Eine Autorenlesung, bei der kein einziger Satz vorgelesen, aber über zwei Stunden fesselnder Inhalt vermittelt wurde - das erlebten die Zuhörer in der bis auf den letzten Platz ausverkauften Stadthalle, als am Mittwoch beim Literaturfestival Heiner Geißler auf der Bühne Platz nahm. "Was müsste Luther heute sagen?", dieser Frage geht Geißler in seinem aktuellen Buch nach und das tat er auch in Haßfurt.

Das Ergebnis ist eine Forderung nach Ökumene und zwar in politischer Dimension: Als Ausfluss des Reformationsjubiläums wünscht sich der frühere Spitzenpolitiker, der vier Jahre lang Mönch war, "dass die beiden Kirchen gemeinsam aufstehen und zeigen, dass wir ein Konzept haben, wie die Menschen besser zusammenleben können". Dieses Konzept liefere Jesus Christus und es fuße auf der Nächstenliebe.


Im Geiste hellwach

87 Jahre alt ist Heiner Geißler, der Schritt etwas unsicher, aber sein Geist ist nach wie vor messerscharf. Er hat ein festes Fundament und von dem aus hält er jedem den Spiegel vor: der Politik und dem Klerus heute und den so genannten Kirchenvätern von Augustinus bis Hieronymus, den er als "notorischen Falsch-Übersetzer" des Evangeliums entlarvte. Er habe die Rolle von Maria Magdalena an der Seite von Jesus verfälscht und aus Christi Aufforderung "Denkt um" das "Kehrt um und tut Buße" gemacht und damit den Grund gelegt für Jahrhunderte, in denen sich Christen als ständige Sünder fühlten. Und für den Ablasshandel, der schließlich ein ausschlaggebender Punkt war für Luthers Thesenanschlag.

Heiner Geißler ist überzeugt, dass ein neuer Schritt in der Überwindung der Spaltung in Katholiken und Protestanten möglich ist, so wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg möglich war durch die Gründung der Christlich Demokratischen Union. Um die Folgen des Weltkriegs zu bewältigen, hätten beide Konfessionen zusammengearbeitet, was anfangs noch auf viele Vorbehalte stieß, während heute die Kirchenzugehörigkeit eines Politikers kaum noch ein Thema ist. Die politische Spaltung zu überwinden, sei wichtig gewesen für die deutsche Gesellschaft, denn "die Nazis hatten relativ leichtes Spiel, weil Katholiken und Protestanten in der Politik damals gegeneinander arbeiteten".


Bei den Jesuiten

Heiner Geißler machte sein Abitur an einer Jesuitenschule, er trat sogar in den Jesuitenorden ein, legte die Gelübde zu Armut, Demut und Keuschheit ab, merkte aber nach vier Jahren, dass "ich zwei davon nicht so gut halten kann. Die Armut war es nicht", erklärte er schmunzelnd. Warum schreibt nun ein Katholik ein Buch über Luther? Von Heiner Geißler gibt es schon den Band "Was würde Jesus heute sagen?" - und das ist es, was ihn umtreibt: Die eigentliche Lehre, das Evangelium, die Botschaft Christi von der Gottes- und der Nächstenliebe wieder zur Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu machen. Fehlentwicklungen moderner Gesellschaft würden so bereinigt, Fluchtursachen bekämpft, Diskriminierungen beseitigt.


"Absolute Katastrophe"

Vor allem die Diskriminierung der Frauen weltweit bezeichnete Geißler als "absolute Katastrophe". Die Theologen hätten das Bild gezeichnet, dass durch die Frau (Eva) die Sünde in die Welt kam, "aber Jesus war ein Freund der Frauen, er stellte sich an die Seite der Frauen, besonders der Verstoßenen", sagte Geißler. Luther habe da eine Schneise geschlagen "aber aus logischem theologischen Denken", auch er sei kein Frauenrechtler gewesen, sondern Kind seiner Zeit. Weil er aus dem Bibelstudium zu der Überzeugung kam, dass jeder Getaufte Prediger sei, habe er die Hälfte der Menschheit, nämlich die Frauen, nicht ausschließen können.

