Die deutsche Bevölkerung auf dem Land überaltert, in den Ballungszentren sucht die Jugend ihr Glück. Im Landkreis Haßberge ist diese demografische Veränderung ein Faktor. Ähnlich anmutende Bevölkerungsbewegungen gab es auf dem Gebiet des heutigen Landkreises Haßberge schon vor 70 Jahren. Das Mehr-Werden bedeutete nach dem Zweiten Weltkrieg eine Zerreißprobe. Ludwig Leisentritt hat hochinteressantes geschichtliches Material gesammelt.

1910 hatte die Volkszählung noch gezeigt, dass die 1880 Zeiler zu 97,8 Prozent bayerische Staatsangehörigkeit hatten. Das änderte sich 1945 gravierend. Das Landratsamt musste im Dezember im Amtsblatt die Gemeinden ermahnen: Bürgermeister verweigerten nämlich den Flüchtlingen, Evakuierten, entlassenen Wehrmachtsangehörigen und anderen Reichs- und Volksdeutschen ohne rechtliche Grundlage den Zuzug.


Öffentliche Ordnung gefährdet

"Derartige Eigenmächtigkeiten lassen nicht nur das gebotene soziale Empfinden gegenüber Obdachlosen und vielfach Mittellosen vermissen. Sie gefährden auch in ihren Auswirkungen die öffentliche Ordnung", schrieb der im Schloss Schmachtenberg wohnende Landrat Jobst von Zanthier.

Wochen später musste das Amt in Haßfurt angesichts der Flüchtlingswelle ein Zuzugsverbot aussprechen. Es galt für Menschen, die bei Verwandten und Bekannten Unterkunft erhofften. Das Landratsamt in Haßfurt musste weiter gehen: Es sperrte Lebensmittelkarten der Hausbesitzer, die Flüchtlingen keinen Wohnraum geben wollten. Alle Flüchtlingsfamilien hatten nur Anspruch auf einen Raum. Familien mit Kindern unter 14 Jahren sollten in heizbaren Räumen untergebracht werden.

Mitte Oktober 1945 ordnete die Militärregierung eine Bestandserhebung an. In Zeil wohnten 2767 Personen, die sich die 1733 Zimmer mit 21 624 Quadratmetern Wohnfläche (ohne Küche, Bad und Treppenhäuser) teilten - durchschnittlich 7,8 Quadratmeter pro Person. Es gab starke Abweichungen; so lebte eine siebenköpfige Familie auf 14 Quadratmetern.

1949 lag der Anteil der Heimatvertriebenen im Kreis Haßfurt bei 9758 Personen. Auch in Zeil erreichte der Anteil der Heimatvertriebenen einen Rekordstand. Seit 1939 waren 1030 Menschen zugezogen - fast jeder dritte ein Neubürger. Dass die Integration gelang, ist eine gesellschaftspolitische Leistung.


An der Spitze in Unterfranken

Nach einer Aufstellung des Statistischen Landesamtes waren 1946 von den 7768 Flüchtlingen in den drei Landkreisen Haßfurt, Hofheim und Ebern 2906 (37,5 Prozent) erwerbslos. Der Anteil der Heimatvertriebenen an der Gesamtbevölkerung betrug 1953 in Ebern 23,7 Prozent, in Haßfurt 20,2 Prozent, in Hofheim 22,9 Prozent. Die drei Kreise standen damit an der Spitze in Unterfranken.

Schauplatz Ebelsbach. 1946 trafen insgesamt 16 Flüchtlingssammeltransporte ein. In den früheren Landkreisen Haßfurt, Ebern und Hofheim war im Oktober 1946 die Bevölkerung im Vergleich zu Kriegsbeginn 1939 von 66 943 auf 86 673 Einwohner angestiegen. Der Zuwachs bestand aus 3622 Evakuierten, 15 546 Flüchtlingen und 388 Ausländern. Die Menschen lebten zusammengepfercht. Die Bauernhäuser in den Landgemeinden waren klein, oft fehlten ein zweiter Herd sowie die Heizmöglichkeit. Zu Beginn 1947 hätten die Flüchtlinge allein im Kreis Haßfurt mindestens 1200 Herde und Öfen benötigt.

