Ob der von der Bundesregierung ersehnte und mit einem milliardenschweren Zuschusstopf angefütterte Boom beim Elektroauto kommt? Experten zweifeln. Dabei kann E-Mobilität funktionieren: Die drei Millionen in Deutschland fahrenden E-Bikes sind der Beweis dafür.

Der Boom ist zum Selbstläufer geworden: Von den vier Millionen Fahrrädern, die nach Angaben des Verbandes der Zweirad-Industrie 2016 in Deutschland verkauft wurden, hatten 605 000 einen elektrischen (Zusatz-) Antrieb. Laut David Eisenberger vom Zweirad-Verband rechnet die Branche damit, dass der Anteil der E-Bikes von aktuell 15 auf bis zu 30 Prozent steigen könnte. "Das E-Bike ist kein Nischenprodukt mehr, sondern eine Selbstverständlichkeit auf den Straßen und Radwegen im Land", sagt Eisenberger.

Die Händler, wie etwa Fahrrad-Schnaus im unterfränkischen Haßfurt, haben sich auf den Trend eingestellt. "Jedes zweite Rad, das wir verkaufen, ist ein E-Bike", sagt Geschäftsführer Michael Einbecker (kleines Bild). Und er spricht von einem zweiten Effekt: Im Windschatten der Elektrobikes, die meist in der Preisklasse zwischen 2000 und 5000 Euro fahren, greifen die Kunden auch bei herkömmlichen Fahrrädern immer öfter zu hochpreisigen Modellen mit guter Ausstattung. "Der Markt hat sich innerhalb kürzester Zeit völlig verändert", sagt der Fahrradhändler in Haßfurt.


Weniger Räder, mehr Umsatz

Was Einbecker sagt, spiegelt die Statistik des Branchenverbandes wider: Der Rad-Verkauf ging 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 6,9 Prozent zurück. Trotzdem stieg der Umsatz um 7,0 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro. "Dieses Plus erklärt sich aus dem Zuwachs bei E-Bikes und hochwertigen Fahrrädern", sagt Eisenberger. 13 Prozent mehr E-Bikes wurden im Jahresvergleich verkauft; der durchschnittliche Verkaufspreis pro Rad stieg um ebenfalls 13 Prozent auf 643 Euro.

Der Rad-Markt steht buchstäblich unter Strom: Durch die große Nachfrage ist ein lukratives Feld entstanden, auf dem sich eine große Modell-Vielfalt tummelt. Längst hat das E-Bike sein biederes Senioren-Image abgelegt. Namhafte Hersteller haben eine Vielzahl sportlicher Modelle im Sortiment, bis hin zum E-Mountainbike aus Carbon, für das der Kunde 15 000 Euro hinblättern muss.


Begehrtes Siegel für Räder

Warum ist das E-Bike so viel erfolgreicher als das E-Auto? Eine mögliche Erklärung findet man in Schweinfurt. Hier, im Vorort Sennfeld, hat nicht nur einer der bekanntesten deutschen Fahrradhersteller seinen Sitz (Winora mit Hai-Bike und anderen Marken), sondern auch das Prüfinstitut Velotech, das das begehrte Siegel "GS" (geprüfte Sicherheit) an Fahrradhersteller vergibt.

Geschäftsführer Ernst Brust ist in der Branche als "Kaputtmacher" gefürchtet. Bei seinen Tests bringt er Geräte bis an die Grenze der Belastungsfähigkeit und darüber hinaus. "Nur so können wir zeigen, wo die Schwachstellen sind. Hersteller wollen ja Reserven bei der Sicherheit einbauen", sagt Brust. Dabei nimmt Velotech speziell beim Fahrrad nicht nur Komponenten unter die Lupe, sondern das Gesamtsystem. "Denn was nutzt die beste Bremse, wenn sie so stark verzögert, dass der zu schwach dimensionierte Rahmen bricht."


Schrott auf zwei Rädern?

2013 kam Velotech mit dem ersten großen E-Bike-Test in die Schlagzeilen. Im Auftrag von Stiftung Warentest und ADAC prüften die Schweinfurter Experten elektrische Citybikes und deckten Sicherheitsmängel auf. "Schrott auf zwei Rädern", stand in einigen Zeitungen.

Das Grundproblem war laut Brust die Tatsache, dass in der Frühzeit des E-Bikes oftmals herkömmliche Fahrräder einfach mit Motor und Akku ausgestattet wurden - dadurch veränderten sich das Fahrverhalten und die Lastverteilung grundlegend. Der Trend zum Leichtbau beim Fahrrad kam dazu. Diese Kritikpunkte hat die Industrie schnell aufgegriffen. Heute werden die meisten E-Bikes von Grund auf neu konstruiert, auf höheres Gewicht und höhere Geschwindigkeit ausgelegt.


Auf der Überholspur

Dazu kommen viele Neuentwicklungen bei der Akku-, Motor- und Steuertechnik, die das E-Bike auf die Überholspur katapultiert haben - während die Autoindustrie mit ihren Konzepten von vorgestern auf der Standspur bleibt. Längst bedient das E-Bike den Massenmarkt und keine elitäre Nische wie das E-Auto. Junge Leute fahren E-Mountainbikes, Rad-Touristen wählen ihre Strecken gezielt nach der elektrischen Infrastruktur aus, Kurierdienste in den Städten sammeln mit E-Bikes und Lastfahrrädern Ökopunkte und meistens einen Zeit- und Kostenvorteil gegenüber dem Auto.

