"Damals", als Inge Günther noch "Die Kiste", den Strickladen am Marktplatz, hatte, und ihre Kunden, vor allem die Frauen, mit Stickgarn und allerlei Sockenwolle versorgte, wurde der Strickabend des Bürgervereins ins Leben gerufen. "Sie hat ja das richtige Faible dafür", meint Ingo Hafenecker, Vorsitzender des Vereins. Für einige ist dieses Angebot zu einem festen Termin in der düsteren Herbst- und Winterzeit geworden, denn: "Das ist ja auch die Strickzeit", weiß die Fachfrau Inge Günther und knackt weiter die Walnüsse.

Zwischen Münzen, Gemälden, Betten aus dem letzten Jahrhundert und Vitrinen voller historischer Gegenstände hat es sich der Strickkreis im Heimatmuseum gemütlich gemacht. Immer donnerstags um 19 Uhr geht es los. Bis Weihnachten. "Die Damen wollten natürlich länger machen, aber ich habe gesagt, das reicht so", erzählt Inge Günther. An dem langen Stricktisch sitzen oft bis zu zwanzig Frauen. "Ein paar fehlen heute schon", wundert sich Ingo Hafenecker. Doch dann fällt ihm ein: "Ach, heute war ja Ausflug der Senioren."

Der Mundschenk

Hafenecker sitzt mitten unter den strickenden Frauen. Ohne Nadeln in der Hand. Trotzdem fühlt er sich "sauwohl". "Er und sein Bruder Adolf sind unsere Mundschenk", sagt Inge Günther.

Der rege Austausch mit der Sitznachbarin ist an diesen Abenden genauso wichtig wie die Handarbeit selbst. Wenn die 84-jährige Lotte Dietz Zuhause strickt, dann macht sie das vor dem Fernseher. Ihre Augen und ihr Kopf bewegen sich vom flimmernden Bild zu den Maschen auf der Nadel und wieder zurück. Im Heimatmuseum steckt sie ihren Kopf immer wieder mit Edeltraud Hofmann, die der "Gaudi wegen hier ist", zusammen. Edeltraud Hofmann war selbst 30 Jahre in der Vorstandschaft des Bürgervereins tätig: "Da habe ich eine Blitzkarriere gemacht", sagt sie mit einem zwinkernden Auge.

Häkeln im Sommer

Im Sommer legt Lotte Dietz die Stricknadeln ins Körbchen und lässt die Häkelnadel arbeiten: "Wenn es warm ist, dann schwitzen die Hände zu sehr." Und das Ergebnis: Topflappen in großen Mengen, die sie dann verschenkt. Edeltraud Hofmann hat auch schon welche. "Gern möchte ich mal wissen, wie viele ich schon gemacht habe", gesteht Lotte Dietz. Die Antwort kommt prompt von Edeltraud Hofmann: "Die sind unzählbar." Die beiden stricken etwa fünf bis sechs Paar Socken jeden Winter.

Ihre Maschen, die sie beim Strickabend im Heimatmuseum auf die Nadel bringen, zählen sie aber nicht. Denn da geht es nicht um die Wette. Der Punschduft zieht durch die linken und rechten Maschen und die Muster im Socken. Da ist auch Genuss dabei. "Sie ist das Herz und die Seele der ganzen Geschichte", sagt Ursula Stojan und wirft einen Blick auf Inge Günther, die an der Stirnseite der mit Nelken, Orangen und Kerzen geschmückten Stricktafel Platz genommen hat. Sie bereitet den Damen die Nüsse zum Verzehr, beim nächsten Mal schält sie Orangen.

Die Frau vom Fach


Und immer hat Inge Günther die modernste Wolle und die aktuellsten Strickhefte dabei. Für Ursula Stojan die besten Voraussetzungen. Sie ist zum Auffrischen da, wollte wieder ran an die Nadel: "Als ich zwölf war, habe ich Socken stricken gelernt. Die letzten 52 Jahre habe ich das aber nicht mehr gemacht", erzählt die Ebernerin. Von Inge Günther bekommt sie viele gute Tipps. "Mit einem Buch mir das beizubringen, hätte keinen Spaß gemacht. Ich bin eher ein learning-by-doing-Typ", sagt sie. Was da an ihren vier Nadeln hängt, sieht schon nach einer Socke aus. Für wen? " Nur für mich selber. Ich werde sie wahrscheinlich im Bett anziehen."

Von Birkach kommt Daniela Koch zum Stricken nach Ebern. Wegen zweierlei Dingen: So kann sie ganz einfach ihre Beziehungen und Kontakte nach Ebern vertiefen. Und wegen der Gruppe: "Natürlich habe ich einen Mann daheim, aber der hat für das Stricken überhaupt keinen Sinn." Die Damen schon.

"Nicht immer ist es so lebhaft wie heute", freut sich Ingo Hafenecker über die Gemeinschaft. Er weiß selbst, was solch ein Angebot bedeutet, wenn man sonst jeden Abend alleine verbringen muss. "Ich habe auch schon mal Witwen ganz gezielt eingeladen. Wenn man alleinstehend ist, dann ist man dankbar, wenn man mal so eine Abwechslung hat."

Nach knapp zwei Stunden legen Elfriede Sachs und Ilse Hofmann ihre Nadeln auf den Tisch: "Wir mögen nimmer", beschließen die Damen. Doch dann packt Ilse Hofmann doch noch der Ehrgeiz und sie strickt weiter. "Komm, mach deine Spitze noch fertig", motiviert sie ihre 80-jährige Freundin Elfriede Sachs.