Der Bund Naturschutz ist Kummer gewohnt. Bei fast allen der inzwischen 15 Nationalparke in Deutschland gab es im Vorfeld heftige Diskussionen und Konflikte um die Frage, ob ein Nationalpark sinnvoll ist oder nicht. Im Steigerwald schwelt der Streit mittlerweile seit acht Jahren, und er wird wohl noch einige Jahre andauern, aber am Ende wird der Nationalpark im Nordsteigerwald eingerichtet werden. Dessen ist sich Hubert Weiger, der Landesvorsitzende des Bundes Naturschutz, sicher. Er sprach am Mittwochabend in Untersteinbach im Gasthaus Michel. In der Gemeinde, die im Herzen eines Nationalparks liegen würde und in der der Widerstand gegen ein solches Vorhaben am größten ist.

Rund 100 Zuhörer waren der Einladung des Bundes Naturschutz gefolgt. Die meisten von ihnen waren Anhänger der Nationalpark-Idee und/oder Mitglieder des vor knapp einem Jahr gegründeten Vereins Nationalpark Nordsteigerwald. Nur wenige Kritiker eines Nationalparkes hatten den Weg zu der Versammlung gefunden, wie aus den Diskussionsbeiträgen deutlich wurde.

"Mit großer Sorge"

Einer von ihnen war Rauhen-ebrachs Bürgermeister Matthias Bäuerlein (FW). Er beobachtet "mit großer Sorge", wie er in seinem Grußwort zum Auftakt sagte, dass die Diskussion um einen Nationalpark zu "tiefen Gräben" in der Bevölkerung geführt habe. In den vergangenen Jahren habe es keine Annäherung gegeben. "Mein persönlicher Standpunkt", machte er deutlich, sei ein klares Nein zum Nationalpark. Er räumte ein, dass ein Nationalpark einen gewissen Werbeeffekt hätte, aber er wehrte sich gegen das Argument, man müsse einen Nationalpark einrichten, um einem strukturschwachen Gebiet wie dem Steigerwald zu helfen. Das Leben im Steigerwald habe viele Vorteile, und das Gebiet sei nicht strukturschwach, sagte er. "Ich wünsche uns das Beste für unsere Heimat", erklärte Bäuerlein, und er bekam dafür (verhaltenen) Beifall.

Diesen letzten Satz des Bürgermeisters könnte auch Hubert Weiger unterschreiben. Alle wollten das Beste für ihre Heimat, räumte er ein. Der Bund Naturschutz wolle nicht kleinreden, was die Menschen im Steigerwald bisher geleistet und erreicht haben. Schon ohne Nationalpark sieht er den Steigerwald in der höchsten Rangstufe. Das wollte Weiger als "ein Kompliment" für die Bürger verstanden wissen, die das in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten ermöglicht haben.

Nun gehe es aber darum, einen "letzten Kraftakt" und das Besondere zu schaffen: einen Nationalpark, der eine Perspektive für die Zukunft ermöglicht, vor allem für die junge Generation. Was macht den Steigerwald so besonders? Es sind die geschlossenen Buchenflächen, von denen es in Deutschland nicht mehr so viele gibt, wie Ulla Reck von der Geschäftsstelle des Freundeskreises Nationalpark Steigerwald in Ebrach deutlich machte. Der Steigerwald "zählt zu den besten Buchenwäldern, die Deutschland zu bieten hat", sagte sie. Der Steigerwald wäre laut Manfred Reinhart, Vorstandsmitglied im Verein Nationalpark Nordsteigerwald, ein "Aushängeschild für Franken".

Der Naturpark Steigerwald hat eine Fläche von 128 000 Hektar. 11 250 Hektar davon sollen nach dem Willen des Bundes Naturschutz den Nationalpark im Nordsteigerwald bilden. Er bestünde allein aus Staatswald. Elf Gemeinden in drei Landkreisen lägen in diesem Gebiet - mit Rauhenebrach im Herzen.

Im Einklang mit Berlin

Der Bund Naturschutz stützt sich nach Weigers Worten in seinem Bestreben um einen Nationalpark auf einen Beschluss der Bundesregierung - auch mit den Stimmen der CSU aus Bayern so gebilligt -,wonach fünf Prozent der Wälder aus der Nutzung genommen werden sollen. Alle Bundesländer machten sich daran, dieses Ziel umzusetzen, nur in Bayern gebe es "einen Glaubenskrieg", bedauerte Weiger.

