Wer Geschichten liebt, braucht nur mal den Cäpt'n auf seinem Hof in Humprechtshausen zu besuchen. Besonders dann, wenn Bernd Jakob (so heißt der Cäpt'n, wenn er Dinge regeln muss, für die er einen normalen Namen braucht) seine Kumpels einlädt. Die kommen nämlich einmal pro Jahr aus allen Ecken Deutschlands und der Welt in den Landkreis Haßberge geeilt und schweißen aus irgendwelchen Schrottteilen kuriose Fahrzeuge zusammen.

Und alles nur, weil der Cäpt'n vor knapp 20 Jahren feststellen musste, dass er keine Ahnung vom Schweißen hatte und deswegen beschloss, "einfach mal den ganzen Tag lang zu schweißen", erzählt er. Das wirkte ansteckend. Anfangs tüftelten nur er und ein Kumpel im Hof, jetzt waren es über 30 Hobby-Schweißer, die am vergangenen Wochenende aus allerhand Schrott teils wahnwitzige (aber fahrtaugliche!) Vehikel zusammenbastelten.

Sehr weit verstreut
Der Cäpt'n ist nun 43 Jahre alt, und die "Schweisszeit" - so nennt sich das Spektakel - hat sich von Jahr zu Jahr immer ein bisschen vergrößert. Aber es ist und bleibt, so erklärt es Jakob, eine Gaudi unter Freunden, die "mittlerweile alle sehr weit verstreut wohnen". Einmal pro Jahr trommelt sie der Cäpt'n zusammen und bittet sie an die Schweißgeräte. "Damit wir uns nicht irgendwie sinnlos treffen. Das ist ja langweilig," sagt er.

Auch Bernd Jakob selbst wohnt nicht mehr im Landkreis Haßberge, sondern seit vier Jahren in Berlin. Aber seiner alten Heimat fühlt er sich verbunden, er hat Freunde und Familie hier. Deswegen lässt er sich auch regelmäßig in Humprechtshausen blicken. Das Dorf in der Gemeinde Riedbach "ist meine Basis", sagt er.
Während er dem Reporter das Prinzip "Schweisszeit" erklärt, tut sich in der Freiluft-Werkstatt so einiges. Ausgediente Fahrräder werden zerlegt und Teile davon mit anderen Trümmern verbunden. Leicht macht es sich hier keiner, es darf ruhig originell und kompliziert sein.



Die "Schweisszeit"-Regeln sind einfach. Es gibt drei Klassen: Fahrzeuge mit bis zu zwei Rädern, die mit Muskelkraft angetrieben werden (gemäß offiziellem Regelwerk "Pedalantriebe, Laufräder, Ruderantriebe, usw."), Fahrzeuge mit mehr als zwei Rädern, ebenfalls mit Muskelkraftantrieb sowie "Fahrzeuge mit Alternativantrieb" (zum Beispiel Rückstoß, Aufziehwerk, Pneumatik, Hydraulik, Elektromotor, Dampfmaschine, Schwungmasse).
Johannes Dorsch bastelt gerade an einem Zweirad. Er wohnt in Leipzig, stammt aber aus dem Raum Ebern. Der 30-Jährige ist mit seinem Bruder Daniel (26) und Cousin Fritz (22) nach Humprechtshausen gekommen. Gemeinsam bauen sie eine Art Chopper überwiegend aus den Resten alter Mopeds und Fahrräder. Rund 60 Einzelteile haben sie zusammengeschweißt, Bremszüge und Gangschaltung neu verbaut. Nach zwei Tagen Arbeit geht es auf die Straße für eine erste Testfahrt.

Dann kommt das Feintuning für das Rennen am Abend: Zum Schluss treten alle Bastler auf der Rennstrecke ("Die 27 Meter von Humprechtshausen") gegeneinander an. "Das Schöne hier ist, dass Dinge entstehen, die so nie entstehen würden", sagt Johannes Dorsch.

Aberwitzige Arbeiten
Genau daran hat der Cäpt'n seine Freude. Seine Kumpels fühlen sich wohl, es gibt etwas zu essen und zu trinken, Livemusik, alle sind entspannt. Das setzt die Kreativität frei, die es für die "Schweisszeit" braucht. Auch die Nachbarn und andere Dorfbewohner schauen gerne im Hof des Cäpt'ns vorbei, um sich die aberwitzigen Arbeiten der Hobby-Schweißer anzuschauen. Und ein Plausch mit dem Hausherr ist sowieso eine unterhaltsame Sache, denn der 43-Jährige kommt viel rum und hat immer was zu erzählen. Dabei gilt übrigens "die 80/20-Regelung", sagt er. Das heißt, jede Geschichte, die auf seinem Hof erzählt wird, muss mindestens zu 20 Prozent der Wahrheit entsprechen.