"Natürlich hatte Jesus Jüngerinnen. Und die sind mit ihm bis unters Kreuz gegangen, während von den Aposteln nur noch eine Staubwolke zu sehen war. Maria Magdalena hat sich unter Todesgefahr im Morgengrauen zum Grab geschlichen" - und wieder entlarvte Geißler eine folgenschwere Falsch-Übersetzung von Hieronymus. Offensichtlich hatte Maria Magdalena Jesus umarmt, und er sagte "Halte mich nicht fest". "Und Hieronymus übersetzt: Rühre mich nicht an. So eine Unverschämtheit. Das ist nur aus der ideologischen Verirrung der Theologen damals zu erklären", erklärte Geißler. Auch Augustinus "hat so schlimme Dinge über Frauen geschrieben, dass man ihm den Titel Kirchenvater eigentlich aberkennen müsste", das Gleiche gelte für Paulus, so Geißler kategorisch.


Menschenrechtsverletzung

Man müsse das so deutlich sagen, ist er überzeugt, denn "die Frauen-Diskriminierung ist die am weitesten verbreitete Menschenrechtsverletzung auf dieser Erde" und sie sei in allen prophetischen Religionen verankert als "Erfindung der Männer". Während sich in Europa und den christlichen Kirchen in den vergangenen hundert Jahren viel entwickelt habe, sei diese falsche Theologie im Islam noch fest verwurzelt. Und werde "von diesem Nonsens-Menschen Erdogan" gnadenlos ausgenutzt.

Auch in der katholischen Kirche seien Frauen nach wie vor diskriminiert. In vielen Punkten seien sich die beiden Kirchen relativ einig, lediglich einige Dogmen stünden der echten Ökumene noch entgegen. Dazu gehörten neben der Eucharistie die Priesterweihe und der Ausschluss der Frauen davon. Gerade im Jubiläumsjahr der Reformation "wäre es nur konsequent, diese Diskussion endlich zu beseitigen. Denn wenn zwei Milliarden Christen vereint ein Zeichen setzen und ihr Konzept des Zusammenlebens in die Gesellschaft tragen würden, dann könne man die Welt verbessern, ist Geißler überzeugt. Andere in seinem Alter sind zynisch oder demoralisiert, er sitzt mit 87 auf der Bühne und möchte ein neues Feuer entfachen.


Die Erbsünde als "faule Ausrede"

Dazu setzt sich Geißler auch mit dem Thema "Erbsünde" auseinander. Diese sei nur "eine faule Ausrede, weil die Kirche keine Antwort findet auf die Frage, warum Gott so viel Unglück und Leid auf der Welt zulässt". Allerdings stellt sich dann die Frage, wie viel von diesem Leid es nicht gäbe, wenn die Menschen nach dem Evangelium lebten. Die Kirchen seien wie alle Gläubigen aufgefordert, "den wirklichen Sündern" klar zu sagen, dass sie falsch handeln: den "zehn Großkonzernen, die Afrika ausbeuten, den Finanzjongleuren und Menschenhändlern. Das Evangelium hat eine politische Dimension und es muss wieder Grundlage der Wirtschaftsethik werden", forderte er ein. Die beiden Kirchen müssten gemeinsam die Grundthemen des Glaubens vertreten. "Nicht sich nach innen zurückziehen, wie Kardinal Marx gesagt hat, wenn die Kirchen leerer werden.

Jesus ist jeden zweiten Tag auf die Straße gegangen und hat Streit angefangen. Auch Luther hatte keine Angst vor den Mächtigen. Diese Widerstandskraft müsste er heute gegenüber Kurie und Vatikan einfordern". Heiner Geißler machte keinen Hehl daraus, dass er von Papst Benedikt XVI nicht viel hält, aber Papst Franziskus viel zutraut, aber er brauche auch breite Unterstützung.


Die Sonntagspredigt nachgeholt

Der evangelische Dekan Jürgen Blechschmidt hatte eingangs Heiner Geißler vorgestellt und begab sich abschließend noch in ein Gespräch mit ihm, zu dem auch das Publikum eingeladen war. Der Dekan dankte Geißler dafür, dass "der Mittelteil ihres Vortrages für die Anwesenden die Sonntagspredigt nachgeholt hat". Langer Beifall quer durch alle Konfessionen oder Nicht-Konfessionen dankte für einen fesselnden Abend, der wohl nachhaltige Denkprozesse ausgelöst hat.