Der Traum vom Fliegen ging damit nicht in Erfüllung. Aber die Schwerkraft wurde überwunden. Eine Erfindung aus Ebern beschäftigt(e) am Donnerstagabend den heimatkundlichen Gesprächskreis und am Wochenende auch die Festversammlung beim Tag der Franken in Hof, der unter dem Motto "Patente Franken, fränkische Patente" steht. Kreisheimatpfleger Günter Lipp will dort auf den Oberingenieur Ernst Hoffmeister hinweisen, der in Ebern eine Einrichtung ersann, die 1949 beim Oktoberfest als Weltneuheit für Furore sorgte: der Kirmes-Rotor. Durch sein Patent wurden Hoffmeister und sein Compagnon Carl Friese, ein ehemaliger Schiffsbauer, zu Millionären.


Heuer kommt Rotor wieder

Lipp stieß bei seinen Recherchen, die im Wesentlichen auf einem FT-Bericht von Eckehard Kiesewetter aus dem Jahr 2003 basierten, auf aktuelle Bezüge. So präsentierte ihm Rosemarie Bühler Fotos, die sie zusammen mit ihrer Mutter und weiteren Ebernern im Rotor zeigen, weil ihr Vater Hans Kerler als gelernter Zimmermann stets beim Auf- und Abbau sowie Transport behilflich gewesen war. Und Lipp hatte jüngst bei einem Besuch in München im Hauptverwaltungsreferat erfahren, dass heuer beim Oktoberfest erstmals wieder seit 1995 so ein Kirmes-Rotor zum Einsatz kommt.

Von München aus hatte der "hohle Rotations-Zylinder zur Volksbelustigung" seinen Siegeszug rund um den Globus angetreten. Das Prinzip war - eigentlich - ganz einfach: Drei physikalische Gesetze werden gegeneinander ausgespielt. Fliehkraft plus Reibungswiderstand contra Erdanziehung.

Auf die Idee zur rotierenden Vergnügungstrommel war Hoffmeister, Jahrgang 1901, laut einem mehrseitigen Bericht im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" vom Oktober 1949 gekommen, als er eine "Schleudertrommel für seine Jucca-Faserplatten baute". Hoffmeister hatte es nach dem Krieg nach Ebern verschlagen. In Eyrichshof hat er geheiratet, in der Braugasse gewohnt. "Wolfgang Schreiber hält sein Namensschild noch in Ehren", so Lipp.


Fabrik, an der Rossmann-Stätte

Zwischen dem Kugelfischer-werk und dem Sägewerk Rotenhan, wo aktuell der Rossmann-Markt entsteht, betrieb Hoffmeister eine Fabrik, in der Schindeln aus Yucca-Fasern hergestellt wurden. Als die 1947 durch einen Brand zerstört wurde, setzte er seine geniale Idee um. Lipp fand heraus, dass in Ebern auf jeden Fall zwei Kirmes-Rotoren gebaut wurden. Eckehard Kieswetter schreibt dazu: "Für sein Projekt benötigte Hoffmeister eine Trommel mit heb- und senkbarer Bodenplatte. Den Prototyp fertigte er aus Holz. Als Knackpunkt erwies sich ein Drehgelenk, das ihm im Kugelfischerwerk mangels passender Werkzeuge niemand fertigen konnte. Erika Zucker, die bei der Stadtverwaltung Hoffmeisters Gewerbeanmeldung registrierte, berichtet, dass Peter "Fuchzig" Schmitt diese Aufgabe übernahm. Der Mechaniker, ein Eberner Original, muss seinen Auftrag wichtig genommen haben. Tagelang hing an seiner Tür das Schild "Spionage verboten!". Lange hatte Hoffmeister zu tüfteln, ehe er Lager und Antrieb ausgefeilt, die optimale Drehgeschwindigkeit und den richtigen Belag für die Innenwand der Trommel gefunden hatte. Der Reibungswiderstand, den der geschäftstüchtige Ingenieur mit einem Gemisch aus Textil und Gummi erzeugte, war maßgeblich dafür, dass die Fahrgäste nicht allzu schnell umhergeschleudert werden mussten und an der Wand kleben blieben."

Als Helfer in Ebern standen dem Tüftler laut Lipp die Herren Osiander, Karl Friedel, Glöckner, Andreas Deutz und sein ständiger Begleiter, der Zimmermann Hans Kerler, zur Seite.

Die Erfindung kam grandios an. Nicht nur bei den Mitfahrern, die 1,50 Mark bezahlen mussten, auch bei Zuschauer, die sich für den Eintrittspreis von einer Mark auf einer der sechs Galerien über die einzigartige Rundfahrt amüsierten.

Dazu gehörten auch Eberner, die mit einem Dürrnagel-Bus nach München fuhren, wie Lipp herausgefunden hat, und "kostenlos rein durften".


Werbetrommel gerührt

Hoffmeister hatte sich bei einer Vorführung in Hamburg sogar kopfüber in seinen Elektromaten gewagt und darin auch Filme für die Wochenschau gedreht. Was für ein Drehmoment.

Die Werbetrommel rührte Hoffmeister erfolgreich: Weil Honoratioren wie der Bayerische Ministerpräsident Hans Ehard, ein gebürtiger Bamberger, ihre Runden drehten, berichteten die Zeitungen weltweit vom Kirmes-Rotor. Vergnügungsparks rund um den Globus gaben Bestellungen auf. "Sogar ein Lied wurde auf den Rotor komponiert", gab Lipp zum Besten.

Dazu hieß es im FT-Bericht: "Mit allerlei Werbe-Gags wusste Ernst W. Hoffmeister seine Erfindung zu vermarkten. Zum Ergötzen der Medien inszenierte er zum Beispiel eine rotierende Hochzeitsgesellschaft samt Kapelle und Festtagstafel, ließ bei Skatrunden Tische und Karten an der Rotorwand kleben, Artisten mit Wassereimern panschen. Diese PR-Aktionen verschafften dem Rotor sensationelle Umsätze."

Die Herstellung übernahm dann zunächst eine englische Firma, dann Siemens, berichtete Lipp. Hoffmeister selbst zog es als reichen Mann nach Kanada, wo sich seine Spur verliert. Jetzt taucht sie in Hof wieder auf.