Das zentrale Thema beim Dekanatsfrauentag war "Der Superfrau-Komplex". Die Dekanatsfrauenbeauftragten hatten zu dieser Veranstaltung nach Ebern eingeladen, und so konnte das Vorbereitungsteam um Charlotte Seitz und Traudi Wießler eine stattliche Anzahl interessierter Frauen in der Aula der Grundschule willkommen heißen. Als Referentin hatte man Pfarrerin Elfriede Koch aus Lohr am Main gewonnen; für die musikalische Umrahmung sorgten die "Crazy Ladies".

Nachdem das Quintett die Anwesenden mit "Oszhidanja" (Erwartung) zusammengerufen hatten, hießen Charlotte Seitz und Hausherrin Rektorin Gudrun Schnitzer die Gäste willkommen und gingen kurz auf die Thematik des Nachmittags ein. Dekan Jürgen Blechschmidt bedankte sich beim Vorbereitungsteam für dessen Einsatz und wünschte allen "einen interessanten, lohnenden, spannenden, geselligen und informativen Nachmittag mit neuen Erkenntnissen". Vor dem Referat begeisterte die Musikgruppe mit ihrer Version des Liedes "Das bisschen Haushalt ...".

Elfriede Koch warf gleich zu Beginn die These in den Raum, dass "viele Frauen in dem Gefühl leben, sie seien ungenügend, müssten anders, besser, schöner, tüchtiger, freundlicher und ordentlicher sein". Sie zitierte dabei die amerikanische Psychologin Marjorie Shaevitz, die schreibt, dass viele Frauen in der Vorstellung lebten, wenn man den oben genannten Ansprüchen nicht genüge, "ist man eine Versagerin, wertlos, gescheitert und verachtenswert."


Wenn das Wörtchen "nein" im Sprachschatz fehlt

Die Referentin nannte dann zehn Erkennungsmerkmale für das "Superfrau-Syndrom", etwa dass die Betroffenen stets freundlich, hilfsbereit, fürsorglich und fleißig sind, aber nie Zeit für das haben, was sie eigentlich tun wollte. Daneben achten sie auf Gründlichkeit, Genauigkeit und Sorgfalt. Superfrauen orientieren sich Koch zufolge an den Anforderungen des Augenblicks, statt ein übergreifendes Ziel im Auge zu haben. Fehlerlosigkeit sei zudem oberstes Ziel, zu versagen eine Katastrophe. Das Wörtchen "nein" komme in ihrem Sprachschatz nicht vor: Wünsche und Bitten würden umgehend erfüllt - eigene Bedürfnisse stets zurückgestellt. Elfriede Koch gab unumwunden zu, dass nicht alle "Fehlverhalten" auf jede Frau zutreffen, aber sehr viele Frauen fänden bei sich bestimmt mehr als nur das ein oder andere Merkmal wieder. Ergebnis: lähmende Resignation.

Doch es finden sich auch Wege aus diesem zwanghaften Verhalten. Acht Gebote stellte die Referentin vor, unter anderem: Deine Zeit ist wertvoll; du brauchst nicht in allen Dingen Vollkommenheit erreichen und musst nicht alles tun, worum man dich bittet. Du musst lernen, nein zu sagen und für deine eigenen Bedürfnisse zu sorgen. Deine Zeit solltest du jenen Menschen und Dingen widmen, die dir besonders wichtig sind. Richte deinen Blick auf das, was richtig und gut ist.


Wieder unter Druck

Die Gefahr, die in diesen "Geboten" steckt, ist Koch zufolge, dass man sich erneut unter Druck bringt oder zumindest fühlt. Sie nennt diese Superfrau-Gebote zwar durchaus sinnvoll, allerdings bedeuten sie für sie keine echte Lösung des Problems. Sie weiß, dass Menschen die einzigen Wesen auf der Welt sind, welche die Idee von einer Vollkommenheit haben, die es so in der Wirklichkeit nicht gibt.

Zwang und der Druck falscher Idealen brauche man nicht auszuhalten zu werden, denn - so die Referentin - dagegen gibt es ein Heilmittel. Sie findet dieses in der Bibel und durchleuchtete den Ausspruch Jesu "Ihr sollt vollkommen sein, wie auch euer himmlischer Vater vollkommen ist". Aber Gott erwarte nicht, dass man Dinge vollbringen, für die man weder die Begabung noch die Reife haben. Für Koch erwartet er, dass der Mensch er selbst ist und sich von ihm lieben lässt, seine Liebe annimmt und erwidert, ohne Hintergedanken, ohne heimliche Vorbehalte, eher wie ein Kind: ungeteilt und offen.

Nach der Kaffeepause traf man sich in vier Gesprächsgruppen, um das Gehörte zu verinnerlichen und sich über die Thematik auszutauschen. Hier ging es vor allem um die Fragen, woher die Ansprüche kommen, wie man damit umgeht und welche persönlichen Strategien im Umgang mit den mannigfachen Anforderungen schon entwickelt wurden. Schließlich suchten die Teilnehmerinnen noch Antworten auf das Problem, wie es gelingt, sich von der Vorstellung, Vollkommenheit erreichen zu wollen, verabschieden kann.

Mit einer eindrücklichen Andacht zum Thema rundete Pfarrerin Martina Posekardt (Maroldsweisach) den Nachmittag ab. Sie bezog sich dabei auf eine Bibelstelle aus den Sprüchen Salomos, wo es heißt "Eine tüchtige Frau ist ihres Mannes Krone" und gab zu bedenken, dass es gar nicht so einfach ist, dieses Ideal anzustreben und betonte, "dass man nicht immer gut drauf sein muss und kann".


Zur Referentin

Elfriede Koch, eine gebürtige Bayreutherin, ist seit 1975 verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Nach Abitur und Musikstudium in Nürnberg wechselte sie das Studienfach und studierte Theologie in Neuendettelsau, Tübingen, Heidelberg und Yavatmal (Indien). Ihr Vikariat absolvierte sie in Neustadt bei Coburg. Ab dem Jahr 1981 gingen sie und ihr Mann in die Mission nach Tansania. Sieben Jahre später kehrten beide nach Deutschland zurück: Ehemann Albrecht übernahm die Pfarrstelle in Lohr a. M., sie selbst stieg nach und nach in den Schuldienst ein und arbeitet jetzt als Pfarrerin am Gymnasium. Nebenberuflich ließ sie sich zur christlichen Therapeutin bei IGNIS (Gesellschaft für christliche Psychologie) ausbilden. Zur ehrenamtlichen Tätigkeit in Kirchengemeinde und Seelsorge kommt die regelmäßige Vortragstätigkeit als Referentin bei Frauentreffs, die sich über ganz Deutschland erstreckt.