"Der Zeit in die Karten geschaut" - gemeint sind aber nicht Spielkarten, sondern jene historischen Postkarten, die noch bis Ende des Monats in Maroldsweisach zu sehen sind. Volkshochschule und Marktgemeinde hatten zur offiziellen Eröffnung ins Rathaus eingeladen.

Die Wanderausstellung des Bayerischen Volkshochschulverbandes und des Bezirks Unterfranken beleuchtet Geschichte, Bedeutung und Herstellung der "Bildbotschaften". Zudem erfahren die Besucher, was sich aus den unterfränkischen Ansichtskarten herauslesen lässt. Daneben finden sich auch viele historische Karten aus dem Gemeindebereich Maroldsweisach, denn Alfred Müller, Ottomar Welz und andere bereicherten die Ausstellung durch eine gezielte Auswahl aus ihren umfangreichen Sammlungen.

Wie Bürgermeister Wolfram Thein eingangs erkärte, sind die Postkarten für ihn kein Relikt aus vergangener Zeit, sondern immer noch aktuell: Gerade erst habe ihn der Bademeister des Freibades Altenstein darum gebeten, Ansichtskarten nachdrucken zu lassen, weil diese vergriffen seien und weiterer Bedarf angemeldet wurde.


"In aller Eile eine Zeile"

Als Gastredner hatte man den Heimatforscher Ludwig Leisentritt aus Zeil gewonnen. Dieser spannte einen Bogen zur Geschichte der Postkarten und stellte dabei auch den Bezug zum Landkreis Haßberge her. Rund zwei Dutzend Bilder untermalten seine Ausführungen eindrucksvoll.

Leisentritt stellte zahlreiche Postkartenbilder mit Ansichten aus Maroldsweisach, Altenstein, Ditterswind, Birkenfeld und Pfaffendorf vor, aber auch Motive aus Königsberg und Zeil. So mancher Besucher lokalisierte die historischen Ortsansichten und konnte die Veränderungen zur Neuzeit aufzeigen.

Da auf den Postkarten nur wenig Platz für Mitteilungen war, fielen diese meist entsprechend knapp aus. So zum Beispiel diese: "Des morgens, mittags, abends Regen. O Herr, halt ein mit deinem Segen. Wina und Babettchen." Oder "In aller Eile eine Zeile, alles gründlich später mündlich." Sehr sinnvoll auch dieses kleine Gedicht: "Süße Milch ist für die Kinder, saure Milch ist für die Schwein', Wasser saufen Pferd' und Rinder, doch für uns gab Gott den Wein". Wollte man mehr Text unterbringen, musste der Schreiber notgedrungen einen Teil seiner Mitteilung auf die Vorderseite - das heißt auf die Lithografie oder die Fotografie - notieren.


Wachstum mit dem Fremdenverker

Die Beliebtheit der Ansichtskarten ging einher mit dem Aufkommen des Fremdenverkehrs. Die meisten Karten aus dem Raum Maroldsweisach wurden für Urlauber und Feriengäste produziert. Ein Postkartenschreiber aus Birkenfeld notierte deshalb: "Auch euch herzliche Grüße aus der Sommerfrische. Ein ganz kleines Dorf. Ein Kuhfleck, Wald und Wiesen. Aber der Wald ist mit dem Kinderwagen nicht passierbar. Wir haben schon viele Champignons gesucht; aber leider zum Trocknen schlecht. Meistens sind wir auf einer Wiese mit Kind und Kegel. Das Wetter geht, in der Woche war es sehr schön."

Aus Ditterswind geht ein Gruß mit folgendem Text im Jahre 1961 eines Berliner Urlaubers in seine Heimatstadt: "Liebe Ruth. Viele schöne Erholungsgrüße von Schloss Ditterswind sendet dir und deiner Mutter eure Rosa. Mir geht es hier gut, das Essen ist reichlich und gut in einer schönen Waldgegend, aber nur ein kleines Nestchen ohne Radio." Wer heute Pfaffendorf kennt, würde solche Grüße wohl nicht mehr verschicken: "Wir senden Euch vom fast Ende der Welt Urlaubsgrüße! Von hier kommt man sehr schlecht weg. ..."

Wurden zu Beginn des letzten Jahrhunderts in Deutschland noch über eine Milliarde Karten versandt - darunter auch viele Feldpostkarten und solche mit Werbung für Technisierung und Industrialisierung - , ging die Zahl gegen Ende der 90-er Jahre um die Hälfte zurück. Vor rund sechs Jahren betrug die Anzahl noch rund 170 Millionen, und im letzten Jahr waren es nur noch 60 Millionen.

Über die einstmalige Vorliebe der Deutschen zum Kartenschreiben bemerkte der Schriftsteller Thomas Theodor Heine einmal: "Bei einem Zugunglück würde ein Franzose mit einer Frau anbandeln, der Engländer würde die Times lesen, und der Deutsche Ansichtskarten schreiben - vielleicht sogar noch aus dem Himmel ...". Und trotzdem: Eine Briefmarke von den alten Postkarten hätte heute nicht mal einen Euro Sammlerwert, für eine unbeschädigte historische Ansichtskarte müsste man unter Umständen mindestens 50 Euro hinblättern.


Selfies statt Ansichtskarten

"Wie die Zukunft der Postkarte aussieht, steht in den Sternen.", so Ludwig abschließend, "Es gibt eine Theorie, wonach kein Medium ausstirbt. Trotzdem ist das Medium Postkarte einem Funktionswandel unterworfen. Wie es in zehn Jahren aussieht, weiß heute niemand. Man verkehrt immer häufiger auf elektronischem Weg. Das mag man bedauern, aber es ist, wie es ist. Vor allem junge Leute schicken aus der Ferne statt Ansichtskarten SMS oder Selfies."

Ansichtskarten seien out, das sei jedenfalls die gegenwärtige Tendenz, so Leisentrittt.


Die Ausstellung

Wer die Eröffnungsveranstaltung versäumt hat, kann sich die Sammlung im Rathaus noch in aller Ruhe ansehen. Zu sehen ist die Ausstelllung Montag bis Freitag von 8 bis 12 Uhr, donnerstags auch von 13 bis 18 Uhr; außerdem an den beiden Sonntagen 10. und 24. Juli jeweils von 13 bis 17 Uhr.