Außerdem trägt die Staatskasse die Gerichtskosten und - was höchst selten ist - sämtliche Auslagen des Angeschuldigten. Der vorher gegen ihn ausgesprochene Strafbefehl war damit ebenfalls vom Tisch.

Was war geschehen? Der heute 60-Jährige aus einem Ort im Haßbergekreis war seit langer Zeit als Geschäftsmann selbstständig tätig. Seine Arbeit aber hatte schon bessere Zeiten erlebt. Die Umsätze gingen 2013 immer mehr zurück und damit schrumpfte auch der Gewinn.

Aus dieser misslichen Lage machte der Chef gegenüber seinen Mitarbeitern keinen Hehl. Insbesondere der Schichtleiter, seit Jahrzehnten in der Firma tätig und die rechte Hand vom Boss, wusste, was Sache war.

Anfang letzten Jahres war die Lage so prekär, dass sich der Firmeninhaber zu einer eher verzweifelten Maßnahme entschlossen hat. Er entschied, die Beiträge zur betrieblichen Altersversorgung seiner Mitarbeiter nicht abzuführen, sondern in die angeschlagene GmbH zu stecken. Dies, so betonte Rechtsanwalt Manfred Urhahn, geschah aber nicht heimlich, still und leise, sondern in Absprache mit den Betroffenen. Für die Zeit vom 1. Januar 2013 bis zum 31. Juli wurde das so praktiziert.

Nicht bloß das Geschäft ging schlecht, auch das bislang so freundschaftliche Einvernehmen zwischen Chef und Schichtleiter trübte sich in dieser Zeit merklich ein. Irgendwann im Spätsommer kam dem Angeklagten zu Ohren, dass sich sein Beschäftigter einen Schnitzer erlaubt habe: Ausgerechnet bei einem Hauptkunden, so erklärte der Verteidiger, sei sein Mandant angeschwärzt worden. Darauf folgte die fristlose Kündigung des Schichtleiters.

Dass der Gekündigte sechs Tage später zur Polizei ging und gegen seinen bisherigen Arbeitgeber Anzeige erstattete, wertete der Advokat als Retourkutsche. Kurze Zeit später erhielt der Gekündigte vom Arbeitsgericht im Rahmen eines einvernehmlichen Vergleichs eine Abfindung und auch die entgangenen Beiträge zur Altersversorgung wurden voll ersetzt. Insofern fand die ganze Angelegenheit ein relativ friedliches Ende.

Trotzdem erhielt der Beschuldigte am 20. Februar dieses Jahres von der Staatsanwaltschaft einen "entschärften" Strafbefehl über 30 Tagessätze á 50 Euro. Offiziell heißt diese Sanktion "Verwarnung mit Strafvorbehalt", das bedeutet, dass der Täter verwarnt wird und die Strafe nur zahlen muss, wenn er erneut straffällig wird. Mit der auflagefreien Einstellung des Verfahrens jetzt vor Gericht behält der Mann nicht nur seine weiße Weste, sondern erhält auch seine Kosten für den Rechtsanwalt von der Staatskasse erstattet.