Die Nagelprobe für die Energiewende wird nicht der Bau neuer Windräder sein, so umstritten sie im Einzelfall auch sind. Ob der Strom am Tag X nach der Abschaltung der Atomkraftwerke noch fließt, hängt vielmehr auf Gedeih und Verderb am Ausbau der Leitungsnetze. Und im Vergleich zu den Problemen, die dabei auftreten können, gleicht der Widerstand gegen neue Windräder dem Sturm im Wasserglas.
Beispiel Eltmann: Hier baut die Firma Tennet mit Sitz in Bayreuth das Umspannwerk in der Industriestraße aus. Im 11.000 Kilometer langen Netz des Leitungsbetreibers, dessen Konzernmutter in den Niederlanden sitzt, ist Eltmann nur ein Baustein von vielen, "aber ein ganz entscheidender", wie Heiko Dankleff sagt, der den Ausbau mit einem Budget von zehn Millionen Euro leitet.

Im Verbund


Das Umspannwerk in Eltmann ist eine Schaltstelle im Verbund der Leitungen, die derzeit noch ganz auf Grafenrheinfeld zugeschnitten sind. Aus dem Kernkraftwerk vor den Toren Schweinfurts fließt ein großer Teil des Stroms, der in Bayern gebraucht wird.
Die Strom-"Autobahn" läuft parallel zur Maintalautobahn bis Würgau bei Bamberg: Für 380.000 Volt (380 Kilovolt = kV) sind die Leitungen ausgelegt, die sich auf 60 Meter hohen Gittermasten durchs Maintal ziehen.
Diese 380.000 Volt fließen aber bislang nur in eine Richtung, nach Osten, weg von Grafenrheinfeld. Im "Gegenverkehr" genügt dem Netzbetreiber die nächst tiefere Spannungsebene, 220.000 Volt, wie Markus Lieberknecht erklärt, der Pressesprecher von Tennet.

Schwankendes Angebot


Mit dem baldigen Ende des Atomzeitalters ändert sich das: Dann ist das Stromnetz nicht mehr auf wenige Großerzeuger zugeschnitten, sondern es muss in alle Richtungen mit dem schwankenden Angebot aus Wind- und Solarstrom fertig werden, Spitzen abfangen und Engpässe ausgleichen. "Derzeit haben wir in zahlreichen Netzabschnitten durch den Ausbau der Wind- und der Sonnenenergie längst die Kapazitätsgrenze erreicht", sagt Lieberknecht. Deshalb der Ausbau in Eltmann: Hier wird die Energie von der Strom-"Autobahn" so umgeformt, dass sie mit niedrigerer Spannung im untergeordneten Leitungsnetz verwendet werden kann.
Um das Netz stabil zu halten, muss in Eltmann ein neuer Trafo installiert werden und um ihn herum ein komplett neues Spannungsfeld für die 380.000 Volt. Erst wenn das System komplett funktionsfähig ist, "nehmen wir das 220.000-Volt-Schaltfeld vom Netz", erklärt Dankleff.

Neue Masten


Teil des neuen Hochleistungsnetzes sind zwei neue Masten vom Umspannwerk zur Überlandleitung, die die 380.000-Volt-Leitungen über die Maintalautobahn tragen werden. Sie ersetzen drei 220-Kv-Masten und sollten dieser Tage aufgestellt werden. Doch daraus wird nichts. "Es gibt eine Verzögerung", sagt Lieberknecht - Monate, vielleicht sogar ein Jahr Zeitverzug erwartet er.
Die Probleme haben laut Lieberknecht zunächst einmal technische Ursachen: Um die Leitungen umzuklemmen, braucht Tennet nach seinen Worten ein "Zeitfenster von etwa einer Woche". Während dieser Zeit wird das Umspannwerk in Eltmann stillgelegt, andere Knotenpunkte müssen die Funktion übernehmen. "Dafür brauchen wir einen langen Vorlauf."
Der zweite Grund ist gravierender: Für den Mastbau und die Aufrüstung der Leitung hat Tennet möglicherweise noch nicht alle Genehmigungen.

Spannendes Verfahren


Bei der Regierung von Unterfranken wird derzeit geprüft, ob die Erhöhung der Leitungskapazität "die Belange der Landesplanung berührt", wie es der Behördensprecher Johannes Hardenacke formuliert. Sprich: Möglicherweise ist ein Planfeststellungsverfahren notwendig, um die Masten zu bauen und mehr Strom durchs Netz zu schicken. Und das könnte sich hinziehen. Über diese Tragweite waren sich bislang offenbar weder Tennet noch die Regierung klar. Überdies fließt der Strom ja über die Grenzen der Regierungsbezirke ... Bis Ende 2015 ist Zeit. So lange fließt der Strom aus Grafenrheinfeld ja noch.