Zwei mit Stacheldraht bewehrte Metallzäune bilden einen Korridor. Platz für die Wachsoldaten, die das kleine Grundstück am höchsten Punkt des Zabelsteins sichern sollten. Die US-Armee hatte auf dem 489 Meter hohen Berg im Grenzgebiet der Landkreise Haßberge und Schweinfurt eine Funkstation eingerichtet. Und obwohl die Armee längst weg ist, sieht es dort oben bis heute so aus, als gäbe es etwas gegen Feinde zu beschützen.

Früher habe es einen Elektrozaun gegeben, der ist allerdings Geschichte, erklärt Christian Günther, Leiter des THW-Ortsverbandes Haßfurt. Wie so vieles da oben Geschichte ist, denn die Anlage hat mit dem Militär heute nichts mehr zu tun. Sie wird seit 1993, kurz nach dem Abzug der Amerikaner, vom Technischen Hilfswerk (THW) als Übungsgelände genutzt. Zunächst vom Ortsverband Gerolzhofen und seit zwei Jahren federführend vom Ortsverband Haßfurt. Aber auch das ist bald Geschichte, wie Christian Günther berichtet, denn der Nutzungsvertrag mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben endet zum Jahresende.


Relikt aus Zeiten des Kalten Kriegs

Ein Relikt aus Zeiten des Kalten Kriegs wird dann endgültig von dem Berg verschwinden: Den 43 Meter hohen, rot-weißen Funkmast, den die Amerikaner aufgestellt haben und der noch privat genutzt wird, baut das THW zurück. Denn die Organisation wäre nach Ende des Mietvertrages verpflichtet, ihn weiter zu warten und zu unterhalten. Trotzdem funkt's noch auf dem Zabelstein: An anderer Stelle auf dem Areal betreibt der Energiekonzern Eon seit Jahren einen Mast, der von verschiedenen Unternehmen genutzt wird. Unter anderem soll von hier aus schnelles Internet für Orte im Maintal und Steigerwald zur Verfügung gestellt werden, die ohne Glasfaser auskommen müssen.

Der Zabelstein als höchste Erhebung des nördlichen Steigerwaldes ist für Funkantennen wie gemacht. Deswegen ließen sich die Amerikaner Ende der 1950er Jahre dort nieder. Die US-Army baute eine Funkanlage, die im Kalten Krieg zwischen dem Westen und der Sowjetunion eine bedeutende Rolle spielte: Die Grenze zur DDR verlief nah, der Feind stand quasi vor der Tür. Umgekehrt das gleiche Spiel: Sowjettruppen waren auf dem Großen Gleichberg in Thüringen positioniert. Entfernung 50 Kilometer Luftlinie. Das Gebiet entlang der Grenze bis ins hessische Fulda galt als einer der Korridore für eine potenzielle Invasion des Warschauer Pakts. Dabei ging man davon aus, dass die Armeen der Oststaaten über den westlichsten Zipfel der DDR, den sogenannten Thüringer Balkon, bei Fulda in die Bundesrepublik einfallen würden. Die westlichen Militärs sprachen von der sogenannten Fulda Gap (englisch, Gap = Lücke).

Um dem vorzubeugen, waren entlang dem thüringischen Grenzgebiet einige Stützpunkte der amerikanischen Streitkräfte, aber auch der Bundeswehr zusätzlich zur Absicherung eingerichtet worden. Die US-Army-Funkanlage auf dem Zabelstein diente dabei sowohl dazu, die Kommunikation unter den eigenen Militärs und verbündeten Streitkräften aufrechtzuerhalten, wohl aber auch dazu, um den Feind zu belauschen. Denn letztlich waren Informationen über die möglichen Pläne der anderen entscheidend, um eine geeignete Gegenstrategie zu entwickeln.


In den Osten horchen

Die US-Militärs und Nachrichtendienste auf dem Zabelstein hatten also auch die Aufgabe, in den Osten zu horchen. Das "11th Air Defense Signal Battalion", wie die Einheit nach Angaben ehemaliger dort stationierter Soldaten ab dem 21. November 1967 genannt wurde, erfüllte seine Aufgabe bis 1992 (Quelle: www.usarmygermany.com).


Gerüchte über Geheimprojekte

Auf dem Zabelstein-Stützpunkt gab es kein fließendes Wasser, Strom wurde zum Teil mit Dieselgeneratoren erzeugt. Schlafmöglichkeiten waren gegeben, aber die Soldaten und Nachrichtendienstler, die dort arbeiteten, wohnten zum Beispiel in Ortsteilen der Gemeinden Knetzgau oder Donnersdorf. Wie Christian Günther, der aus Knetzgau stammt, von Anwohnern weiß, war das Verhältnis zwischen der Bevölkerung und den US-Streitkräften gut. Man habe sich gegenseitig respektiert. "Die Kinder sind zum Zabelstein gelaufen und haben von den Soldaten Süßigkeiten bekommen", sagt der 39-Jährige.

Natürlich habe es auch viele Gerüchte gegeben, erinnert sich Günther an Erzählungen. So seien etwa über einen längeren Zeitraum immer wieder Betonmischer zum Zabelstein gefahren, doch die meisten Gebäude dort oben seien gar nicht aus Beton, zumal ist das Grundstück sehr klein. Deswegen glaubte so mancher aus der Bevölkerung, die Amerikaner führten etwas im Schilde, die Spekulationen reichten vom Bau geheimer Waffenverstecke bis hin zur Errichtung einer Raketenabschussbasis. Doch Günther glaubt derlei nicht: Unter dem Areal sei zum Beispiel ein riesiges Auffangbecken für Abwasser angelegt worden, auch gibt es weitere Bauwerke dort, in denen Beton verwendet wurde. Deshalb sei es nicht abwegig, dass so viele Betonmischer hierherfuhren.

Als die Amerikaner das Gelände wieder den Deutschen überlassen haben und kurz darauf das THW einzog, habe man nichts Außergewöhnliches entdecken können. "Wir haben auf jeden Fall nichts gefunden", sagt Günther und lacht. Bis auf ein Metallregal hätten die Amis alles mitgenommen. Die Gebäudecontainer renovierte das THW und nutzt sie als Aufenthaltsräume, Lagerräume oder zu Übungszwecken. Dass hier früher Geheimes stattgefunden hat, ja, aber ob heute davon noch etwas übrig ist? "Offiziell: nein", sagt Günther.