Kreis Haßberge — 334 Kinderwünsche hängen an den Wunschzettelbäumen, die das Familienbüro des Kreisjugendamtes in diesem Jahr in Haßfurt, Ebern und Hofheim in der Adventszeit aufgestellt hat. Der Baum im Eingangsbereich des Ämtergebäudes in Ebern besticht bereits durch kahle grüne Äste und leuchtende Kerzen: "Es ist echt toll, wie groß die Hilfsbereitschaft ist", freut sich Rita Veen, die sich in der Verwaltungsgemeinschaft um soziale Angelegenheiten kümmert.
Sie hat 115 Wunschzettel an den Eberner Baum gehängt: Ein Lesebuch, eine Handtasche, irgendetwas von Hello Kitty, Duplo-Steine und vieles mehr. Alle haben den Weg zum Christkind und dem Weihnachtsmann gefunden.

Vielfältige Schwierigkeiten

Es sind Wünsche von Kindern aus bedürftigen Familien. "In der Regel bekommen sie Hartz IV, also Arbeitslosengeld II", informiert Ursula Salberg, die das Familienbüro im Kreisjugendamt in Haßfurt leitet. Das Geld ist oftmals nicht das einzige Problem ihrer "Kundschaft". Häufig sind es eine Vielzahl von Schwierigkeiten, die das Schicksal der Menschen bestimmen: "Überschuldung, Wohnungsprobleme, Schulprobleme und gesundheitliche Probleme", zählt Ursula Salberg auf. Mit diesen Belastungen ist auch Friede und Freude in der Adventszeit fernab. Und Weihnachten ist meist dann, wenn kein Geld mehr da ist.
"Eigentlich essen wir jedes Jahr an Weihnachten Lachs", erzählt Renate P. (Name von der Redaktion geändert), eingemummt in ihre Winterjacke. Sie sitzt am Esstisch in ihrer Wohnung. Irgendwo in den Haßbergen. "Aber dieses Jahr wird das schwierig. Die Packung kostet drei Euro. Naja, ich hab sowieso gelesen, dass das ziemlich ungesund sein soll." Renate P. ist 45 Jahre. Schon als Jugendliche war ihr Leben von Drogen bestimmt. Sie machte einen Entzug. Dann bekam sie zwei Kinder. Sie hat die berufliche Insolvenz ihres Partners miterlebt, sich dann getrennt. Sie hat es geschafft. Fast.
Jetzt sitzt sie in der Hartz-IV-Spirale fest, und kämpft für ein besseres Leben. Knapp 300 Euro hat sie für sich und ihre beiden Kinder im Monat zum Leben. "Im Gegensatz zu anderen geht es uns gut. Wir haben Essen, ein Dach über dem Kopf und Frieden", sagt die Mutter und denkt dabei an ihren letzten Besuch bei der "Tafel" in Eltmann. "Die haben ja nicht mal was zum anziehen", erinnert sie sich an den afrikanischen Mann, den sie bei Herbstwetter dort gesehen hatte: "Die Kriegsflüchtlinge sind arme Menschen. Die brauchen unsere Hilfe." Denn wäre bei uns Krieg, ist sich die bedürftige Frau sicher: "Würden wir auch woanders hingehen."

Not beginnt im Sommer

Bereits im September, wenn Renate P. die ersten Lebkuchen im Supermarkt sieht, klingeln bei ihr die Weihnachtsglocken: "Da denkt man nur noch ans Sparen, dass man an Weihnachten etwas für die Geschenke hat." Legt sie was weg, beißt sich die Katze in den Schwanz: "Das ist eine Katastrophe. Da fehlt überall das Geld." Von einer "stillen Adventszeit" kann Renate P. nicht reden. "Zwei Samstage habe ich jetzt eine Arbeit. Dann bin ich wieder arbeitslos", erzählt sie. Die Rennerei mit den Papieren zum Jobcenter, Bürgerbüro, Caritas und der Stadt halten sie mehrere Tage auf Trab.
"Weihnachten bedeutet mir sehr viel", gibt sie zu, " aber im Moment macht es mir nur Ränder unter die Augen." Schlafen kann sie kaum noch. Die 45-Jährige könnte mittlerweile auf Weihnachten verzichten, aber sie macht es der Kinder wegen.
"An den Kindern bleibt die ganze Sache mit dem wenigen Geld hängen. Die werden bestraft, dass ich Hartz IV bekomme." Wie alle Kinder, haben auch Renates Töchter Wünsche. Am Adventskalender zählen sie die Tage bis zum großen Fest.
Die Drei leben in einer Wohnung, die dem Amt zu teuer ist. Sie muss draufzahlen, obwohl Renate P. auf dem Sofa im Wohnzimmer schläft und sich Schimmel in der Wohnung ausbreitet. "Was ich mit den Geschenken machen kann, weiß ich noch nicht."

Ein Glücksmoment

Aber den Moment, wenn die Töchter vor dem Tannenbaum stehen, die Augen funkeln und Geschenke auspacken, will sie nicht vermissen. "Dann sehe ich, dass sich die ganze Arbeit und der Stress gelohnt haben." Bis die Jahresrechnung von Heizung und Wasser kommt: "Das schlägt nochmal richtig rein."
Renate P.. weiß, was sie für sich persönlich ganz oben auf ihren Wunschzettel schreiben würde: "Eine Arbeit." Damit hätte sie die Chance, "das schon alles selber alleine zu schaffen". Sie will keine Unterstützung. Sie will unabhängig sein. Dieses Gefühl könnte ihr auch ein Roller oder irgendeine flexible Fahrmöglichkeit bieten. Dann wäre es auch mit einem Arbeitsplatz einfacher. Ein total harmonisches Weihnachtsfest kennt Renate aus ihrer Kindheit nicht. Aber trotzdem: "Damals war ich zufrieden." Sie sucht weiter nach einem Handy und einem Angebot von Porträtbildern für wenig Geld. Denn ihre Töchter will sie in diesem Jahr zufrieden und glücklich rund um den Weihnachtsbaum sehen.