Den 1. Mai 1986 wird Reinhold Albert aus Sternberg nie vergessen: An diesem herrlich sonnigen Feiertag sickerten über Schweden die ersten Informationen über erhöhte Radioaktivitätsdosen nach der Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl durch.

Zuvor hatte er sich mit einem ganz anderen Problemfall, der Grenzen überquerte, zu befassen: der Flucht eines jungen DDR-Grenzers, der dazu seinen Kameraden niederschoss. Diesen und 100 weitere Fluchtversuche entlang des "Eisernen Vorhanges" haben Albert und Gerhard Schätzlein in einem Buch zusammen getragen, das zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung erschienen ist und am 3. Oktober auf der Mainfranken in Würzburg und im Bayerischen Fernsehen vorgestellt wird.

Die Republikflucht des 19-jährigen Sven M. aus Leipzig, der der Grenzkompanie Einöd angehört hatte, sorgte wegen des Gebrauchs seiner Maschinenpistole, mit der er seinem Vorgesetzten, dem 24 Jahre alten Feldwebel Frank Q. in den Oberschenkel und den Unterleib schoss, für politische Interventionen auf höchster Ebene. Ein Auslieferungsantrag der DDR wurde abgelehnt, der geflüchtete DDR-Grenzer wurde noch im März 1988 am Bamberger Landgericht zu einer Haftstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt.


Viele Quellen gewälzt

Das Geschehen von damals haben die beiden Buchautoren akribisch aufgezeichnet, Akten und sonstige Quellen studiert, Zeugen gehört.

Reinhold Albert hatte an diesem Maifeiertag mit einem Kollegen zunächst einige Ausflügler am "antiimperialistischen Schutzwall", so die DDR-Lesart, entlang geführt. Was auf der Gegenseite nicht unbemerkt blieb. Deshalb wurde der DDR-Grenzposten alarmiert wurde und eine Zwei-Mann-Streife in Marsch gesetzt wurde, um die Spaziergänger von gegenüber zu fotografieren.

Als der Feldwebel gegen 16.30 Uhr seinen Apparat in einem Unterstand nahe des Tores auf dem Wege von Ermers- nach Schweickershausen aufbaute, nutzte der 19-Jährige die Gelegenheit zur Flucht, wobei er seinen Vorgesetzten mit mehreren und gezielten Schüssen außer Gefecht setzte. Laut Mitteilung des DDR-Generalanwalts wurde der Feldwebel dabei lebensgefährlich verletzt.

Seine Maschinenpistole warf Sven M. vor dem Metallgitterzaun weg, auf Westgebiet nahm er Messer und 60 Schuss Munition mit. Ihn trafen die bayerischen Grenzpolizisten auf einem Aussiedlerhof bei Ermershausen an, ehe in Ost und West die Maschinerie des Kalten Krieges ansprang.

Trotz seiner Klagen über die Gängeleien im DDR-Regime, persönlicher Umstände und seinem Freiheitsdrang, wie sie auch bei den aktuellen Flüchtlingsströmen zur Debatte stehen, musste sich der 19-Jährige vor der bundesdeutschen Justiz verantworten. Laut Gerichtsprotokoll soll Sven M. "total überrascht gewesen sein, als er kurz nach der gelungenen Flucht in einem westlichen Gefängnis landete".

Einer der geglückten Fälle von vielen Versuchen der Republikflucht, wie Buchautor Schätzlein feststellt. "Nicht einmal fünf Prozent der Flüchtlingen schafften es, die Grenzsperren zu überwinden, hat er herausgefunden. 100 solcher Versuche hat er in seinem spannenden Buch dokumentiert.