Betroffenheit ist ein seltsamer Gemütszustand. Ein beklemmender noch dazu. Einer, der eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Wut, Sorge, Fremdsein und Überforderung ist.

Manche stellen sich nach den Terroranschlägen in Paris Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Andere zünden Kerzen an, beten, halten um 12 Uhr mittags bei einer offiziellen Gedenkminute inne, teilen ihre Trauer und ihr Mitgefühl mit Bildern oder versuchen ihre Gedanken in Worte auszudrücken. Viele solidarisieren sich mit Frankreich, in dem sie die Nationalfarben verwenden. Über zahlreichen Profilbildern in Facebook ist zum Beispiel ein blau-weiß-roter Schleier zu sehen. So auch bei Philippe. Philippe kommt aus Ebern, lebt in Berlin und war von Donnerstag bis Samstag in Paris. Der junge Mann war fußballtechnisch unterwegs, weil er leichtfüßig mit einem Ball umgehen kann. Aber darum geht es jetzt nicht. Eigentlich ist vieles belanglos und der Augenzeugenbericht eines Einzelnen zwar medial von Interesse, doch ist er wirklich relevant?


Zuschauer hatten Glück

"Ich hab kein Bock darauf, dass Leute mit mir Mitleid haben", sagt der 23-Jährige. Um Mitleid an seiner Person geht es ihm nicht, nur weil er so nah dabei war: ihm ist nichts passiert. Die Fakten, die sind eindeutig: über 130 Tote, Hunderte verletzt. Die Emotionen sind weniger berechenbar. Nüchtern beschrieben saß ein 23-Jähriger mit Kumpels in einem Fußballstadion, während ein sportlicher Wettkampf zwischen zwei Nationalmannschaften auf dem Spielfeld ausgetragen wurde. Um 21 Uhr war Anpfiff, 20 Minuten später knallt es zum ersten Mal hörbar, irgendwo in der Nähe des Stadions, so die Annahme. Wieder zehn Minuten später noch einmal. Knaller, die nicht nur an Silvester hochgelassen werden, gibt es auch in der Hauptstadt von Deutschland wohl immer mal wieder zu hören, erzählt der Augenzeuge.

Doch von einem Knaller ist nicht mehr zu sprechen, wenn man als Besucher auf der Tribüne eine Vibration am ganzen Körper spürt. Die hat auch Philippe gespürt. Meter, einige Meter von der eigentlichen Explosion entfernt. So nahe, dass es irgendwas zwischen "Ach du Schreck", "Glück gehabt" und "Gott sei Dank" ist. Die ersten Nebensitzer kommen auf den Gedanken: "War das eine Bombe?" Das Spiel läuft weiter. Ein paar wenige Menschen verlassen ihren Platz und auch das Stade de France. Soweit die Eindrücke in der ersten Spielhälfte von einem Abend, bei dem gespielt, gesungen und gejubelt werden sollte. Erst in der Halbzeitpause erfahren die jungen Männer aus Deutschland nach und nach über Online-Nachrichtenportale, die sie auf ihrem Handy abrufen können, was in der Nähe des Stadions und in Paris parallel zum Sportereignis abgeht. "Alles ziemlich surreal, ich hatte gar nicht so viele Gedanken", schildert der 23-Jährige drei Tage später am Telefon die Stimmung im Stade de France.

Bis kurz vor Mitternacht bleiben die jungen Männer auf ihren Plätzen sitzen, geben bei ihren Angehörigen daheim Entwarnung, erleben, wie sich nach Abpfiff plötzlich noch einmal der Rasen tumultartig füllt, weil Zuschauer zurück in den Innenbereich des Stadions laufen. Dann steht irgendwann der Shuttle-Bus bereit, der die Gruppe, wie vor dem Spiel vereinbart, wieder zurück ins Hotel bringen kann. Dass es diesen Bus gab, dass die Gruppe nicht mit der Metro oder so zurück ins Hotel fahren musste, dafür ist der 23-Jährige schon dankbar. Am nächsten Tag, am Samstag, kam Philippe wieder in Berlin an. Wie geplant, und doch auch irgendwie nicht. "Ich stürze mich jetzt wieder in Arbeit", sagt er. Es gehe ihm ja gut. "Ich habe gar nicht das Recht, jetzt in Selbstmitleid zu verfallen", stellt er fest.

Er war nur einer unter den Zuschauern, die mit einem Schrecken davon gekommen sind. Da hat es andere anders erwischt, das weiß er. Und trotzdem brauche alles seine Zeit. Eines jedenfalls steht fest. "Ich geh' jetzt erst recht ins Stadion", sagt Philippe. Daheimbleiben, große Sportereignisse meiden, "das sehe ich gar nicht ein".