Erst die Verbrechen des NSU haben vielen Menschen vor Augen geführt, welche Gefahr von Rechtsradikalen ausgeht und wie gut die Szene vernetzt ist. Dennoch wird die Gefahr weiterhin unterschätzt. Das sagt zumindest Peter Ohlendorf. Mit seinem Film "Blut muss fließen - Undercover unter Nazis" war er auf Einladung des DGB-Kreisverbandes am Dienstag im Zeiler Kino zu Gast. Anschließend stellte sich der Filmemacher den Fragen des Publikums.

Der Protagonist des Films, Thomas Kuban, lebt seit vielen Jahren ein Doppelleben. Vor Jahren schleuste sich der Journalist in die Neonazi-Szene ein, um mit versteckter Kamera von Rechtsrock-Konzerten zu berichten. Thomas Kuban ist nicht sein echter Name, sondern eine Kunstfigur, die er geschaffen hat und als die er in der Öffentlichkeit auftritt, um über seine Ergebnisse zu berichten. Sein Gesicht versteckt sich dabei hinter einer Sonnenbrille, einer Perücke und einem falschen Bart, denn aus der Neonazi-Szene gibt es zahlreiche Morddrohungen gegen ihn.


Musik als Einstiegsdroge

Eine Expertin, die im Film zu Wort kommt, bezeichnet die Musik als "Einstiegsdroge". So würden viele junge Menschen, die sich zunächst gar nicht für die Texte interessieren, mit der Zeit an rechtes Gedankengut herangeführt. Dass bei den Auftritten rechter Bands eine große Zahl an Straftaten begangen wird, dokumentieren Kubans Filmaufnahmen deutlich. Zu hören sind Texte, die eindeutig den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllen. Zu sehen sind Horden von grölenden jungen Menschen, die dabei den Arm zum Hitlergruß heben.

Der Film prangert vor allem den Umgang des Staates und der Behörden mit dem Thema an, denn was der Journalist mit seiner versteckten Kamera gefilmt hat, hätten auch Verfassungsschutz und andere Organisationen herausfinden und bekämpfen können. Dennoch führte in vielen Fällen nicht einmal die Tatsache, dass Kubans Beiträge in Fernsehberichten gezeigt wurden, zu einer Verfolgung der eindeutig zu erkennenden Täter.

Zur Diskussion nahmen nach der Vorführung fünf Personen auf dem Podium Platz. Filmemacher Ohlendorf diskutierte mit dem Eberner Bürgermeister Jürgen Hennemann, DGB-Vertreter Thomas Dietzel und dem ÖDP-Kreisrat Klemens Albert. Die Moderation übernahm der Journalist Martin Sage. Thomas Kuban selbst kann an solchen Veranstaltungen nicht teilnehmen, der Sicherheitsaufwand wäre viel zu groß.

Auf die Frage, ob sich seit der Veröffentlichung des Films im Jahr 2012 etwas geändert habe, entgegnet Ohlendorf: "Es läuft nicht so weiter." So hätten einige Behörden die Rolle erkannt, die die Musik bei Nazis spielt, die Jugendliche an rechtes Gedankengut heranführen wollen. Dies seien allerdings immer noch einzelne Verantwortliche, ein flächendeckendes Vorgehen gebe es noch nicht.

Klemens Albert spricht von seiner Beobachtung, dass es gerade schwache Jugendliche seien, bei denen er die rechtsradikale Musik aus den Autos höre. "Als Pädagoge sage ich: Hilft die Pädagogik nicht mehr, muss das Strafrecht her", forderte er Konsequenzen für die Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts. Aus seiner eigenen Erfahrung berichtete er auch, dass rechte Gewalttaten oft nicht ernst genommen würden. Er selbst hatte für seinen Einsatz gegen rechts Drohungen erhalten und hatte einmal ein brennendes Kreuz in seinem Hof stehen. "Vom damaligen Landrat Rudolf Handwerker wurde das als Lausbubenstreich bagatellisiert", kritisierte er.


"Riss durch die Gesellschaft"

Peter Ohlendorf sagte hierzu, dieses Verhalten sei üblich. Doch gerade das Herunterspielen sei gefährlich. "Nazis sind immer da stark, wo es wenig Widerstand gibt. Wir machen sie stark, wenn wir ihnen nicht entgegentreten", betonte er.

Jürgen Hennemann sagte, es gehe zwar zu weit, die Pegida-Bewegung oder die rechtspopulistische Partei AfD als "die Saat dessen" zu bezeichnen, was der Film gezeigt hatte, es bestehe aber durchaus ein ideologischer Zusammenhang. Als gute Mittel, um die Entstehung von Rassismus zu verhindern, nannte er die Aufklärung an Schulen und die dezentrale Unterbringung von Asylbewerbern, durch die viele Bürger Flüchtlinge in der Nachbarschaft kennenlernen. Thomas Dietzel bezeichnete den Übergang zwischen Pegida und den Neonazis im Film als fließend. "Das Problem wird im Haßbergkreis unterschätzt", sagte der Gewerkschafter in der Diskussion.

Aus dem Publikum meldete sich unter anderem Walter Richter zu Wort, der auf ein rechtes Konzert in Hildburghausen hinwies und von einem europaweiten Rechtsruck sprach. In der hohen Zustimmung für die AfD sieht er auch eine "Folge des Gefühls, abgehängt zu werden." Er warnte davor, dass eine Verschärfung der Kluft zwischen arm und reich auch den Rechtsradikalismus beflügeln könnte.


Kein Unterschichtenproblem

Auch Regisseur Ohlendorf stimmte zu, dass dieser "Riss durch die Gesellschaft" hochproblematisch sei. Ein weiteres Problem beschrieb er: "Unser Bild von Deutschland ist doch: Wir haben uns gestellt." Doch die Aufarbeitung der Vergangenheit werde vor allem von Akademikern geführt. "Es ist nicht unten angekommen. Da saß immer noch der Opa, der sagt: ,Unter Hitler war nicht alles schlecht.'" Rechtes Gedankengut sei kein reines Unterschichtenproblem, auch bei Bürgerlichen ließen sich solche Ansichten feststellen.

Ein Beispiel aus seinem eigenen Umfeld konnte Klemens Albert erwählen. Dieser hat eine dunkelhäutige Adoptivtochter, die im eigenen Haus angesprochen wurde mit den Worten: "Solche wie dich brauchen wir hier nicht." "Sowas kommt aus der Mitte der Gesellschaft", sagte Klemens Albert.