Alt werden ist etwas sehr Intimes. Das fällt auf, wenn man in den Alltag eines Pflegebedürftigen schaut. Die Pflegerin ist da. Liebevolle Begrüßung. Auf ins Badezimmer. Ausziehen, bitte: Windel runter, Hände, Gesicht, Oberkörper waschen, Füße, Beine, Genitalien und Gesäß sauber machen. Abtrocknen, frische Windel ran. Wieder anziehen. Da spricht man nicht gern drüber.

Als Betroffener schon gar nicht.Wenn man klar im Kopf ist und sich selbst dabei zuschauen kann, wie man langsam, aber sicher vor die Hunde geht. So zumindest empfindet es der 83-jährige Mann, der den Fränkischen Tag zusammen mit der Pflegerin Ingrid Kabisch zu sich ins Wohnzimmer gelassen hat. Was man früher alles konnte! Und jetzt sowas. "Man merkt einfach, es wird nicht mehr besser", sagt er.


Im Sander Dialekt

Alles fällt schwer, nichts kann man mehr alleine, es vergeht einem mitunter die Lust. Der Sander hatte bereits einen Schlaganfall, hat Diabetes, das Herz macht ihm zu schaffen. Pflegerin Kabisch schaut ihren Patienten lächelnd an, schwenkt dann den Blick zum Reporter: "Er isch a sehr reger Kopf", sagt die aus Freiburg stammende 54-Jährige in badischem Dialekt. Der 83-Jährige antwortet umgehend auf Sanderisch: "Aber dou id nix mehr viel dinna." Beide lachen, die Stimmung ist jetzt locker.

So locker zwar nicht, dass der Reporter Fotos und Namen des Patienten veröffentlichen darf, aber das ist verständlich: Es geht niemanden etwas an, ob man inkontinent ist, mehrmals am Tag frische Windeln braucht, wie man aufs Klo geht, welche Tabletten man nimmt. Oder?


Wie wird es einem ergehen?

Im Prinzip geht es ja alle etwas an: Jeder wird älter und kann sich in diesem Beispiel auch selbst erkennen. Wie wird es mir ergehen? Wie lange bleibe ich selbstständig, wann brauche ich Hilfe und wo bekomme ich die her? Dem alten Sander huscht da glatt noch ein Lächeln über die Lippen: Seine Frau, 82, ist jeden Tag für ihn da, seine Kinder besuchen ihn regelmäßig, eine Haushaltshilfe (vier Stunden die Woche) unterstützt das Ehepaar, zwei mal die Woche kommt der Pflegedienst. Ob sie schon einmal darüber nachgedacht habe, wie das andersherum wäre? "Ja, oft", sagt Kabisch. Wie wird Pflege in 20, 30 Jahren ausschauen, wenn man sie womöglich selbst benötigt? Gibt es dann genügend gut ausgebildete Pflegekräfte? Wer bezahlt das oder können sich Pflege dann nicht mehr alle leisten?

Ingrid Kabisch arbeitet bei der ambulanten Pflegestation "Lebenswert", ein privater Pflegedienst in Königsberg. 35 Planstellen, verteilt auf rund 70 Mitarbeiter, zurzeit um die 335 Patienten. Kabisch übernimmt nach Möglichkeit immer die gleiche Tour. Das sei gut für die Patienten, die dann besser Vertrauen zu den Pflegerinnen aufbauen können, erklärt sie. Heute war sie bei 13 Männern und Frauen in etwas mehr als sechs Stunden, verteilt auf den Raum Königsberg, Haßfurt und weitere Orte im Maintal. Ihr Chef, Burkhard Schober, will, dass sich das Pflegepersonal Zeit nimmt für die Patienten, beziehungsweise die Zeit hat, sie kennenzulernen.


Unbürokratisch

Der Ansatz: Weniger interne Bürokratie, direkte und persönliche Absprachen zwischen Führungskräften und Angestellten. Bringt unterm Strich: mehr Zeit. Bei "Lebenswert" scheint das zu klappen, im Büro herrscht eine angenehme Atmosphäre. Das soll so bleiben, an Aufträgen wird es in Zukunft kaum mangeln, "eher an gutem Personal", sagt Schober.

Bei einer weiteren Patientin, 83, bettlägerig, Königsberg: Hier schauen Kabisch oder eine Kollegin täglich vorbei. Die Patientin ist seit August 2015 ans Bett gefesselt. Tochter und Schwiegersohn kümmern sich trotz Arbeit jeden Tag um die alte Frau, deren Eigenständigkeit nun auf Zeitung lesen und sprechen mit den Angehörigen reduziert ist. Für alles andere braucht sie Hilfe. "Sie soll hier zu Hause bleiben", sagt die Tochter. Die gewohnte Umgebung soll ihr nicht auch noch genommen werden. "Die Liebe, die wir bekommen haben, die geben wir jetzt in dem Maße zurück."