Es ist wohl die Ruhe vor dem Sturm. Die Gänge wirken verwaist. Nur vereinzelt schiebt ein Kunde in Ebelsbach seinen Einkaufswagen ins Blickfeld der in den Regalen verbliebenen Schokoladen-Nikoläuse - kein ungewöhnliches Bild an einem frühen Vormittag mitten unter der Woche.

Das dürfte spätestens ab Montag deutlich anders aussehen. Schließlich haben die Geschäfte ab Donnerstagmittag (Heiligabend) drei Tage lang geschlossen. "Bei uns sind alle 55 Mitarbeiter in drei Schichten im Einsatz. Es herrscht Urlaubssperre", sagt Stefan Helmreich. Der 43-Jährige ist seit zehn Jahren geschäftsführender Gesellschafter der Ebelsbacher Rewe-Filiale und weiß genau, was ihn in den kommenden Tagen erwartet: Viel Arbeit. 216 Milliarden Euro erwirtschaftete der Einzelhandel nach Angaben des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) im vergangenen Jahr mit Lebensmitteln. Drei Milliarden seien allein in der Vorweihnachtswoche umgesetzt worden.

In Ebelsbach dürfte in dieser Zeit etwa drei Mal soviel Ware wie üblich auf die Kassenfließbänder gelegt werden, vermutet Helmreich. Auch Gerhard Meyer erwartet kurz vor Weihnachten deutlich höhere Einnahmen. In seinen Edeka-Filialen in Zeil und Theres werde der Umsatz am Tag vor Heiligabend mehr als verdoppelt, in der deutlich größeren in Haßfurt gar vervierfacht. "Das hängt aber auch von den zur Verfügung stehenden Parkplätzen ab", sagt der 54-Jährige. "Wenn sie voll sind, sind sie voll. Dann können einfach nicht mehr Kunden in den Laden." Klar, dass es da in den Gängen zeitweise so eng werden kann wie auf verschneiten Straßen im Feierabendverkehr. In der Vorweihnachtswoche steige der Umsatz gegenüber den Adventswochen im Durchschnitt noch einmal um 20 Prozent, erklärt der BVLH-Pressesprecher Christian Böttcher.


Eine schlaue Liste hilft

Den Regalen soll die erhöhte Nachfrage aber nicht anzusehen sein. "Wir werden sie Dienstag und Mittwoch daher auch nach Ladenschluss wieder auffüllen", sagt Stefan Helmreich. Normalerweise reiche es, die Lieferungen im Laufe des Tages einzuräumen. Doch vor den Feiertagen? Undenkbar.

Den Überblick behält nicht nur er, sondern auch ein Warenwirtschaftssystem, das genau weiß, welches Produkt von der Zentrale wann geliefert werden muss. Doch alles weiß der Computer nicht besser. Denn ein zusätzliches Programm, das die speziellen Weihnachtsvorlieben des Kreises Haßberge einspeist, dürfte er sich zwar wünschen, gibt es aber noch nicht. "Ich habe mir die Liste mit den Zahlen des letzten Weihnachtsgeschäfts ausgedruckt und die Bestellungen entsprechend ergänzt, damit wir von diesen Produkten auch genug haben", sagt Helmreich.

Große hellseherische Fähigkeiten bedarf es wohl nicht, um vorherzusagen, dass Rotkohl, Eis oder Löffelbiscuits in Helmreichs schlauer Liste ganz weit oben auftauchen. "Es sind aber auch echte Überraschungen dabei", sagt Helmreich. Bestes Beispiel: Backerbsen. Die lägen nicht ohne Grund prominent platziert in großen Mengen griffbereit. "Die meisten Kunden bieten als Vorspeise wohl Suppen an", vermutet er. Dafür brauche man eben Backerbsen.

Aus den in der Vorweihnachtszeit des vergangenen Jahres verkauften Lebensmitteln lassen sich sogar ganze Weihnachtsessen erahnen. Sind die Suppenteller abgeräumt, folgt den Zahlen zu Folge ein Hauptgericht bei dem sich Lachs, Gans, Ente oder Rind den Teller mit Blaukraut, Gemüse oder Wirsing teilen. Abgerundet wird das Statistik-Menü dann von Eis oder Tiramisu. "Weihnachten ändert das Kaufverhalten der Kunden", sagt Gerhard Meyer. "Es werden deutlich mehr hochwertige Produkte verkauft."

Angeordnet sind die Produkte daher auch nach den möglichen Gerichten und der wahrscheinlichsten Kombination. Wer zum Lachs greift, darf daher sicher sein, den wohl ebenfalls auf dem Einkaufszettel stehenden Meerrettich nur wenige Schritte entfernt zu finden.

In Ebelsbach steht dieser inzwischen dort, wo die Schoko-Weihnachtsmänner bis zum 10. Dezember noch um die Wette strahlten. "Nach dem Nikolaustag sind die aber bis auf wenige Ausnahmen weg", sagt der 43-Jährige. "Der Platz ist dann frei für die Konserven."


Einkaufen ohne Stress

Wer diese ebenso wie andere nichtverderbliche Lebensmittel bereits in der vergangenen Woche gekauft hat, dürfte sich einigen Stress erspart haben. Das sei eigentlich die beste Taktik, sagt Helmreich. Dann müssten an Heiligabend nur noch die frischen Zutaten eingekauft werden. Klar, dass auch seiner sowie Meyers Märkte auch am Donnerstag noch geöffnet haben. Zwar nur bis 14 Uhr, doch in dieser Zeit werde genau so viel umgesetzt wie an einem normalen Werktag. "Die meisten wollen am 24. aber gar nicht mehr einkaufen und lieber schon in Ruhe das Essen vorbereiten", sagt Gerhard Meyer. Schwerpunkttag sei der Mittwoch.

Doch selbst dann kann dem vorweihnachtlichen Einkaufsstress noch entronnen werden. Verzichtet werden muss dafür allerdings auf einige Stunden Schlaf. Denn wer zwischen sieben und acht Uhr morgens nach den passenden Zutaten für sein Weihnachtsmenü sucht, hat gute Chancen, seinen Einkaufswagen ohne große Konkurrenz ins Blickfeld der restlichen Schokoladen-Weihnachtsmänner zu schieben. Danach wird's voll.