Das Adjektiv "bewegend" wird bei Gedenkfeiern beinahe inflationär verwendet. Doch ja: Die Feier war bewegend, zu der Landrat Rudolf Handwerker gestern in den Sitzungssaal im Landratsamt eingeladen hatte.
Aus Sicherheitsgründen durfte diesen niemand ohne Einlasskarte betreten.

Etwa 100 geladene Gäste waren gekommen - darunter drei ganz besondere: das Ehepaar Leonid und Zinayida Yezerskyy (aus der israelitischen Gemeinde in Würzburg) sowie Martin Doerry, stellvertretender Chefredakteur des Magazins "Der Spiegel".

Briefwechsel zwischen Mutter und Kindern


Der Gast aus Hamburg kam nicht als Journalist, sondern als Autor mit jüdisch-fränkischen Wurzeln nach Haßfurt. Vor zehn Jahren, 2002, veröffentlichte Doerry ein Buch mit dem Titel "Mein verwundetes Herz - das Leben der Lilli Jahn". Die jüdische Ärztin ist seine Großmutter und starb im Juni 1944 im Lager Auschwitz. Die Wurzeln ins Fränkische schlug Doerrys Urgroßmutter Paula Schlüchterer, eine geborene Schloss. Ihre Familie stammt aus Oberlauringen, knapp 30 Kilometer von Haßfurt entfernt.

In seinem Buch arbeitet Martin Doerry den Briefwechsel zwischen seiner Großmutter Lilli Jahn und ihren fünf Kindern auf. Das Zwiegespräch ist in den sieben Monaten ihrer Haft im Arbeitserziehungslager Breitenau bei Kassel entstanden.

Mehrere hundert dieser papierenen Zeugnisse hat Doerry im Nachlass seines Onkels Gerhard Jahn, dem ehemaligen Bundesjustizminister, gefunden. 45 Minuten lang rezitierte er sie unaufgeregt mit ruhiger Stimme.

Bewegtes Schweigen


Doch es schmerzt zu hören, wie sehr Lilli Jahn versuchte, ihren fünf Kindern die harte Realität des Erziehungslagers zu verschweigen - und sie gleichzeitig um etwas Brot zu bitten. Es bewegt, wenn die Kinder "das liebe, herzallerliebste Muttchen" anflehen, bald wieder zu ihnen nach Kassel und später ins benachbarte Immenhausen zurückzukehren. Erst recht, weil der Autor die bitteren Fakten, die die Kinder damals nicht wissen konnten, dazwischen streut.

Lilli Jahn war bis 1943 als Angehörige einer "privilegierten Mischehe" mit dem protestantischen Arzt Ernst Jahn zwar nicht mit dem gelben Stern gebrandmarkt, den Juden während des NS-Regimes tragen mussten. Doch als ihr Mann sich 1942 von ihr scheiden ließ, weil er dem Druck der Nazis nicht länger standhielt, war das ihr Ende.

Klar und eindringlich, gedachte Landrat Rudolf Handwerker der jüdischen Bürger aus dem Kreis: "Wir wären heute reicher, wenn die Ermordeten und ihre Nachkommen noch unter uns wären." Und ermahnte die Anwesenden, die Erinnerung lebendig zu halten. "Nur wer der Vergangenheit ins Auge sieht, kann verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt."