"Wir wollen uns als Opfer fühlen, aber wir sind auch Täter", sagt Hagen Rether. Der Kabarettist, der niemals müde wird, dem "Volk" seine Doppelmoral vorzuhalten und ihm die Augen nicht nur für die "Bösen dort oben", sondern auch für seine eigene Verantwortung "ganz unten" zu öffnen, gastierte beim Kulturamt Haßfurt in der mit 350 Besuchern ausverkauften Stadthalle. Dreieinhalb Stunden rüttelte er am Bewusstsein seiner Zuhörer: massiv, eindringlich, überzeugend, meistens bitterernst und nur selten lustig. Doch das Publikum stimmte ihm mit Zwischenapplaus zu und verabschiedete ihn mit langem Beifall.

"Das war anstrengend" und "jetzt bin ich müde", aber auch "toll, wie schonungslos er mit uns allen umgeht", waren einige der Reaktionen aus dem Publikum. Doch der Aufforderung von Hagen Rether, "wenn Sie nicht mehr können, gehen Sie einfach", war niemand gefolgt. Zu spannend und zu interessant war, was er, lässig auf seinen Stuhl gefläzt und selbst nicht müde zu kriegen, im Plauderton an den Mann und die Frau brachte. Sein Motto ist, niemandem die Möglichkeit zu bieten, die Schuld an den Missständen auf dieser Erde auf die Politiker und Regierungen ganz oben, die Multikonzerne oder die anonyme Gesellschaft zu schieben.


Alle sind Verantwortlich

Denn die Wirklichkeit sei böse, weil alle dafür verantwortlich sind. Er fragte: "Wieso bereiten wir den Tieren die Hölle auf Erden? Wieso beuten wir unsere Erde für die Massentierhaltung aus, wieso fliegt man zum Ayurveda nach Indien und schimpft gleichzeitig über die schlechte Ökopolitik von Angela Merkel? Wieso dreht sich alles nur um den Konsum?" Der überzeugte Veganer und Umweltschützer, versprach: "Ich mache solange Kabarett, bis man Fleisch verbietet!"


Viel zu früh unter Druck

Rether plädiert auch dafür, Kinder Kinder sein zu lassen und nicht von Beginn ihres Lebens an unter Druck zu setzen. Er ist der Meinung, dass ein Grundeinkommen notwendig ist und jeder freiwillig so lange arbeiten können sollte, wie er will und kann. "Der Kapitalismus zerquetscht die Menschen, überfordert die Kinder und unterfordert die Alten", so seine These.

Wütend prangert er die sexuelle Gewalt an: "Jede fünfte Frau ist Opfer sexueller Gewalt, das wären hier im Publikum 70 Frauen - und die Täter sitzen mitten unter uns, obwohl keine Marokkaner anwesend sind." Und weiter: "Doch dass die Frauenhäuser aus allen Nähten platzen, interessiert uns nicht. Wir haben ja die Marokkaner, die wir abklatschen können." Und: "Unsere Männer fahren auf den Kinderstrich nach Tschechien. Gibt es dagegen eine Bürgerwehr?"


"Ururenkel von Raubrittern"

Aufregen kann er sich auch darüber, dass aus den Verhandlungen der Bundeskanzlerin mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan ein Tamtam gemacht wird und niemand Merkel hilft. "Dabei sind wir Nutznießer aller Kriege und Umweltkatastrophen, und alles, was wir kaufen, kommt aus Staaten, mit denen wir nichts zu tun haben wollen." Rether: "Wir müssen nicht die Grenzen schützen, sondern die Menschen. Schließlich sind wir die Ururenkel von Raubrittern, die die Welt ausgebeutet haben, und sagen jetzt lapidar: danke für die Rohstoffe."
Hagen Rether kämpft mit seinen Worten für die Würde der Frau und der Kinder, rügt die Heuchelei, den zunehmenden Antisemitismus und das Erstarken der Rechtspopulisten, erklärt, dass der Judenhass in Deutschland seit tausend Jahren dunkle Leitkultur sei, und betont: "Unsere Gesellschaft ist schwach geworden. Das sieht man daran, wie sie mit Minderheiten umgeht."
Sein Fazit: "Wir wissen genau, was falsch läuft. Aber wir haben kein Denkproblem, sondern ein Handlungsproblem."