"Ich bin schon seit fast 60 Jahren im Weinberg und da ist es noch nicht einmal passiert, dass die Augen erfroren sind", sagt der Winzer Rudi Ruß aus Sand. Weinbauern nennen die Knospen der Rebstöcke Augen. Die Weinberge in Zell am Ebersberg haben starke Frostschäden durch die Minustemperaturen von Sonntag, 24. April, die Tiefsttemperatur lag bei minus 2 Grad.


Polarluft verursachte Windfrost

Der plötzliche Wintereinbruch am vorletzten Wochenende wurde durch einströmende Polarluft aus Norden verursacht. Diese kalte Luft führte zu sogenanntem Windfrost in einigen Weinlagen im Landkreis, erklärt der Vorsitzende des Weinbauvereins Haßberge Roger Nüsslein. "Bei Windfrost trifft es manche Weinlagen mehr andere. Das hängt dann auch mit dem Zufall zusammen und dem Mikroklima vor Ort." Dadurch sei auch zu erklären, warum die Weinberge im Maintal in der Gegend um Zeil, weniger Frostschäden zu beklagen haben. Laut Rudi Ruß, der auch Zweiter Vorsitzender des Weinbauvereins ist, hat der Frost neben dem Zeller Schlossberg auch den Sander Kronberg und Himmelsbühl getroffen. Im Landkreis Haßberge gibt es circa 100 Hektar Weinbau und ungefähr 80 Winzerfamilien.


4000 Quadratmeter

Rudi Ruß bewirtschaftet insgesamt knapp 4000 Quadratmeter. Er berichtet, dass er am Tag nach dem Wintereinbruch in seinem Weinberg im Zeller Schlossberg war, die Weinstöcke begutachtete und schätzte: 80 bis 90 Prozent der Augen sind erfroren. Die benachbarten Winzer hätten genauso schlimme Frostschäden.
Wegen des Wintereinbruchs empfiehlt die Bayerische Landesanstalt für Wein- und Gartenbau in Veitshöchheim den Winzern ihre Weinberge auf Frostschaden zu kontrollieren. In einer Mitteilung heißt es: "Da nicht nur die Tiefsttemperatur das Ausmaß der Schädigung bestimmt, sollten auch Flächen, die normalerweise kaum frostgefährdet sind, auf Schäden kontrolliert werden." Ob eine Knospe geschädigt ist, erkennt man daran, ob sie aufgebrochen ist, braune oder schwarze Verfärbungen aufweist oder sich weich anfühlt.

Winzer Rudi Ruß läuft zwischen den Rebstöcken entlang und kontrolliert die Knospen: Die meisten sind braun-schwarz verfärbt. Ein Indiz dafür, dass der Frost die Zellen der Knospe zerstört hat. Der Sander Weinbauer nimmt sein Messer und schneidet eine der Knospen auf: Auch im Inneren ist sie braun und vertrocknet. "Das ist wie Tabak. Die Knospe ist tot", sagt er.

Die Rebstöcke von Rudi Ruß haben aber Glück im Unglück: Denn der Winzer hat sogenannte Frostruten stehen lassen. Anfang des Jahres werden beim Rebschnitt überflüssige Ruten, sprich Zweige, abgeschnitten. Die stehen gelassenen Ruten bindet man nach unten, an ihnen sollen später die Weintrauben hängen. Frostruten sind zusätzliche Zweige, die man nach oben wachsen lässt. Ihre Knospen liegen dadurch höher und sind weniger frostanfällig. "Frostruten sind ein großer Arbeitsaufwand. Wenn normales Wetter ist, dann sind sie eigentlich überflüssig. Deswegen verzichten die größeren Betriebe darauf", erklärt Rudi Ruß. Die Knospen an seinen Frostruten sind grün, haben kaum Schäden. An diesem Tag ist der Winzer seit halb 8 Uhr damit beschäftigt, die Frostruten nach unten zu binden. "Ich hoffe, dass ich dadurch bis zu 90 Prozent, im Höchstfall, meiner Ernte retten kann", sagt er.