Und das alles gänzlich ohne Prämien vom Staat, aus dessen Fördertopf für E-Autos mit 1,2 Milliarden Euro, Stand heute, erst 55 Millionen Euro abgerufen wurden. Für die 4000 Euro, die der E-Auto-Käufer als kleines Zubrot beantragen kann, könnte er sich ein erstklassiges E-Bike kaufen. Einfach aufsteigen und losfahren.



Pedelec, schnelles Pedelec, E-Bike: Wo liegt der Unterschied?

Elektrorad oder Elektrofahrrad sind die Oberbegriffe für Fahrräder mit Motorunterstützung. Sie teilen sich auf in folgende Kategorien:

Das Pedelec (Pedal Electric Cycle) unterstützt mit einem Elektromotor bis maximal 250 Watt während des Tretens und nur bis zu einer Geschwindigkeit von 25 km/h. Das Pedelec ist dem Fahrrad rechtlich gleichgestellt. Man benötigt weder ein Versicherungskennzeichen noch eine Zulassung oder einen Führerschein. Für Pedelecs besteht zudem keine Helmpflicht oder Altersbeschränkung.

Die schnellen Pedelecs, auch Schweizer Klasse oder S-Klasse genannt, gehören zu den Kleinkrafträdern. Die Räder funktionieren zwar wie ein Pedelec, die Motorunterstützung wird aber erst bei einer Geschwindigkeit von 45 km/h abgeschaltet. Für sie ist eine Betriebserlaubnis beziehungsweise eine Einzelzulassung des Herstellers vom Kraftfahrtbundesamt (KBA) notwendig. Das schnelle Elektrofahrrad braucht ein Versicherungskennzeichen (70 Euro pro Jahr), Fahrer müssen mindestens 16 Jahre alt und in Besitz einer Fahrerlaubnis der Klasse AM sein. Auch ein Schutzhelm ist Pflicht. Auf Radwegen darf man auch dann nicht fahren, wenn sie für Mofas frei gegeben sind.

E-Bikes sind mit einem Elektromofa zu vergleichen und lassen sich mit Hilfe des Elektroantriebs durch einen Drehgriff oder Schaltknopf fahren, auch ohne dabei in die Pedale zu treten. Wird die Motorleistung von 500 Watt und eine Höchstgeschwindigkeit von maximal 20 km/h nicht überschritten, gelten sie als Kleinkraftrad. Auch hier ist ein Versicherungskennzeichen, eine Betriebserlaubnis und mindestens eine Mofa- Prüfbescheinigung zum Fahren notwendig. Eine Helmpflicht besteht nicht.



Das E-Bike: Tipps und Pflege


Wer sich ein E-Bike zulegen will, sollte wissen: Elektroräder sind aufgrund der technischen Komponenten teurer als normale Fahrräder. Auf 2000 Euro beziffert David Eisenberger vom Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) den Durchschnittspreis eines E-Bikes. Günstiger geht es natürlich auch, allerdings sollte man Billigprodukte eher meiden. "Ein E-Bike ist ein beratungsintensives Produkt. Beim Fachhändler ist man bestens aufgehoben", so Eisenberger. Besonders bei Komponenten wie dem Akku sollte man auf Qualität setzen. Zudem hilft das Prüfsiegel. "Dann hat man die Gewissheit, dass das Rad sicher ist."

Wie in Mobiltelefonen und Notebooks werden auch bei Elektrofahrrädern fast ausschließlich Lithium-Ionen-Akkus eingesetzt. Besser ist es, sie jeden Tag wieder voll zu laden, auch nach Teilentladungen. 500 Ladezyklen garantieren die meisten Hersteller, danach sollte der Akku noch mindestens 80 Prozent der ursprünglichen Ladekapazität halten können. Ein Ersatzakku kostet je nach Kapazität 350 bis 1100 Euro.

Je größer der Energiegehalt, desto größer ist die Reichweite und desto teurer der Akku. Die Reichweite hängt aber auch von Einflussgrößen wie der Stärke der Motorunterstützung, Topographie, Fahrverhalten sowie dem Gewicht von Fahrer und Gepäck ab. Tipp für die Lagerung: Den Akku im Winter im Haus lagern und im Sommer kühl, also nicht im Auto in der Sonne.


Trends bei den E-Bikes

Bei der Messe "Velo" (an diesem Wochenende in Hamburg und am 10./11. Juni in Frankfurt) werden die aktuellen Trends der Fahrradbranche vorgestellt. Das E-Bike hat auch bei herkömmlichen Fahrrädern einen Schub technischer Innovationen ausgelöst - und nicht zuletzt das Preisniveau nach oben gekurbelt. Wer heute ein Rad kauft, ist bereit, richtig viel Geld auszugeben. "Der Trend geht zu hochwertigen Fahrrädern mit bester Ausstattung", heißt es beim Branchenverband. Features wie Scheibenbremsen und ultraleichte Materialien (Carbon), die früher im High-End-Bereich angesiedelt waren, findet man heute schon in der 1000-Euro-Klasse. Wer tiefer in die Tasche greift, bekommt mehr Technik für mehr Komfort etwa in Form einer elektronischen Schaltung. Im Zuge der Suche nach neuen Mobilitätsalternativen wird das E-Bike vor allem in Großstädten mehr und mehr zur echten Alternative zum Pkw. "Natürlich gibt es noch Skeptiker. Aber viele erkennen den Nutzen und steigen um", sagt David Eisenberger.