"Dazu sage ich gar nichts mehr - aus und vorbei!" Ein Hausarzt aus dem Landkreis Haßberge, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat von der Praxisgebühr noch nie etwas gehalten. Dass sie zu Jahresbeginn abgeschafft worden ist, sieht er als schon "längst notwendige Konsequenz verfehlter Gesundheitspolitik". Die zehn Euro Gebühr pro Quartal von den Patienten einzukassieren, war für ihn nicht nur ein bürokratischer Zusatzaufwand. "Da fühlte man sich manchmal wie ein Inkasso-Büro", schüttelt der Arzt den Kopf. Und gebracht habe das sowieso nichts, außer Zusatzeinnahmen für die Krankenkassen.

"Sie werden kaum einen niedergelassenen Kollegen finden, der den Wegfall der Praxisgebühr nicht begrüßt", stößt Dr. Ingo Schmidt-Hammer, Facharzt für Allgemein- und Notfallmedizin, ins gleiche Horn. Der weggefallene Verwaltungsaufwand sei deutlich spürbar, bestätigt der Arzt, der mit seinem Kollegen Dr. Diethelm Schorscher in Pfarrweisach eine Gemeinschaftspraxis betreibt.

Für die Arzthelferinnen entfalle nun das umständliche Recherchieren der Gebührenpflichtigkeit. Denn es gab etliche Konditionen, unter denen die Patienten befreit waren. "Die mussten alle abgeklappert werden", was nach Schmidt-Hammers Worten zusätzlichen Zeitaufwand für das Praxisteam bedeutete. Auch musste über das eingenommene Geld Buch geführt, täglich die Einnahmen zur Bank gebracht werden, um die Euros sicher zu verwahren.

Das Geld eintreiben müssen

Doch damit war die Arbeit noch lange nicht zu Ende. Denn immer wieder kam es vor, dass Patienten beim Praxisbesuch die zehn Euro Gebühr nicht dabei hatten. Die mussten mitunter mehrfach an die Zahlung erinnert werden, was sich zum Teil über das ganze Quartal erstreckte. Wer dann immer noch nicht bezahlt hatte, musste schriftlich angemahnt werden, denn "das war die Voraussetzung dafür, dass wir die Praxisgebühr als unbezahlt an die Kassenärztliche Vereinigung melden konnten".

Unterm Strich, schätzt Dr. Ingo Schmidt-Hammer, dass das Eintreiben der Praxisgebühr zirka fünf Minuten Aufwand pro Patient in der Praxis erzeugt hat.
Nicht nur von den Helferinnen, sondern auch vom Arzt, der für die Buchführung, das Eintreiben der Praxisgebühr im Notdienst und bei Hausbesuchen verantwortlich zeichnete.
Umgerechnet beziffert er die Zusatzarbeit für Arzt und Helferinnen auf rund fünf Euro Kosten pro Patient, die natürlich zu Lasten der Praxen gingen.

Das ursprüngliche Ziel der Praxisgebühr, die so genannte Steuerungsfunktion des Hausarztes und damit eine Verminderung unnötiger Arztbesuche spricht Schmidt-Hammer der Praxisgebühr ab: "Jeder, der glaubt, dass er einen Arzt braucht, sucht diesen auch auf. Auch wenn er nur einen Schnupfen hat und es zehn Euro kostet."
Es sei aber durchaus vorgekommen, dass Patienten lieber noch ein paar Tage ausgehalten haben, um den Quartalswechsel zu überspringen, wenn eine Krankheit gegen Ende das Bezahlzeitraums ausgebrochen sei.
Nach Wegfall der Praxisgebühr zum 1. Januar 2013 habe man in der Pfarrweisacher Gemeinschaftspraxis keine Zunahme des Patientenaufkommens festgestellt.

Auch ohne die von den Krankenkassen erhobene Gebühr, hält Dr. Ingo Schmidt-Hammer die Lotsenfunktion der Hausärzte für sinnvoll, da der Hausarzt seine Patienten kenne und über deren Behandlung gegebenenfalls bei Fachärzten sinnvoll entscheiden könne.

Lotsenfunktion bleibt

Zwar sieht er die Gefahr, dass sich diese Lotsenfunktion etwas reduzieren werde, durch die Option, Fachärzte nun auch ohne "Strafgebühr" aufsuchen zu können. Aber für Patienten, die an einem Hausarztmodell teilnehmen, sei auch dies kaum ein Problem, da Patienten dort sowieso (fast) immer eine Überweisung haben sollten.
Ob die Praxisgebühr zu einer besseren Finanzierung des Gesundheitssystems beigetragen hat? Schmidt-Hammer schüttelt den Kopf: "Im Vergleich zu den Summen, die die Kassen umgesetzt haben, ist die Praxisgebühr nie ein relevanter Posten gewesen." Sie sei nur eine versteckte Beitragserhöhung gewesen, die durch kostenlose Arbeit in den Praxen eingetrieben wurde, von Patienten die krank waren.

Zur Praxisgebühr

Im Jahr 2004 wurde die Praxisgebühr eingeführt. Heute lässt sich sagen, dass ihr Ziel, die Arztbesuche zu reduzieren, nicht erreicht worden ist.

Die Gebühr, also die zehn Euro pro Patient und Quartal, mussten zwar die Ärzte einkassieren, aber hatten davon selbst keinen Nutzen. Das Geld musste komplett an die gesetzlichen Krankenkassen abgeführt werden. So kamen jährlich etwa 1,9 Milliarden Euro zusätzlich zusammen. Nach dem Wegfall der Gebühr soll der Ausfall nunmehr durch Gelder aus dem Gesundheitsfonds ausgeglichen werden. Noch Ende des Jahres 2012 waren aufgrund säumiger Zahler noch über 200 000 Mahnverfahren anhängig.