Ständig befand sich der Auszubildende in akuter Geldnot: für die Wohnungsmiete, für den Autosprit - und für die tägliche Drogenration. Aus diesem Motiv heraus überfiel der heute 22-Jährige zwei Tankstellen in Ebelsbach und Haßfurt, beide je zweimal. Die juristische Aufarbeitung und Bewertung dieser schwerwiegenden Straftaten stand im Mittelpunkt des ersten Verhandlungstages vor der Großen Strafkammer des Schweinfurter Landgerichts.


Vier Überfälle in zwei Jahren

Die vier Überfälle spielten sich im Zeitraum zwischen August 2014 und Mai 2015 ab. Die Serie begann in Ebelsbach. Mitten in der Nacht stellte der Täter sein Fahrzeug beim Bahnhof ab und näherte sich vorsichtig zu Fuß der Tankstelle. Dort angekommen, spähte er umsichtig nach allen Seiten, denn er wollte erst zuschlagen, wenn er sicher war, dass sich keine Kunden im Laden befanden. Dann zog er sich eine Sturmhaube oder Skimütze über, bedeckte die Augen mit einer dunklen Sonnenbrille und zog Handschuhe an. Schließlich nahm er eine Tasche in die eine Hand und mit der anderen zückte er ein Messer mit langer Klinge.

In diesem Aufzug marschierte er schnurstracks in den Shop und überraschte die anwesende Kassiererin. Hektisch rief er: "Geld her, aber schnell", hielt die mitgebrachte Tüte auf und forderte energisch: "Alles rein!" Die zu Tode erschrockene Angestellte öffnete die Kasse, griff die Geldscheine und warf den Zaster in die Tasche. Als er sein Ziel erreicht hatte, drehte der Angreifer schnell ab und flüchtete zu Fuß dahin, wo er zuvor seinen Wagen abgestellt hatte.


Drei Mal ging es gut, aber dann...

Mit dieser Masche hatte der Räuber drei Mal Erfolg. Zwei Mal in der derselben Tankstelle in Ebelsbach, einmal in der Kreisstadt in der Zeiler Straße. Doch bekanntlich geht der Krug so lange zum Brunnen, bis er bricht. Als der Angeklagte nämlich zum zweiten Mal die Tanke in Haßfurt heimsuchte, ging ihm nach eigenen Worten bei der Flucht die Luft aus. Er versteckte sich daraufhin in einem Gebüsch - wo ihn kurz darauf die Polizei fand.
Bei der anschließenden Vernehmung machte er gleich reinen Tisch und gestand alle zur damaligen Zeit ungelösten Tankstellenüberfälle im Kreis.

Bei der Verhandlung am ersten Prozesstag am Montag ging es über weite Strecken um das Tatmotiv des angehenden Elektrikers. Dabei stellte sich heraus, dass der Beklagte schlicht und einfach über seine Verhältnisse lebte. Mit seiner heute 20-jährigen Freundin, die ebenfalls in einer Ausbildung stand, teilte er sich eine teure Wohnung. Selbstredend wollte man auch Auto fahren. Und was er sich absolut nicht hätte leisten können, war seine Drogensucht.

Seine jetzige Verlobte hat vor genau einer Woche ihr Baby, ein Mädchen, entbunden. Bei dem Tankstellenräuber handelt es sich um den Vater des Säuglings. Im Zeugenstand erklärte die junge Mutter, dass ihr Freund täglich Marihuana oder Haschisch geraucht habe. Etwa zwei bis vier Gramm seien das jeweils gewesen. Auf den Monat hochgerechnet, musste der Drogenkonsument rund 1000 Euro nur für seine Sucht aufbringen.


Kein Geld für die Miete

Dies war einfach nicht drin. Wenn - was oft vorkam - spätestens am Monatsende das Geld ausging, konnte das Pärchen die fällige Miete nicht zahlen. Die Freundin ging in dieser misslichen Lage einige Male zu ihrer Mutter, die ihr dann zumeist aus der Patsche half. Aber das löste das Problem nur für kurze Zeit.

Irgendwann, meinte der Angeklagte etwas kleinlaut auf der Anklagebank, "wusste ich einfach nicht mehr weiter". Obwohl die Verlobte von den Überfällen selber nichts mitgekriegt haben will, hält sie an der Beziehung zu dem Kindsvater fest.

Als die Vorstrafen thematisiert wurden, erfuhren die Zuhörer, dass der Bursche schon etliches auf dem Kerbholz hat. Meist handelte es sich dabei um Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Die letzte Verfehlung allerdings fällt aus dem Rahmen. Im Dezember 2015 überfiel er nämlich zusammen mit einem Kumpan den Drogendealer, der ihn jahrelang mit Stoff versorgt hatte. Von dem Überfallenen wollten sie Geld und Rauschgift erbeuten. Der wehrte sich aber nach Leibeskräften, und alles ging schief.


Drei Jahre Gefängnis für andere Straftat

Dieser einzelne Überfall wurde bereits vom Bamberger Landgericht im Frühjahr dieses Jahres abgeurteilt. Da der Täter zum Zeitpunkt dieser Tat das 21. Lebensjahr überschritten hatte, galt er nach deutschem Recht als Erwachsener - und da muss das wesentlich schärfere Erwachsenenstrafrecht angewendet werden. Das Urteil in Bamberg fiel dementsprechend drastisch aus: Drei Jahre Gefängnis ohne Bewährung. Diese Haftstrafe verbüßt der Delinquent derzeit in der Justizvollzugsanstalt im südbayerischen Niederschönenfeld.

Zur aktuellen Verhandlung wurde er von zwei Polizeibeamten vorgeführt - in metallisch klirrenden Fußfesseln.
Den Vorsitz der Großen Strafkammer führt der Vizepräsident des Schweinfurter Landgerichts, Wolfgang Titze.

Der langjährige frühere Direktor des Haßfurter Amtsgerichts kündigte die Urteilsverkündung für den heutigen Mittwoch an. Egal, wie der Richterspruch ausfällt, der junge Mann wird auf alle Fälle wieder in den Knast nach Südbayern verfrachtet, wo er die oben genannte rechtskräftige Strafhaft absitzt.