Die Zuteilung durch das Regierungswirtschaftsamt stand in keinem Verhältnis: Der Kreis Haßfurt mit seinen 67 Gemeinden erhielt fünf Herde und vier Öfen. Auch Kohle und Brennholz waren rar. Die Militärregierung hatte 1947 für Bayern den Kohlenotstand ausgerufen. Nur Bäckereien, Metzgereien, Molkereien, Gärtnereien, Gaststätten, Krankenhäuser und Anstalten durften Kohlen erhalten. Den Menschen, die sich kein Brennmaterial leisten konnten, boten die Kommunen Wärmestuben - Ende 1946 war die in Zeil in der Volksschule. Gemeinschaftsküchen scheinen in allen größeren Orten entstanden zu sein. In Hofheim wird im Sommer 1946 in der Schule eine "Flüchtlingsküche" eröffnet.


Genug Zündstoff für Streit

Bei einer Versammlung der Flüchtlingsvertrauensleute im Oktober 1948 forderte der Kreisbeauftragte die 67 Vertrauensleute des Kreises auf, bei Differenzen zwischen Flüchtlingen und Einheimischen ausgleichend zu wirken und Streitereien zu schlichten. Im Lager Ebelsbach wurde das Streitpotential deutlich: Die aus verschiedenen Gegenden stammenden Bewohner hatten unterschiedliche Essgewohnheiten, die die Massenverpflegung nicht befriedigte. Um den Streit zu befrieden, kamen immer eine Woche lang die Kochrezepte der verschiedenen Gegenden zu ihrem Recht. Das enge Zusammenleben drohte, das Familienleben zu zerstören. Es schaffte Reizzustände, welche die eigene Lage noch schlimmer erscheinen ließen, als sie war. Der Wunsch wurde laut, das Lager in Einzel-Wohnungen umzubauen.

Oft versuchten Flüchtlingsfamilien auf eigene Faust nach einer besseren Existenz zu suchen. Weil sie keine Arbeit im Kreis Haßfurt fanden, reisten Ende 1949 vier Familien aus Zeil und Sand nach Balingen in Württemberg. Hatten doch vor ihnen viele Familien in der französischen Zone Wohnung und Arbeit gefunden. Ein Familienmitglied hatte sich zudem zuvor an vor Ort umgesehen und die Lage für günstig befunden. Der zuständige Lagerleiter und der Landrat gaben grünes Licht für einen Umzug. Doch die 24 Personen durften sich auf Grund einer Anweisung des dortigen Staatsbeauftragten für das Flüchtlingswesen nicht in Württemberg niederlassen. Mit Polizeigewalt wurden sie aus dem Lager entfernt. Die Leute verfügten über kein Geld für die Rückfahrt, so dass die Behörden ihnen Fahrausweise besorgten, damit sie nach Zeil zurückfahren konnten. Während zwei Familien in Zeil wieder ihre Quartiere erhielten, waren die Wohnstätten der beiden Familien in Sand vergeben. Für eine kurze Zeit hatten die 16 Personen kein Dach über den Kopf.

Flüchtlinge wurden Geschäftsleute und Unternehmer: Bei einer Zählung der Flüchtlingsbetriebe in Zeil kam man 1950 auf 22 Firmen. Vom Zimmerer- und Maurerbetrieb über Uhrmachergeschäfte, Möbelhandel, weiterem Handel bis hin zum Instrumentenmacher, Fotoartikelhandel, Rundfunk- und Feinkostgeschäft.Die Flüchtlinge kamen, wie einer sagte, "zwar mit leeren Händen, aber nicht mit leeren Köpfen".

Angesichts des Bevölkerungsdrucks kam es später dann doch zu Umsiedlungsbewegungen - das Gebiet des heutigen Landkreises Haßberge war auch im Vergleich mit den Nachbarkommungen überdurchschnittlich stark belastet. In einem Jahr verließen über 500 Flüchtlinge den Landkreis Richtung Süd-Baden, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Württemberg. 1951 standen allein im Kreis Haßfurt 1008 Personen auf der Warteliste. Ab 1951 bot man Heimatvertriebenen das Auswandern nach Amerika an. Nach einem Vortrag in Eltmann füllten spontan 37 Personen den Antrag dafür aus.

Ende 1953 zählte man 7698 Flüchtlinge im Kreis Haßfurt. Und die Bevölkerungsbewegung nach dem Krieg hatte noch lange kein Ende. Denn: Weil die DDR ihr Grenzgebiet zu einem "antifaschistischen Schutzwall" aubaute, kamen ab 1952 ständig Menschen aus der Ostzone.