufnahme von Fremden wehren. Darin tauchten, so Urs Fiechtner, alle heute gängigen Ängste auf, von der Überfremdung über die weggenommenen Arbeitsplätze bis hin zur Angst vor der fremden Religion. Was er den Studenten vorher allerdings verschweigt: Dabei handelt es sich nicht um moderne Texte.


Diskussion mit einem Zuhörer

Tatsächlich stammt eine der Schriften aus dem Jahr 1685 und richtet sich gegen die Hugenotten, eine Gruppe französischer Protestanten, die Schutz vor religiöser Verfolgung suchten. Die andere stammt aus dem 19. Jahrhundert und richtet sich gegen polnische Flüchtlinge. Eingetreten sei in beiden Fällen keine der befürchteten Folgen, dafür hätte es aber ein Wirtschaftswachstum gegeben.
Die Schuld an heutigen Flüchtlingswellen sieht Fiechtner zu einem großen Teil bei westlichen Politikern. So gebe es viele Flüchtlinge, die in ihrer Region bleiben wollen und lieber in einem Nachbarland der Heimat, die sie verlassen haben, unterkommen würden. Erst die Kürzungen von Geldern, gerade durch die USA, die in den Nachbarländern Syriens die Aufnahmelager für solche Flüchtlinge finanzieren, hätten zu den heutigen großen Flüchtlingsströmen geführt. Auch im Bezug auf den Umgang mit "befreundeten Staaten", die Menschenrechte missachten, rügte er die Politik des Westens. Als Beispiele nannte er Saudi-Arabien und die Türkei.
Ganz unwidersprochen blieb der Vortrag nicht. Ein Besucher meldete sich zu Wort und kritisierte Fiechtners Aussage, Deutschland als reiches Land könne sich die Aufnahme der Flüchtlinge leisten. So gebe es auch in Deutschland viel Armut, meinte er, und sprach über Arbeitslose, die auf Sozialleistungen angewiesen sind und später wenig Rente bekommen. Amnesty-Sprecher Fiechtner entgegnete darauf, dass es hierbei um "relativen Reichtum" gehe, denn im Vergleich zu jemandem, der in der Dritten Welt in Armut lebe, sei auch ein deutscher Hartz-IV-Empfänger gut versorgt.
Bürgermeister Thomas Stadelmann (SPD) dankte Fiechtner für den Vortrag und sagte, er fände es toll, dass dieser so offen seine Meinung äußere, "auch wenn ich selbst in manchen Punkten nicht mit Ihnen übereinstimme". Die Ausstellung ist noch bis zum 29. Mai im Zeiler Hexenturm zu sehen.