Den Konflikt, wie er derzeit im Steigerwald herrscht, kennt Weiger aus anderen Gebieten, in denen Nationalparke entstanden sind. Aus Menschen, die anfangs "erhebliche Bedenken" hatten, seien später Befürworter geworden, sagte er. Er sieht einen Nationalpark als "Chance für die Regionalentwicklung". Ein Zeichen gegen die Abwanderungstendenz vor allem bei jungen Leuten werde gesetzt. Mit der Umweltbildung, die mit einem Nationalpark einhergeht, würden wertvolle Arbeitsplätze geschaffen. Und: Die Erhaltung der Buchenwälder "ist eine zentrale internationale Verpflichtung". Wenn Deutschland nicht seine Hausaufgaben macht, werde der Staat unglaubwürdig beispielsweise bei der Forderung nach dem Schutz der Tropenwälder, betonte Weiger.

Für eine Studie

Auf eine Frage des Haßberge-Kreisrats Paul Hümmer (SPD) betonte Hubert Weiger, dass eine Machbarkeitsstudie von Vorteil wäre. Sie sei in anderen Gebieten erfolgreich eingesetzt worden und habe zur Versachlichung des Themas beigetragen.
Eine Studie wollen auch die drei Landräte aus Schweinfurt, Haßberge und Bamberg. Sie streben einen Welterbetitel für den Steigerwald an (Weltkulturerbe oder Weltnaturerbe).



"Bis vor das Bundesverwaltungsgericht"

Der Bund Naturschutz will mit allen Mitteln verhindern, dass der geschützte Landschaftsbestandteil "Hoher Buchener Wald" in der Nähe von Ebrach aufgehoben wird. Hubert Weiger, der Landesvorsitzende des Bundes Naturschutz, kündigte bei der Versammlung am Mittwochabend in Untersteinbach an, dass seine Organisation "bis vor das Bundesverwaltungsericht" ziehen werde, um eine Rückabwicklung des Schutzgebietes unmöglich zu machen.

Der Kreistag für den Landkreis Bamberg hatte mit einem fast einstimmigen Votum dem Landratsamt den Auftrag erteilt, die Möglichkeiten auszuloten, um einen Weltnaturerbetitel anzustreben. Der frühere Bamberger Landrat Günther Denzler (CSU) hat daraufhin die rund 770 Hektar des Gebietes "Hoher Buchener Wald" als geschützten Landschaftsbestandteil deklariert. Hintergrund: Ein Weltnaturerbetitel ist wohl nur mit einem Schutzgebiet zu erreichen.

Dagegen gab es Proteste, vor allem in Rauhenebrach. Sie mündeten in der Entscheidung der Staatsregierung in München, dass geschützte Landschaftsbestandteile in der Größenordnung wie Ebrach künftig nur noch von Bezirksregierungen ausgewiesen werden dürfen, nicht von Landratsämtern.

Die Verordnung müsste jetzt zurückgenommen werden. Dazu hat die Staatsforstverwaltung Klage eingereicht - gegen das Landratsamt Bamberg. Kurios: Beide Stellen sind im Prinzip der Freistaat. Also: Bayern gegen Bayern.
Hubert Weiger, Landesvorsitzender des Bundes Naturschutz, konnte sich angesichts dieser Konstellation ein Schmunzeln nicht verkneifen. Und der Bund Naturschutz ist nicht bereit, tatenlos zuzusehen. "Wir werden es dem Freistaat Bayern nicht so einfach machen, wie er es sich vorstellt", sagte Weiger. Das Gebiet "Hoher Buchener Wald" sei schutzwürdig, habe "außerordentliche ökologische Qualität" und "wird von Starkbuchen dominiert". Der Bund Naturschutz macht bei einer Rückabwicklung nicht mit und will alle juristischen Mittel nutzen.


Kommentar


Bei der Kommunikation hapert es

Bei der Bund-Naturschutz-Veranstaltung am Mittwochabend in Untersteinbach ging es um viele Details, zum Beispiel um die Bestimmungen, die eine Nationalpark-Verordnung mit sich bringen würde. Kontrovers diskutiert wurde auch über den Abstand von Rückegassen, wie sie für die Holzernte und den Transport der Bäume aus dem Wald erforderlich sind. Liegen sie 15 Meter oder 20 Meter oder 30 Meter nebeneinander? Welche Aussage zu den Abständen hat wer wann und wo bei welcher Gelegenheit getroffen?

Dieses Beispiel nahm ein Redner zum Anlass, um auf ein Grundübel der Diskussion um einen Nationalpark hinzuweisen. "Wir hören einander nicht zu", bedauerte er. Es werde, so lassen sich seine Worte interpretieren, zu viel übereinander und aneinander vorbei geredet statt miteinander. In der Tat: Befürworter und Gegner eines Nationalparks gehören an einen Tisch. Das wäre ein erster Schritt zu einer Konfliktlösung.